Die
„guten Absichten“ des Herrn Erdoğan
Erdal Er, Behdînan
Auf den ersten Blick
wirkt die [titelgebende] Äußerung des türkischen Ministerpräsidenten Erdoğan
human und elegant, wir wissen jedoch um die bitterböse Kriegsrealität,
für die eben dieser Erdoğan mit seinen Befehlen verantwortlich ist. Er
zieht es vor, sich dieser Realität zu entziehen, und betont in letzter
Zeit bei jeder Gelegenheit, dass er und seine AKP-Regierung ihre guten
Absichten erklärt hätten und diesen Taten gefolgt seien. Hierbei bezieht
er sich explizit auf Gespräche mit dem seit über 500 Tagen [verschärfter]
Isolationshaft ausgesetzten Abdullah Öcalan. Dabei macht er der kurdischen
Bevölkerung Vorwürfe und fordert sie dazu auf, quasi Ruhe zu geben, da
er und seine AKP ja ihre guten Absichten bewiesen hätten. Diese Äußerungen
und Haltung Erdoğans sind jedoch eine schwere Beleidigung und Diffamierung
der sozialen Intelligenz des kurdischen Volkes. Denn die türkische Seite
selbst hat die Existenz des kurdischen Volkes problematisiert, indem sie
Bomben auf dessen Köpfe herabregnen ließ, es verleugnete und verleumdete.
Und nun fordert Erdoğan es zum Schweigen auf.
Die kurdische Bevölkerung hat aus Erfahrung zur Genüge gelernt, dass die
Guten und die Bösen voneinander zu trennen sind. Zu diesen Erfahrungen
gehören aktuelle Beispiele wie z. B. die Verbote der kurdischen Identität
und Kultur und Militäroperationen wie Luftangriffe und das Massaker von
Roboskî (Ortasu) mit 34 toten Zivilisten.
Wir wollen unter Beachtung der Erfahrungen aus der Vergangenheit den Wert
der Erklärung der „guten Absichten“ im praktischen Leben der kurdischen
Gesellschaft untersuchen:
- 31. Dezember 2012:
Bei einer massiven Militäroperation werden 10 Guerillakämpfer in Pîran
(Lice) massakriert.
- 07. Januar 2013:
Bei einer weiteren Militäroperation werden 14 Guerillakämpfer in Çelê
(Çukurca) massakriert.
Am selben Tag erfolgen Massenverhaftungen und Inhaftierungen von Kurden
in Nordkurdistan und der Türkei.
- 09. Januar 2013:
In Paris werden Sakine Cansız, Fidan Doğan und Leyla Şaylemez ermordet.
Am selben Tag wird in der Innenstadt von Nisêbîn (Nusaybin) ein Guerillakämpfer
extralegal hingerichtet.
- 14. Januar 2013:
Die türkische Luftwaffe tötet bei einem großangelegten Luftangriff gegen
die von der Guerilla gehaltenen Medya-Verteidigungsgebiete 7 Kämpfer.
Zusammengefasst haben
wir zwischen dem 31. Dezember 2012 und dem 14. Januar 2013 den Tod von
35 kurdischen Jugendlichen, Politikern oder Guerillaangehörigen zu beklagen.
Erdoğans „gute Absichten“ haben für uns Bomben, Waffengewalt und innerhalb
von 15 Tagen den Tod von 35 Kurden bedeutet. Was wäre wohl passiert, wenn
die Toten auf türkischer Seite zu beklagen gewesen wären? Wir hätten ein
gesellschaftliches Aufbegehren erlebt und niemand hätte mehr von Frieden
gesprochen. Dabei wird offensichtlich, dass der Tod von Kurden weiterhin
bereitwillig in Kauf genommen wird, so dass wir wieder bei der alten und
neuen Mentalität in der Türkei wären, wonach nur ein toter Kurde ein guter
Kurde ist. Die Menschlichkeit gebietet uns jedoch, in der Trauer zueinanderzufinden
und uns über keinen einzigen Tod zu freuen und weiteres Sterben zu verhindern.
Auch der Co-Vorsitzende des DTK (Kongress für eine Demokratische Gesellschaft),
Ahmet Türk, sagte in Amed (Diyarbakır) in seiner Trauerrede für die ermordeten
Sakine Cansız, Fidan Doğan und Leyla Şaylemez in Richtung Erdoğan: „Den
Frieden können sie nicht schaffen, indem sie Kandil bombardieren und Bomben
auf die Köpfe der kurdischen Jugend und des kurdischen Volkes regnen lassen!“
Nun fragen wir uns, ob Ahmet Türk etwa falsch liegt?
Keinesfalls!
Er hat im Hinblick auf unsere Zukunft Zutreffendes geäußert und wird von
Erdoğan dafür kritisiert. Dessen Antwort auf Türk fiel in der AKP-Fraktionssitzung
äußerst aggressiv und laut aus: Niemand werde sie davon abbringen können,
Kandil weiter zu bombardieren.
Es ist unnötig, darauf hinzuweisen, dass Erdoğan seit nun bereits zehn
Jahren das Kandil-Gebirge bombardieren lässt. Die Frage ist nur, ob er
auf diesem Wege überhaupt etwas erreicht hat? Offensichtlich nichts.
Erdoğan zieht den Kriegspfad vor und ignoriert den friedlichen Weg. Er
kann keinen Frieden mit den Kurden schließen, indem er sich damit brüstet,
Kandil zu bombardieren, sie beleidigt und ignoriert. Es wäre ein „Frieden“
für Erdoğan und seine religiöse Sekte, würde jedoch für alle Blut und
Chaos bedeuten.
Wir entdecken aufs Neue, dass Erdoğans Frieden nicht mit gesellschaftlichem
Frieden gleichzusetzen ist. So säumt er dann auch weiterhin seinen Weg
mit dem Blut kurdischer Jugendlicher. Seinem Sohn besorgt er ein Untauglichkeitsattest
für den Militärdienst, und zugleich spielt er mit dem Leben anderer.
Die von Erdoğan verwendete Sprache des Hasses und der Hetze erschwert
es ungemein, Vergangenes zu verzeihen, und verhindert ein friedliches
Miteinander für künftige Generationen.
Als Ergebnis lässt sich festhalten, dass falsche Schritte und Absichten
den für alle richtigen Frieden nicht herbeischaffen werden. Wir müssen
beachten, dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt, denn bald ist Frühling.
Der Zickzackkurs Erdoğans, seine unaufrichtigen Erklärungen, bitteren
Beleidigungen und Drohungen haben dazu geführt, dass die Geduld so gut
wie aufgebraucht ist. Zur selben Zeit des letzten Jahres hatte Cemil Bayık
vom Exekutivkomitee der KCK (Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans)
gesagt, dass Erdoğan dafür bete, dass der Winter nie enden möge. Wir wissen
alle um die Ereignisse des vergangenen Jahres nach dem Ende des Winters
[eskalierende militärische Auseinandersetzungen und zunehmende Erfolge
der Guerilla]. Es ist jedoch keine Angelegenheit, die mit einem Gebet
getan ist. Ob Erdoğan nun will oder nicht, der Winter wird enden.
Ich konnte in meiner bisherigen Zeit in den Medya-Verteidigungsgebieten
eines ganz klar erkennen: Entweder wird dieser Frühling den Weg zum Frieden
ebnen oder es wird ein großer Krieg beginnen. Es wird ein großes Chaos
auf diesem Territorium und den Bergen ausbrechen. Verantwortlich dafür
sind einzig und allein Erdoğan und alle, die ihn dabei unterstützen, Kandil
zu bombardieren, Syrien den Krieg zu erklären und gegen Iran Kriegsvorbereitungen
zu treffen.
Die Gesellschaft muss sich Erdoğan in den Weg stellen und ihn vom Kriegspfad
abbringen, so dass jedem eine große Verantwortung zufällt, die in der
jetzigen Phase wichtiger ist als alles andere.
Quelle: ANF, 25.01.2013,
ISKU
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