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Texte, Beiträge und Diskussionen zum Thema: Chiapas und die Linke

Chiapas und die Linke? - Die Linke in Chiapas!

Das "Intergalaktische Treffen gegen Neoliberalismus und für eine menschliche Gesellschaft", 26.7. - 3.8.1996 in Chiapas/Mexico

"Die Linke" - so zersplittert und uneinig sie sich hier ist, so wenig war sie es im Juli 1996 in Chiapas, wo sie sich auf Einladung der EZLN treffen sollte. Viele Chiapas-Bewegte waren mit der Hoffnung nach Mexico gefahren, die zapatistische power und Kreativität möge sie wieder einen und ihnen Kraft für eine neue weltweite soziale Bewegung mitgeben.

Nach mittlerweile drei Jahren Kampf, zähen und ergebnislosen Verhandlungen mit der Regierung und dem versuchten Aufbau zivilgesellschaftlicher Unterstützungsgruppen hatte die zapatistische EZLN "die Zivilgesellschaft" nach Chiapas/Mexico eingeladen, um ein "Intergalaktisches Treffen gegen Neoliberalismus und für eine menschliche Gesellschaft" abzuhalten. Bis viele tausend Leute im lakandonischen Urwald Platz zum diskutieren, essen, schlafen und waschen hatten, leisteten die zapatistischen Freiwilligen viel Arbeit. Mit einem ungeheueren organisatorischen Aufwand bauten sie aus Holz mitten in den Regenwald oder im Hochland fünf Kongreßzentren, Aguascalientes, wo dann die einzelnen "mesas" (mex.: Tisch, zum drumherumsetzen und diskutieren) Politik, Ökonomie, Kultur/Medien, Zivilgesellschaft und Indígenas tagten. Versorgt wurden die Gäste von den umliegenden zapatistischen Gemeinden. Nicht alle BewohnerInnen in Chiapas sind ZapatistInnen oder sympathisieren mit ihnen, so spielten Sicherheitsvorkehrungen gegen paramilitärische Gruppen oder Provokateure eine wichtige Rolle.

Wer nach Chiapas kam waren dann hauptsächlich Metropolen-Linke und mexikanische linke Intellektuelle. Für viele Aktive sozialer Bewegungen aus peripheren Ländern war es aufgrund des einheitlichen Teilnahmebeitrags von $ 100 und den hohen Anreisekosten nicht möglich teilzunehmen. So kamen rund 5 000 Gäste aus Westeuropa, Mexico, den USA und Lateinamerika. Bunt gemischt von anarchistischen GewerkschafterInnen, Studierenden, BauwagenbewohnerInnen über baskische NationalistInnen, der üblichen internationalistischen Soliszene bishin zu dogmatischen MLerInnen aus den USA oder indigenistischen WesteuropäerInnen und sozialdemokratischen Abgeordneten oder Prominenten. Zum Großteil waren es Männer, insbesondere in den "harten" Foren Politik oder Ökonomie.

Aufgrund der großen Bandbreite sich dort versammelnder Linker verliefen die Diskussionen und Konfliktlinien ähnlich wie auf entsprechenden Kongressen hier - interessant die Tatsache, daß "die Linke" dort direkt mit dem Subjekt ihrer Solidarität konfrontiert war. So ist die von mir vorgetragene Kritik [bezog sich größtenteils auf den Diavortrag und die diskutierten Inhalte] auch nicht auf die EZLN bezogen, sondern eher auf die angereisten Gäste! Oft wird jedoch KritikerInnen zum Vorwurf gemacht, daß sie kritisieren und somit unsolidarisch seien. Unsolidarisch zu sein reicht oft schon aus, um in der Szene reichlich diskreditiert zu sein. Wenn ich jedoch Bewegungen, egal wo - also auch in Chiapas oder Kurdistan - ernst nehme, mich nicht nur daran erfreue, daß da Leute widerständig sind, sondern mich auch mit ihren Inhalten auseinandersetze und mit dem, was es bedeuten würde, wenn sie damit Erfolg hätten, dann darf und muß ich sie auch kritisieren dürfen. "Linker Imperialismus" wäre es eher, wenn ich Bewegungen in peripheren Ländern den Opferstatus, die Rolle der Marginalisierten, zuschreibe, solidarisch bin und Stifte für Cubas Kinder sammle.

Warum also stürzen sich alle mit Begeisterung auf die Zapatistas?

Da kommt einiges zusammen (vgl. auch die anderen Referate): die Zapatistas sind eine "sympathische Guerilla", was ihnen manchmal das Problem bringt, in die Rolle einer Avantgarde gedrängt zu werden. In ihr sind Frauen wie Männer gleichermaßen am bewaffneten und nichtbewaffneten Kampf beteiligt, sie sind arm, kämpfen gegen einen übermächtigen Staatsapparat, wollen erklärtermaßen "nicht die Macht", haben keine straighten Inhalte, sind selber die Subjekte ihrer Befreiung, sind kreativ trotz ihrer Armut (... daß sie im Urwald sogar e-mail haben und Gedichte schreiben...). Sie stellen den Zusammenhang von sozialer und universeller Befreiung/Emanzipation her und gehen auch mit ihren eigenen Traditionen kritisch um und erleben den Prozeß des Aufstands auch als Prozeß der inneren Revolutionierung, besonders deutlich zu sehen am Beispiel des Geschlechterverhältnisses. Das ist für Guerillabewegungen alles andere als selbstverständlich.

Auf Seiten der Metropolen-Linken ist kennzeichnend, daß die traditionelle Soli-Bewegung resigniert ist und "die Linke" nach 1989 weltweit immer weniger Objekte ihrer Solidarität ausmachen kann. Verlockend für viele ist auch wohl die zapatistische (falschverstandene?) "Theorielosigkeit" bzw. die Möglichkeit auch sich widersprechende Inhalte nebeneinander stehen zu lassen ("viele Welten in der einen"). Schließlich vertreten heutzutage auch Berliner Autonome sozialdemokratische Sozialstaatsforderungen oder schreien ganz alternativ aussehende Rastas gestern noch Castor-begleitenden Polizisten "Schande!" oder "Ist das Demokratie?" ehrlich empört ins behelmte Gesicht. Da wundert es nicht, wenn die Zapatistas hier so erfolgreich und beliebt sind (beliebter als im eigenen Land übrigens), wenn sie sich kreativ - wenn auch nicht ganz gewaltfrei! - für Recht und Gesetz in Mexico einsetzen. Denn genau das tun sie - und es ist ja auch völlig legitim und sie sind dabei solidarisch zu begleiten.

Das Fehlen einer klaren politischen Strategie, das in Chiapas historisch erklärbar ist (bereits Mitte der 70er Jahre scheiterten dort maoistische Kader und die städtischen Revolutionäre mußten sich was anderes ausdenken) und das Bedienen aller linken Ideale wie Autonomie, Gerechtigkeit, Selbstversorgung, Zivilgesellschaft, Gemeinschaft... ist bedeutsam für die breite Chiapas-Solidarität hier, denn alle finden sich darin wieder. Manchmal nur nach eigener Interpretation oder brachialer Übertragung der Verhältnisse auf die hiesige Situation ("Wir sind alles Zapatistas"). So heißt zum Beispiel "Autonomie" hier etwas ganz anderes als in Chiapas, wo die gesellschaftlichen Bedingungen und historischen Kontexte einfach andere sind oder auch die Notwendigkeit der chiapanekischen BäuerInnen, weitestgehend subsistent zu leben hat nichts mit dem Eigenanbau von Getreide und der glücklichen Ökohenne hier zu tun.

Unbestritten ist jedoch - und damit besonders interessant - , daß die Zapatistas keine "typische" lateinamerikanische Guerilla sind. Bestes Beispiel dafür: die Einladung an die Zivilgesellschaft zum "Intergalaktischen Treffen gegen Neoliberalismus und für eine menschliche Gesellschaft" vom 26. Juli bis zum 3. August 1996.

- es folgte der Diavortrag -

Ein Fazit des intergalaktischen Treffens in wenigen Sätzen zusammenzufassen stellt sich schwierig dar. Der Zweck, eine weltweite Medienöffentlichkeit für den zapatistischen Kampf durch den Kongreß und die anwesenden BesucherInnen zu schaffen ist nur sehr unzureichend erfüllt worden. Die wenigsten bürgerlichen Medien berichteten, und wenn dann war Danielle Mitterand neben dem Sub zu sehen oder vom alternativ-romantischen Woodstock im Lakandonischen Urwald war die Rede. Für die Indígenas selber war der Kongreß, und auch seine Durchführung an fünf verschiedenen Orten, wichtig. Viele kamen festlich gekleidet und es war wichtig ihnen zu vermitteln, daß sie in ihrem Kampf nicht alleine sind. Wichtig sicherlich auch das Zeichen für die Zapatistas, trotz ihrer ökonomisch schlechten Situation AusrichterInnen eines Kongresses für vornehmlich sehr wohlhabende Linke aus aller Welt zu sein, so daß siedem möglicherweise aufkommenden Bild der armen paternalistisch zu unterstützenden Dritte-Welt-Bewegung zuvorkamen und genau wußten, was sie von den Angereisten wollten (Öffentlichkeit und inhaltliche Anregungen durch die Anwesenheit von Delegierten) und was nicht (etwa in ihren Dörfern bestaunt werden). Irritierend war für viele TeilnehmerInnen sicherlich, daß die Zapatistas selber nicht an den Diskussionen teilnahmen, sondern erklärtermaßen nur als BeobachterInnen dabei saßen. Die EZLN stellte als militärische Organisation nur den organisatorischen Rahmen für die eingeladenen VertreterInnen sozialer Bewegungen, die als zapatistisch zu verstehenden inhaltlichen Beiträge kamen von ihren mexikanischen BeraterInnen, oftmals ProfessorInnen und anderen Intellektuellen.

Mittlerweile vergessen dürfte die während des Kongresses herrschende Unzufriedenheit mit Teilen der Organisation (wir saßen länger im Bus um von einem Ort zum anderen zu fahren als wir diskutierten, Matsche, in der Sonne braten, aufgrund falscher Planungen etwas wenig zu essen...) und das Gefühl, daß die Großveranstaltungen in erster Linien für die internationale Presse gedacht waren und dementsprechend monumental inszeniert wurden und Personen wir Marcos sich darzustellen wußten.

Befremdlich - gelinde gesagt - wirkte das ständige Absingen der mexikanischen Nationalhymne, das Stattfinden der Abschlußveranstaltung unter einer riesigen mexikanischen Fahne und der permanente positive Bezug zum eigenen Vaterland. Für "uns Deutsche" war es dann auch mehr als unangenehm ständig mit "Viva Alemania!" begrüßt zu werden. Innerhalb der deutschen Delegation gab es dann auch Differenzen darüber, inwiefern so etwas hinterfragt und kritisiert werden dürfe oder mensch sich als Gäste entsprechend höflich zu verhalten habe.

Persönlich fand ich die Beliebigkeit, mit der diskutiert wurde, erschreckend. Inhaltliche Auseinandersetzungen etwa über Nationalismus, Geschlechterverhältnisse oder Formen des Widerstands wurden gescheut und mit "aber wir sind doch alle gegen Neoliberalismus und für eine menschliche Gesellschaft" begegnet und damit totgemacht. Schließlich befänden sich ja alle im Widerstand. Bloß wogegen, warum und weshalb, das war anscheinend egal. Kein Verständnis hatte ich - besonders in der Ökonomie-AG - für die Unfähigkeit einiger TeilnehmerInnen miteinander zu diskutieren. Da stellten US-Dogmatiker lieber ihre seitenlangen Papiere vor und anstatt in der Diskussion auf Kritik einzugehen wurden schnell die letzten zehn Seiten heruntergelesen. TeilnehmerInnen ohne fundierte Spanischkenntnisse waren so aufgrund des Tempos von nahezu jeder Diskussion ausgeschlossen, da auf Zeit zum Übersetzen nur wenig Rücksicht genommen wurde.

Aber schlußendlich einte das Feindbild "Neoliberalismus" alle wieder, auch wenn nicht geklärt war, ob und was denn eigenlich neu daran sei oder was unter einer menschlichen Gesellschaft zu verstehen sei, ob einem emphatischen Demokratiebegriff gefolgt werden könne oder ob nicht auch bürgerliche Demokratie eine besonders gute Voraussetzung für Kapitalismus (sorry, heißt ja jetzt Neolib) sei, um entsprechende Bedingungen für die Produktionsweise zu garantieren. Insofern wurde auch harsch auf jede Kritik reagiert, die auch nur andeutete (nicht kritisierte), daß momentan ja auch die Zapatistas für mehr Demokratie und gerechtere Gesetze eintreten würden und was das für die Zukunft Mexikos bedeute. Daß viele Fragen offen bleiben würden, war klar, aber daß keine Bereitschaft bestand kritische Punkte zu thematisieren, hätte ich in der Form nicht erwartet. Ähnlich verhielt es sich mit der Frage der Nation. Auffällig war, daß viele der DiskutantInnen sich positiv auf das eigene Land bezogen und reklamierten, daß nicht das wirkliche Volk herrsche oder Kontrolle über Bodenschätze verfüge. Parallel dazu verlief die Thematisierung von Rassismus und nationalstaatlicher Ausgrenzung bzw. Formierung (z.B. EU) auf niedrigstem Niveau.

Besonders marginalisiert war auch eine feministische Kritik am Encuentro (Treffen). Nicht nur, daß Frauen zunächst in die AG zu Behinderten, HIV-Positiven und anderen Minderheiten gesteckt wurden, die Frauen waren in den üblichen als feminin definierten Bereichen zu finden (Erziehung, Gesundheit, Soziales), die "harten" Bereiche wie Ökonomie und Politik waren fast frauenfrei und klassische Nebenwiderspruchsthesen fanden von vielen keine klare Ablehnung. "Ya basta! Es reicht mir dem Patriarchat, auch in der Linken! Wir wollen eine zivile Welt/Chiapas - im Haus, im Bett und auf der Straße!" war dann zu Recht das Motto von (verärgerten) Frauen während des Abschlußplenums, leider von wenigen wahrgenommen, da es goß und zwei Uhr nachts war als sie zu Wort kamen.

Ein schlechtes Gefühl dürften die meisten TeilnehmerInnen nach der Abreise gehabt haben, denn die Zeit der relativen Sicherheit für die zapatistischen Gemeinden durch die Anwesenheit von mehreren tausend AusländerInnen war vorbei und es mußte mit verstärkten Repressionen und Übergriffen auf die zapatistische Zivilbevölkerung gerechnet werden, denn der Krieg niedriger Intensität war nur für eine Woche ausgesetzt worden.

Helen Schwenken nahm am Encuentro teil und ist Referentin für Internationalismus im AStA der Ruhruni Bochum und aktiv im Internationalen Arbeitskreis der JungdemokratInnen-Junge Linke.

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