nadir start
 
initiativ periodika Archiv adressbuch kampagnen suche aktuell
Online seit:
Wed Dec  4 17:38:07 1996
 

Verschwörung in kleiner Runde?

Die Ermittlungsoffensive der "Koordinierungsgruppe Terrorismus"


Albrecht Maurer



Bei der Beerdigung von Michael Newrzella



Der "Pannenbericht" und die öffentliche Diskussion um Bad Kleinen beschäftigen sich im wesentlichen mit Koordinations- und Kommunikationsproblemen der für die "innere Sicherheit" zuständigen Behörden. Präsentiert werden gegeneinander arbeitende Institutionen, nicht oder zu spät informierte Verantwortliche auf allen Etagen. Als Konsequenz nahegelegt werden weitere Zentralisierung und Vereinheitlichung der "Sicherheitsbehörden", Zusammenschluß von GSG 9 mit den Sondereinsatzkommandos der Länder zu einer Art Schwarzer Reichswehr unter einheitlicher Führung und die Ausweitung der geheimdienstlichen Befugnisse der Polizeien und ihrer Ermittler. Dabei ist die "Aktion Weinlese" in Bad Kleinen geradezu das Produkt eines nach dem Tode Rohwedders eingerichteten Gremiums, in dem das jetzt Geforderte schon weitgehend verwirklicht ist - der Koordinierungsgruppe Terrorismusbekämpfung (KGT).

Kleine Geschichte der KGT

Eingerichtet wurde dieser Zusammenschluß der Bundesbehörden Bundeskriminalamt (BKA), Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) und Generalbundesanwalt (GBA) mit den Polizeien und Verfassungsschutzämtern der Länder 1991 nach den Anschlägen auf Herrhausen und Rohwedder.1
Der "leise Putsch", der institutionelle Zusammenschluß von Polizei, Geheimdienst und Justiz ("Einbeziehung aller Sicherheitsbehörden sowie der Justiz") zum Zwecke der Entwicklung einer Politik der "inneren Sicherheit" aus einem Guß, entwickelte sich offenbar prächtig. Ein gutes halbes Jahr nach der Einrichtung der KGT liefert die Bundesregierung einen Erfolgsbericht ab. Die vierzehntägig tagende KGT habe sich ihren Aufgaben - Zusammenarbeitsprobleme zwischen den Sicherheitsbehörden und der Wirtschaft, Koordination von Bekämpfungsansätzen in verschiedenen Regionen, Erstellung und Abstimmung von Fahndungskonzepten, Gefährdungsanalysen und Lagebildern auf Bundes- und Landesebene - gewidmet. Die Akzeptanz sei so groß, daß sich entsprechende Koordinierungsgruppen auf Landesebene gebildet hätten. In verschiedenen Anfragen der PDS/LL im Bundestag zu Konzeption und Praxis der KGT wurde deren Bedeutung jedoch heruntergespielt. In auffallendem Kontrast zu den internen und öffentlichen Selbstdarstellungen und Zielsetzungen der KGT wurde in den Antworten auf die Anfragen das Bild eines eher unverbindlichen Konsultationsgremiums gezeichnet. Die polizeikritische Zeitschrift Cilip schreibt dagegen: "... die ca. 30 direkt an den Beratungen Beteiligten (machen) kaum den gesamten, in die Aktivitäten der KGT involvierten Personenkreis aus ... Daß ein quasi in Permanenz tagendes Gremium zumeist hochrangiger Beamter nicht in der Lage ist, ohne entsprechende Zusammenarbeit auszukommen, liegt auf der Hand und wird auf Nachfrage auch nicht weiter bestritten. Damit allerdings kann dann von einem einfachen Informationsaustausch keine Rede mehr sein. Vielmehr handelt es sich um eine Organisationseinheit nach Art einer Sonderkommission." 2 Und so etwas ist von der Verfassung überhaupt nicht abgedeckt.
Der Anspruch der KGT geht noch darüber hinaus. Um die KGT-Beschlüsse bzw. ihre Zielsetzungen optimal umzusetzen, soll eine "ständige und anlaßbezogene Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zur Sensibilisierung der Bevölkerung" erfolgen. Dieser Krisenstab in Permanenz hat sich also auch die Aufgaben eines Propagandaministeriums einverleibt; populäre Lagebilder und "Gefährdungsanalysen" werden lanciert, Nachrichten gemacht und Informationen verweigert. Immer nach den Bedürfnissen der "zielgerichteten Durchführung von Maßnahmen" und der "vollen Ausschöpfung des rechtlichen Rahmens zur Terrorismusbekämpfung insbesondere auch bei der Durchführung verdeckter und systematischer Fahndungsmaßnahmen ...". Bundesweit sollte damals u.a. folgendes durchgeführt werden: "Zur Gewinnung von Erkenntnissen über die Aktivitäten und die Zusammensetzung des terroristischen Umfeldes und die derzeitige Struktur der `RAF' sind unter anderem auch verdeckte Ermittler einzusetzen ... Angesetzt werden muß insbesondere bei den Personen mit Nahtstellenfunktion ..." Das sind nur einige Beispiele aus dem Innenministerkonferenz-Einrichtungsbeschluß vom Mai 91.3 Fragen zu dieser "Öffentlichkeitsarbeit zur Sensibilisierung der Bevölkerung" werden nicht gerne gehört und bisher immer abschlägig beschieden: "Die KGT hat zu keinen Anlässen eine `Presse- und Öffentlichkeitsarbeit' entwickelt" (Antwort auf die erste Kleine Anfrage zur KGT vom August 91). Dagegen steht allerdings, daß Anfang 92 in den Medien von taz bis FAZ die sogenannte " Kinkel-lnitiative", die ja von heute auf morgen die öffentliche Debatte bestimmen konnte, als originäres Produkt der KGT-Analysen und -Konsequenzen bezeichnet worden ist. "Dies trifft nicht zu", lautet die regierungsoffizielle Antwort auf eine erneute Anfrage, weil "die Entscheidung über eine etwaige Aussetzung des Strafrechts zur Bewährung ... vielmehr stets als Angelegenheit unabhängiger Gerichte angesehen worden (ist)."4
Oder: Zwei Zeugen machten nach Bad Kleinen besondere Schwierigkeiten. Die "Frau aus dem Kiosk" und der "Sicherheitsexperte", der anonym im Spiegel aussagte. Beider Aussagen wurden durch erste und alle folgenden Obduktionen im zentralen Punkt des Todes von W. Grams bestätigt: Nahschuß. Beide Zeugen wurden gezielt demontiert. Mit besonderer Heftigkeit nach einer KGT-Sitzung in der Woche vom 12.-16.7. 1993, Auf dieser Sitzung wurden massive Vorwürfe gegen die Medien laut. Sie hätten mit wüsten Spekulationen und dubiosen Zeugenaussagen Verwirrung gestiftet und die GSG-9-Beamten als Killer dargestellt. 5 Namentlich genannt werden Monitor (Zeugin Baron) und Spiegel (Antiterrorspezialist). Und alle Medien folgen. Berichtet wird, daß der Spiegel von seinem Zeugen abrücke, daß Zeugin Baron bei ihrer Aussage nicht nur besoffen gewesen sei, sondern daß sie sich auch bei ihren verschiedenen Aussagen in "wesentlichen" Punkten widersprochen habe. Höhepunkt dieser gezielten Demontage von Zeugen war der Auftritt von Bundesanwalt Löchner im Innenausschuß des Bundestages, in dem er seinerseits Dokumente zurechtgelogen hat. Diese Demontage entscheidender und bis heute glaubwürdiger Zeugen zieht sich bis in den Regierungszwischenbericht hinein.

BKA contra VS?

Die Zeitschrift Cilip (Juli 92) und im November dann die taz (26.11.) berichteten über Differenzen innerhalb der KGT. Sachlich soll es dabei in etwa um die Frage gegangen sein, ob die KGT "reines" Fahndungsinstrument unter Führung des BKA oder "fachkompetentes Beratungsgremium der Ministerebene" 6 sein soll. (Die Befürworter des letzteren, vertreten v.a. durch einige Landesämter für Verfassungsschutz, sollen sich zeitweise aus der KGT ausgeklinkt haben. Der "wachsende Einfluß des BKA" soll sie vertrieben haben, schreibt die taz.) "Gelöst" wurden die Probleme durch die Einrichtung einer wöchentlich tagenden kleinen Runde - Generalbundesanwalt, Bundeskriminalamt und Bundesamt für Verfassungsschutz - und dem vierzehntägig tagenden großen Kreis.
Das muß die Bedeutung der KGT allerdings nicht schmälern, wie die taz schon 1992 nahelegt und wie der Stern nach Bad Kleinen mit der als "Grabrede" bezeichneten Aussage eines bayerischen KGT-Vertreters - "das von dieser Institution angestrebte Ziel der Verbesserung der Zusammenarbeit wurde völlig verfehlt" - glauben machen will. Die Differenzen betreffen ja gerade nicht die mit der KGT praktizierte direkte und institutionalisierte Zusammenarbeit von Geheimdiensten und Polizei - gerade in diesem Punkt besteht Einigkeit. Die KGT ist ausdrücklich der Rahmen, der die "Sicherheitspolitik aus einem Guß" nicht an politisch-konzeptionellen Unterschieden und Widersprüchen zwischen einigen Landesämtern für VS und BKA bzw. Polizeien scheitern lassen soll. Und praktisch: Kinkel-Initiative und "Fahndung" schlossen sich als Mittel zur Bekämpfung des Terrorismus nie aus. Die KGT-Arbeit dürfte gerade darin bestanden haben, sie ins "richtige", d.h. möglichst effektive Verhältnis zu bringen. Vor allem jedoch werden durch die geheime und durch nichts und niemanden kontrollierte KGT die jeweils "verbindlich" (Einrichtungsbeschluß) beschlossenen und getroffenen Maßnahmen legitimiert.

Ob "große" oder "kleine" Verschwörerrunde - nach "Auftrag und Inhalt" wurde die Aktion in Bad Kleinen in der KGT ausgetüftelt. Die Aktion selbst wird allerdings einen erheblich längeren Vorlauf gehabt haben als bisher dargestellt. Aufklärung darüber dürfte nur durch Aufdeckung der KGT-Arbeit zu gewinnen sein. Und die wird im Dunkel gehalten... Der Zwischenbericht der Bundesregierung zu Bad Kleinen widmet aber immerhin der KGT ein eigenes Kapitel; deren Rolle als Legitimationsgremium für Geheimabsprachen und Planungen wird ansatzweise deutlich.

KGT und Bad Kleinen -
die unmittelbare Vorbereitung als Verschwörung

Am 13. Mai, schreibt der Spiegel 7, versetzten die Berichte von Supermann Klaus die Ermittler auf einer KGT-Sitzung in helle Begeisterung. Im Regierungsbericht läuft diese Sitzung aber nicht als KGT-Sitzung. Es soll "nur" eine Besprechung gewesen sein, an der von Stahl (GBA), die Präsidenten von BfV und BKA, der Leiter des LfV Rheinland-Pfalz sowie Fachbeamte dieser Behörden teilnahmen. Vermutlich hängt die Namensfrage mit dem Problem der "großen" und "kleinen" Runden zusammen. Faktisch war es die kleine KGT-Runde mit Berichterstattern und Fachleuten. In diesem Kreis wurde beschlossen, in Bad Kleinen zuzuschlagen und auf weiteren KGT-Sitzungen auf Arbeitsebene die Operation zu organisieren. Mecklenburg-Vorpommern war dabei ausdrücklich ausgeschlossen. Diese Runde war es auch, die sich (!) zu größtmöglicher Geheimhaltung verpflichtete. Und von dieser Runde gingen auch die vermutlich jeweils gezielt aufbereiteten Informationen an das Justizministerium und das Innenministerium aus. (Einer Ministerin, die für ein "Sicherheitsrisiko" gehalten wird, erzählt man natürlich anderes als sicheren Kandidaten.) Danach folgten "offizielle" KGT-Sitzungen am 18. Mai und am 1., 3. und 7. Juni. Ausgearbeitet wurde dabei eine Aktion, die Schutz des Spitzels - wie es in der Öffentlichkeit heißt, ist das das besondere Anliegen des VS Rheinland-Pfalz gewesen - optimal verbindet mit der auf der Verschwörerrunde am 13. Mai beschlossenen Linie, "mit Haftbefehl gesuchte Terroristen (dürfen) nicht entkommen". Alles öffentliche Gejaule über mangelnde Koordination und Kooperation der Sicherheitsbehörden ist vor diesem Hintergrund Unsinn. Wenn eine Aktion nicht im Sinne der Verschwörer gelaufen ist, heißt das noch lange nicht, daß sie nicht konspiriert hätten. Die Selbstverpflichtung der Konspirateure auf äußerste Geheimhaltung und die Abschottung der KGT-Arbeit bis zur operativen Planung in Bad Kleinen machen es allerdings bis heute unmöglich zu durchschauen, was im Sinne der Planer eigentlich schiefgelaufen ist. Quatsch sei es, schrieb die Frankfurter Rundschau nach der Einrichtung der KGT auf die Kritik der PDS, daß hier ein Organ der Willkür, der Machtzusammenballung und des totalitären Polizeistaates entstehen könnte. Denn "selber handeln könne die Koordinierungsgruppe nicht (...)" ; "Wenn die Gefahr einer Verschmelzung von Polizei und Geheimdiensten besteht", schreibt sie am 24.7.91 weiter, dann vor allem im Bereich der neuen Fahndungs- und Aufklärungsmethoden. Handlungsfähigkeit hat die KGT mit Bad Kleinen nun allerdings bewiesen, denn die fängt ja nicht dann an, wenn Zachert oder von Stahl selber schießen.
"Zachert hofft auf Erfolg des auf längere Frist angelegten Konzeptes, wenn alle mitmachen" schrieb die Welt nach einem Gespräch mit Zachert über die Perspektive der KGT im Januar 92. Da lief noch die RAF-Stasi-Connection und Kronzeuge Nonne. Auf Anfang 92 datiert der rheinland-pfälzische Verfassungsschutz aber auch das Vordringen des Spitzels Klaus zu Kontakten mit der Kommandoebene (Bericht S. 11). Das Bundesamt für VS wurde über dessen "Erkenntnisse" seit 84 regelmäßig informiert. Möglicherweise wurde damals gepflanzt für die "Aktion Weinlese" in Bad Kleinen. Die Welt prognostizierte damals (14.1.92) schon eine "Ermittlungsoffensive" gegen die RAF als Ergebnis der KGT-Arbeit. Und es haben alle mitgemacht.




  1. siehe dazu ak Nr. 333
  2. siehe Cilip Nr. 42
  3. siehe auch ak Nr. 333
  4. Februar 92
  5. Stern, 22.7.93
  6. Cilip 42
  7. 19.7.93