AZADI Infodienst nr. 14
dezember 2003


Kaplan und kein Ende

Das Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster hat die beantragte Berufung gegen das Abschiebeverbot von Metin Kaplan („Kalif von Köln„) zugelassen. Zugleich wurde die von Kaplan beantragte Berufung gegen den Widerruf des Asyls abgelehnt.
Damit kann die Bundesrepublik Deutschland einen Erfolg verbuchen. Insbesondere Bundesinnenminister Schily hat in diesem Zusammenhang wiederholt die Entscheidung des Verwaltungsgerichts Köln kritisiert, wonach Kaplan nicht in die Türkei abgeschoben werden darf. Begründet wurde das Urteil mit einem drohenden Strafprozess gegen den Islamistenführer, bei dem Zeugenaussagen verwendet werden könnten, die unter Folter erpresst seien.
Laut Amnesty International wird in türkischen Gefängnissen weiter gefoltert. Folter sei in der Türkei zwar nicht erlaubt, werde aber dennoch praktiziert. AI forderte von der türkischen Regierung, gegen die Strukturen vorzugehen, die Folter ermögliche. Polizisten sollten nicht mehr unter Druck gesetzt werden, unter allen Umständen Geständnisse liefern zu müssen. Richter müssten lernen, ihr Urteil nicht auf Geständnisse unter Folter zu stützen. Politiker der regierenden AKP verwiesen auf die „Implementierungs-Phase„; es brauche Zeit zur Umsetzung von Reformen. Solche Versprechungen höre er „seit 25 Jahren„, erklärt der SPD-Bundestagsabgeordnete Rudolf Bindig. Es müsse weiterhin Druck auf die Türkei gemacht werden. (Azadi/ND,/FR 5., 10.12.2003)

Schließung oder härtere Sanktionen ?

„Hier soll der Wille von Menschen gebrochen werden„, sagt Matthias Kramer über die „Gemeinschaftsunterkunft der Zentralen Ausreisestelle„, wie das Abschiebezentrum in Halberstadt heißt. Kramer gehört zu den wenigen, die für eine Schließung der Unterkunft kämpfen, die 2001 vom damaligen SPD-Innenministers Püchel als „Modellprojekt„ eingerichtet worden war. Inzwischen zweifeln offensichtlich selbst Behörden an der Wirksamkeit der Abschiebezentren. Einer Statistik des sachsen-anhaltinischen Innenministeriums zufolge haben sich von 73 nach Halberstadt überwiesenen Asylbewerbern nur 43 dort gemeldet, 35 Personen seien untergetaucht. Das Ziel – die Abschiebung – sei lediglich bei fünf Flüchtlingen erreicht worden. Dennoch wurden im Juni 2003 in einem Schreiben des Innenministeriums an die Regierungspräsidien „Maßnahmen zur Steigerung der Effektivität„ vorgeschlagen. So sollen neben ledigen männlichen Flüchtlingen auch kinderlose Ehepaare eingewiesen werden dürfen. Das Ministerium arbeite zwar an härteren Sanktionen, wolle aber auch die Berichte der Landkreise über die Wirksamkeit der Zentren auswerten. (Azadi/ND, 5.12.2003)

Schily verärgert über Abschiebehindernisse

Einem Bericht der „Welt am Sonntag„ zufolge hat Bundesinnenminister Schily die Türkei aufgefordert, die Abschiebung von Straftätern aus Deutschland nicht weiter zu verhindern. Wenn sie ihren Rücknahmeverpflichtungen nicht nachkomme, könne das Land auch nicht der EU beitreten, soll Schily gedroht haben. Die Türkei bürgert straffällig gewordene Landsleute kurz vor deren Abschiebung aus, um sie nicht wieder aufnehmen zu müssen. Vor allem die Stadtstaaten Berlin und Bremen würden durch diese Maßnahmen des türkischen Staates an ihrer Abschiebepraxis gehindert, erklärte Schilys Ministerium. (Azadi/ND, 8.12.2003)

Gegen „Lagerdenken„ energisch protestieren

Anlässlich des Internationalen Tages der Menschenrechte erinnerte Pro Asyl daran, dass vor „gut 20 Jahren die zwangsweise Lagerunterbringung von Flüchtlingen im Asylverfahrensgesetz„ geregelt wurde. Trotz rückläufiger Asylsuchendenzahlen habe sich „seitdem nichts an der oft menschenunwürdigen Unterbringungspraxis geändert.„ In Bayern würden Menschen „zum Umzug in Sammelunterkünfte gezwungen„, obwohl sie zuvor in Privatwohnungen gelebt hätten. Niedersachsen plane, alle „Asylsuchenden während der gesamten Verfahrensdauer in landeseigenen zentralen Großunterkünften„ zu kasernieren. „Entrechtung und Desintegration„ sei zum „Normalzustand„ geworden. Pro Asyl ruft zum „energischen Protest„ gegen „solche Formen des Lagerdenkens„ auf. (Azadi/Pro Asyl, 10.12.2003)

Euro-Kommunen für größere Rolle in Asylpolitik

Bürgermeister und Stadträte von 16 europäischen Städten haben sich anlässlich der Konferenz „Europa – Land des Asyls„ (ELA) in einer Erklärung für eine starke Rolle der Kommunen in der europäischen Migrant(inn)enpolitik ausgesprochen. Die Städte hätten „ein starkes Interesse, dass Zuwanderer nicht ausgegrenzt werden„. Derzeit gebe es in der Bundesrepublik 22.000 so genannte „geduldete Flüchtlinge„ – abgelehnte Asylbewerber, die keine Chance auf Integration hätten. Gut die Hälfte von ihnen sei länger als siebeneinhalb Jahre hier. Christopher Hein, Koordinator des Städte-Netzwerks, kritisierte die „restriktive und gefährliche Asylpolitik„ einiger europäischer Länder. Deshalb müsse den Kommunen und Nichtregierungsorganisationen eine besondere Bedeutung zukommen. (Azadi/ND, 13.12.2003)

Lage der Migrantinnen verbessern

Marion Böker vom Bundesweiten Koordinierungskreis gegen Frauenhandel und Gewalt an Frauen im Migrationsprozess kritisierte den staatlichen Umgang mit illegalisierten Migrantinnen. Diese müssten vor ausbeutenden Arbeitsverhältnissen geschützt, ihre Gesundheitsversorgung und der Schulbesuch ihrer Kinder gesichert werden. Verhindert werden müsste zudem die vielfache Diskriminierung der Opferzeuginnen von Menschenhandel und Prostitution. Heike Brabandt, Mitarbeiterin von Terre des Femmes, fordert die Anerkennung von nichtstaatlicher geschlechtsspezifischer Verfolgung und eine ausreichende Informierung von Asylantragstellerinnen über ihre Rechte. Außerdem fordert die Organisation die Bundesregierung auf, endlich die UN-Zusatzkonvention zu Kinderhandel und -pornografie zu ratifizieren sowie die Gesetzeslage zu Zwangsheirat und binationale Ehen zu verändern.
Am 15. Dezember hatten Nichtregierungsorganisationen der Bundesregierung einen „Schattenbericht„ zur Lage der Frauenrechte in Deutschland übergeben. Dieser dient der kritischen Kommentierung des Regierungsberichtes an den UN-Ausschuss der Frauenrechtskonvention. (Azadi/ND, 17.12.2003)

Dokumentation zur Debatte um Asylheime in MV

Auch mehr als 10 Jahre nach den Pogromen in Rostock-Lichtenhagen besteht die Gefahr, „dass sich Neonazis als Vollstrecker des Volkswillens sehen„, wenn sie Ausländer und Unterkünfte von Flüchtlingen und Migranten angreifen, lautet die Einschätzung des Vereins LOBBI (Landesweite Opferberatung, Beistand und Information für Betroffene rechter Gewalt in Mecklenburg-Vorpommern - MV). Auf seiner Homepage (www.lobbi-mv.de) hat der Verein eine umfangreiche Dokumentation über die Auseinandersetzungen um neue Asylbewerberheime in MV veröffentlicht. Gegenüber Asylbewerbern existiere in der Bevölkerung nach wie vor eine ablehnende Haltung und Rassismus sei unverändert ein ernstes Problem.
(Azadi/jw, 24.-28.12.2003)

Wer lange hier lebt, muss bleiben dürfen !

Pro Asyl hat gemeinsam mit dem ehemaligen Bundesminister Dr. Christian Schwarz-Schilling den Aufruf „Wer lange hier lebt, muss bleiben dürfen!„ initiiert, der inzwischen von 30000 Bürger/innen unterzeichnet wurde. Die Unterzeichner/innen fordern, dass die langjährig in Deutschland Geduldeten – immerhin leben 150000 von ihnen länger als fünf Jahre hier – ein dauerhaftes Bleiberecht erhalten. Die „verantwortlichen Politikerinnen und Politiker„ sollen dafür sorgen, dass die Praxis der langjährigen ‚Kettenduldungen’ endlich wirkungsvoll zum Wohl der Betroffenen und der Gesellschaft beendet wird„, fordert Pro Asyl in einer Presseerklärung vom 18. Dezember. (Azadi/Pro Asyl)

 

 

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