AZADI infodienst nr. 75
februar 2009


 

neu erschienen

 

Der Terror der NATO-Geheimarmeen in Europa

„NATO-Geheimarmeen in Europa – Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung” lautet der Titel des Buches von Dr. Daniele Ganser, der als Dozent am Historischen Seminar der Universität Basel tätig ist. Seine Untersuchung, die seit 2005 in englischer Sprache vorliegt und seit Frühjahr 2006 auf Türkisch erhältlich ist, wurde erst im vergangenen Jahr auf Deutsch in den Handel gebracht.
Wir empfehlen die Aufklärungslektüre besonders vor dem Hintergrund der in regelmäßigen Abständen auch vom deutschen Innenminister und den Geheimdiensten an die Wand gezeichneten Horrorszenarien über angeblich drohende Anschläge von Islamisten. Die Bevölkerung in Unruhe und Panik versetzen, ist nur eine Methode, um Feindbilder und zugleich Akzeptanz zu schaffen für Gesetzesverschärfungen oder der Durchsetzung deutscher Kapitalinteressen. Hierzu sagt der Autor u.a.: „Im Kalten Krieg waren es die Kommunisten, die durch die Strategie der Spannung diffamiert wurden. Und es ist durchaus denkbar, dass man heute diese Strategie nutzt, um Muslime zu diskreditieren, um dadurch den gewaltsamen Zugriff auf die Rohstoffe in muslimischen Ländern zu legitimieren. Sie besitzen die großen Erdöl- und Erdgasreserven, das beeinflusst natürlich die Geostrategie.“ Für die Strategie der Spannung könne man „natürlich auch die extreme Linke instrumentalisieren – wie jede Gruppe, die grundsätzlich disponiert ist, Gewalt anzuwenden.“ Auf der anderen Seite hätten italienische Rechtsextremisten ausgesagt, „sie hätten Leute getroffen – Amerikaner unter Code-Namen, von denen sie allerdings wussten, dass sie im NATO-Bereich oder auf amerikanischen Stützpunkten in Italien arbeiten und die hätten ihnen gesagt, es wäre interessant, in dem einen oder anderen Ort mal wieder etwas zu machen.“
In Bezug auf Deutschland meint Dr. Ganser, dass die Rolle von Stay behind „im internationalen Kontext“ untersucht werden müsse, einerseits unter dem Gesichtspunkt des Rechtsextremismus – der auch beim Oktoberfest-Attentat 1980 eine Rolle gespielt hat -, andererseits unter dem Gesichtspunkt der NATO-Dominanz.“

Dr. Daniele Ganser: „NATO-Geheimarmeen in Europa – Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung“, Orell Füssli Verlag, Zürich 2008, 445 Seiten, 29,90 Euro

 

Ein kurdisches Leben: Gülnaz Beyaz erzählt

Im Jahre 2003 stehen zwei jesidische Kurden vor dem Bielefelder Landgericht: Mit 22 Schüssen hatte einer von zwei jungen Männern einen entfernten Verwandten niedergeschossen, der zuvor an einem Anschlag auf seinen Onkel beteiligt gewesen war. Ihr Motiv war „Blutrache“ als Sühne für eine Tat der Ehrverletzung eines kurdischen Clans. Hintergrund: eine jesidische Kurdin, Unternehmerin und sechsfache Mutter, hatte sich von ihrem Mann getrennt. Wie es dazu gekommen ist, schildert Gülnaz Beyaz in ihrem Buch „Mein Leben im Schatten der Blutrache“ selbst. Hilfestellung leisteten ihr bei der Realisierung der Journalist und Autobiografiker Ralf Pasch und die Autorin Katrin Rohnstock.

Katrin Rohnstock/Ralf Pasch: Mein Leben im Schatten der Blutrache. Die Geschichte der Gülnaz Beyaz. dtv München 2008, 236 Seiten, 11,90 €.

(Azadî/ND, 23.2.2009)

Hierzu:
Wir sind nicht die Ehre von irgendjemandem

Unter dem Motto „Unsere Ehre ist unsere Freiheit“ war im November 2008 eine Kampagne der kurdischen Frauenbewegung in der Türkei gestartet. In Europa fand nun eine Versammlung der Organisatorinnen statt, auf der über den weiteren Verlauf der Aktion diskutiert wurde. Es sei wichtig, ein Bewusstsein für die Problematik zu schaffen und ein Umdenken einzuleiten. Der Begriff ‚Ehre’ müsse thematisiert werden, weil es sich um einen Grundstein des patriarchalen Systems handele. Auf etlichen Seminaren, an denen sich auch Männer beteiligten, sei die Resonanz zwar im allgemeinen positiv, doch zeigten sich auch traditionell-reaktionäre Herangehensweisen. Frauen müssen dazu stehen zu sagen: „Wir sind nicht die Ehre von irgendjemandem, unser Körper und unsere Seele gehören uns.“

(Azadî/ÖP, 24.2.2009)

 

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