AZADI infodienst nr. 83
november 2009


 

neu erschienen

 

Nachholende Geschichtsschreibung:
Verfolgte türkische Jüdinnen und Juden während des deutschen Faschismus

Einem bislang vernachlässigten Kapitel der Holocaustforschung hat sich die Hamburger Historikerin Corrie Guttstadt gewidmet: der Verfolgung und dem Schicksal türkischer Juden während des deutschen Faschismus. Von etwa 20.000 bis 25.000 in Europa lebenden türkischen Jüdinnen und Juden wurden Tausende verhaftet, deportiert und größtenteils ermordet. 1999, auf einer Israelreise, fand die Autorin beim Besuch der Bibliothek eines Kibbuz den Bericht über die Befreiung von 105 türkischen Juden aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen, in dessen Liste türkisch-jüdischer Häftlinge sie Einsicht nehmen konnte. Ihre Recherchen führten sie auch nach Istanbul. Dort erfuhr sie lediglich, dass die meisten der befreiten türkischen Juden im April 1945 erst nach langen Verhandlungen in der Türkei aufgenommen wurden. Das passte nicht in das Bild, das von offizieller Seite über die Aufnahme verfolgter Juden gezeichnet wurde.
Corrie Guttstadt beginnt mit der Geschichtsschreibung der osmanischen, kurdischen, aramäischen und italienischen Jüdinnen und Juden und schildert deren Migration im 19. Jahrhundert nach Mittel- und Zentraleuropa, durch den aufkommenden Teppichhandel auch nach Deutschland.
Während der 1930er Jahre drang die faschistische Ideologie auch in die Türkei und damit die Gefahr für Jüdinnen und Juden. So gab der in München lebende Cevdet Rifat Atilhan die Zeitschrift Milli Inkilâp heraus, die „türkische Version des Stürmer“, so Guttstadt. „Die meisten der dort abgebildeten Karikaturen stammten aus dem 1923 gegründeten antisemitischen Wochenblatt, wobei lediglich die deutsch-jüdischen Namen durch türkisch-jüdische Namen ersetzt wurden.“

Das Buch „Die Türkei, die Juden und der Holocaust“ ist ein beeindruckender Geschichtsband. Es ist erschienen bei Assoziation A, Berlin, Hamburg, 2009, 516 Seiten.

(Azadî/jw, 11.11.2009)

 

Praxis der israelischen Militärjustiz gegen palästinensische Bevölkerung

„Schuldig“ – eine kleine Broschüre, die es in sich hat. Roni Hammermann, langjähriges Mitglied von Machsomwatch und Courtwatch, Aktionsgruppen gegen die israelische Besatzung des Westjordanlands, verfasste 2008 einen Bericht über Verfahren gegen Palästinenser vor israelischen Militärgerichten. Der Melzer Verlag/SEMITedition hat nun die von Ulrike Vestring übersetzte Ausgabe herausgegeben. Zur Einführung wird mit der Frage „Was ist eine verbotene Vereinigung?“ die Dimension und grenzenlose Willkür der Strafverfolgungsbehörden und des Militärs gegen die palästinensische Bevölkerung sichtbar gemacht. „Die Liste der vom Militärkommandanten verbotenen Vereinigungen ist außerordentlich lang, und alljährlich kommen Dutzende von Organisationen – mit Sitz in Israel oder im Ausland – hinzu,“ schreibt Ronni Hammermann, um fortzufahren: „Wenn jemand beschuldigt wird, in einer geächteten Organisation tätig zu sein, bedarf es nicht des Beweises, dass Tätigkeit oder Ziele der Organisation tatsächlich feindlich sind. Es genügt, dass die Organisation zu irgendeinem Zeitpunkt für verboten erklärt wurde.“
Tausende Palästinenser sind im Laufe der Jahre unter dieser Beschuldigung verhaftet und wahlweise als „feindlich“ oder „terroristisch“ gebrandmarkt worden.
Nach dieser Einführung schildert die Autorin den Verlauf von Verfahren, in denen eine Kindergärtnerin, ein Buchhalter, ein Zahnarzt, zwei Tagelöhner, ein Universitätsdozent und ein Hamas-Aktivist vor Gericht gebracht und verurteilt wurden.
Im Anhang der Broschüre sind die „Gesetzlichen Grundlagen zu Terrororganisationen, ungesetzlichen Vereinigungen und Einzug von Vermögen“ dargestellt, es folgen weiterführende Hinweise und eine Schlussbemerkung.

Ronni Hammermann: „Schuldig – Mitgliedschaft und Tätigkeit in einer verbotenen Vereinigung / Israelische Militärgerichte 2008“, deutsche Übersetzung 2009 im Melzer Verlag/SEMITedition, Neu-Isenburg, 67 Seiten, 5 Euro

 

CILIP: Geheimdienste abschaffen!

Der Schwerpunkt der Ausgabe 2/2009 von Bürgerrechte & Polizei/CILIP befasst sich mit dem Thema „Bundesdeutsche Geheimdienste – eine aufhaltsame Geschichte?“.
Im ersten Beitrag beschreibt Norbert Pütter die Anfänge der Geheimdienste: „Jede Stufe auf dem Weg zu voller Souveränität, die der westdeutsche Teilstaat nach der Zerschlagung des Deutschen Reiches erreichte, markierte zugleich einen Schritt beim Auf- und Ausbau von Geheimdiensten: 1949 genehmigten die Alliierten ‚eine Stelle zur Sammlung und Verbreitung von Auskünften über umstürzlerische … Tätigkeiten’; (= einen Inlandsnachrichtendienst, der den Namen Verfassungsschutz erhielt); integriert in die Vorbereitungen zur Wiederbewaffnung betrieb man seit 1951 den Aufbau eines militärischen Dienstes, der mit der Gründung der Bundeswehr 1956 zum Militärischen Abschirmdienst (MAD) wurde; mit der durch den Deutschlandvertrag gestärkten Selbstständigkeit der Republik übernahm die Bundesregierung im selben Jahr von den USA die Organisation Gehlen , die seither als Bundesnachrichtendienst (BND) die Auslandsspionage der BRD betreibt…“ Die verschiedenen AutorInnen zeigen die weitere Entwicklung auf bis zur sog. Neuen Sicherheitsarchitektur unserer Tage und ziehen daraus das Resümee: die Geheimdienste müssen abgeschafft werden. „Die Dienste sind nicht nur schlecht kontrolliert, sondern unkontrollierbar. Dass sie notwendig seien zum Schutz der Demokratie oder für eine friedliche Außenpolitik – diese Ammenmärchen etablierter Politik mag glauben, wer will – wir tun es nicht.“

Bürgerrechte/CILIP 93; Verlag CILIP c/o FU Berlin,
Malteserstr. 74-100, 12249 Berlin;
112 Seiten, für Personen Einzelpreis: 8,– Euro
Jahresabo (3Hefte): 21,– Euro;
Institutionen: Einzelpreis 12,– Euro - Abo: 36,– Euro.
e-mail: vertrieb@cilip.de; www.cilip.de

 

 

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