AZADI infodienst nr. 90
juni 2010


 

Internationales

 

Als Internationalistin im kurdischen Freiheitskampf
Aus dem Leben von Uta Schneiderbanger

Am 31. Mai 2005 verstarben die deutsche Internationalistin Uta Schneiderbanger (Nûdem) und ihre Genossin Ekin Ceren Dogruak (Amara) an den Folgen eines Autounfalls in der Nähe südkurdischen (nordirakischen) Kleinstadt Qeladize. Beide hatten sich seit vielen Jahren aktiv am Freiheitskampf des kurdischen Volkes und dem Aufbau einer internationalistischen Frauenbewegung beteiligt.
Nun erschien ein von einigen ihrer Freundinnen erstelltes Buch über das Leben und den Kampf von Uta Schneiderbanger, die den kurdischen Namen für „neue Zeit“, Nûdem, führte. Auf ihrer Suche nach einem kollektiven und menschlichen Leben hatte sie sich mit der Befreiungstheologie auseinandergesetzt, mit den Häuserkämpfen insbesondere der 80er Jahre, mit antifaschistischem Widerstand und der autonomen Frauen- und Lesbenorganisierung. „Dieses Buch soll zum Erinnern, Nachdenken, Diskutieren, zum Weiterschreiben und Weiterkämpfen anregen“ heißt es in der Buchankündigung u.a.
In Kürze wird ein weiterer Band über das Leben von Ekin Ceren Dogruak (Amara) erscheinen.

Mit Kampf und Liebe in eine neue Zeit – Nûdem
Aus dem Leben von Uta Schneiderbanger, Mesopotamien-Verlag Neuss, ca. 280 Seiten, 10,– €
Zu bestellen bei: Cenî-Kurd.Frauenbüro für Frieden, Düsseldorf ceni_kurdistan@gmx.de Tel. 0211 – 5989251
oder Verlag: info@pirtuk.info, Tel. 02131 – 4069093

 

Neue Publikation zum ungelösten türkisch-kurdischen Konflikt

Anfang Juni erschien im Bonner Pahl-Rugenstein Verlag das Buch „Der türkisch-kurdische Konflikt“ des Journalisten und Soziologen Martin Dolzer. Um verstehen zu können, warum Kurdinnen und Kurden gezwungen sind, die Türkei/Kurdistan zu verlassen, warum sie ihre Probleme auf deutsche Straße bringen und welche Gründe ausschlaggebend waren für das 1993 erlassene PKK-Betätigungsverbot, ist es unerlässlich, sich näher mit der komplexen Thematik eingehender zu beschäftigen. Während die meisten Deutschen, die in die Türkei reisen, als Touristen die Küsten der Türkei aufsuchen oder das internationale Flair der Metropolenstadt Istanbul genießen, herrscht gleichzeitig im Südosten des Landes eine brutale Unterdrückung der kurdischen Bevölkerung. Hiervon berichtet Martin Dolzer. In den kurdischen Gebieten hat er auf mehreren Forschungs- und Delegationsreisen zahlreiche Interviews und Gespräche geführt. Er bringt mit seinen zeitnahen Schilderungen von und Statistiken über Menschenrechtsverletzungen den Leserinnen und Lesern die Realität kurdischen Lebens unter teilweise Kriegsbedingungen sehr nahe. Militärs, Paramilitärs, so genannte Dorfschützer, Konterguerilla, Geheimdienste, Todesschwadrone oder das Gefängnissystem bedrohen die Menschen in Kurdistan.
Der Autor beschreibt aber auch die vielfältigen Formen des Widerstands des kurdischen Volkes, aus denen sich selbstbewusste Menschen entwickelt haben, trotz massiver Bedrohungen von türkischer Polizei und türkischem Militär den Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen vorantreiben. Martin Dolzer verweist auch – wie bereits Nick Brauns und Brigitte Kiechle in ihrem Buch über die PKK und die kurdische Freiheitsbewegung – auf die herausragende Rolle der kurdischen Frauen im Kampf für eine emanzipierte, von überholtem patriarchalem Rollenverständnis befreite, kurdische Gesellschaft.

Martin Dolzer: Der türkisch-kurdische Konflikt. Menschenrechte – Frieden – Demokratie in einem europäischen Land?
Pahl-Rugenstein Verlag, 201 Seiten, 19,90 €

 

Ihr seid nicht vergessen!
«Die verschollenen Töchter von Dersim – ein Bündel Haare»

Der Film mit diesem Titel spielt in den Jahren 1937 – 1938. Rekonstruiert wird in einem parallel laufenden, doppelten Erzählstrang die Leidensgeschichte von kurdisch-alevitischen Mädchen, die vor 72 Jahren von türkischen Soldaten nach dem Vernichtungsfeldzug gegen die kurdische Bevölkerung der Region Dersim (türk.: Tunceli) verschleppt worden sind. Die erste Geschichte ist jene vom Schicksal zweier Großcousinen, Huriye und Fatma. Gezeigt wird, wie die Beiden den Vernichtungs- und Vertreibungsprozess erlebt haben und welche Probleme sie nach ihrer Verschleppung haben durchleiden müssen: Ängste, nicht zuletzt auch aufgrund einer türkisch-sunnitischen Zwangserziehung, Fluchtgedanken und die verzweifelte Suche nach einem Leben in Würde und Freiheit.
Im zweiten Erzählstrang wird die Geschichte der siebenjährigen Semsi beschrieben, von der nur zwei Bündel Haare übrig geblieben sind und jene der achtjährigen Sakine. Durch diese Schilderungen offenbart sich die ganze Tragödie vieler Familien aus Dersim, deren Kinder bis heute spurlos verschollen sind.
Die Regisseure dieses Films sind Nezahat und Kazim Gündogan; die Erstaufführung fand am 5. Juni in Köln statt.

 

Broschüre über rechte Ideologien unter jungen Migranten

Unter dem Titel „Rechtsextremismus in der Einwanderungsgesellschaft“ hat die Initiative Schule ohne Rassismus eine 70-seitige Broschüre herausgegeben. Seit Jahren kämpft sie gegen rechte Gesinnung in den Schulen. Die Broschüre befasst sich mit Migrantengruppen aus dem ehemaligen Jugoslawien, der Türkei, Polen und Russland, weil es sich hierbei um die zahlenmäßig größten Gruppen im Umfeld rechter Aktivitäten handelt. Ein eigenes Kapitel ist den ultranationalistischen türkischen Grauen Wölfen und deren ideologischer Hintergrund gewidmet, der geprägt ist vom Hass gegen Kurdinnen und Kurden, von Nationalismus, Antisemitismus und antiwestlichen Ressentiments. Der Film „Tal der Wölfe“ bietet dieser Gruppe hierbei ein Fundament.
Die Autoren der Broschüre haben im übrigen festgestellt, dass die NPD verstärkt um Russlanddeutsche wirbt, die vor einigen Jahren noch von Neonazis angegriffen wurden. Weniger bekannt waren bisher rechte Tendenzen bei Migranten aus Polen oder dem früheren Jugoslawien: junge Kroaten, Bosnier und Serben demonstrieren ihre nationalistische Gesinnung nicht nur im Internet, sondern auch bei Konzerten rechter Musikgruppen. „Wohl um die jugendliche Klientel anzusprechen, wird gelegentlich eine sehr saloppe Sprache verwendet, wenn beispielsweise mehrmals von Ex-Jugos geschrieben wird und Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien gemeint sind“, schreibt Peter Nowak in seiner Besprechung im Neuen Deutschland vom 18. Juni. Er hofft, dass die Broschüre „zu einer gesellschaftlichen Debatte führt.“
Initiative Schule ohne Rassismus: „Rechtsextremismus in der Einwanderergesellschaft“
Zu bestellen über: www.schule-ohne-rassismus.org

 

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