neu erschienen
Wissenschaft lässt sich von Geheimdienst für Extremismustheorien und innenpolitische Feindbilder finanzieren
Antworten auf die Frage, wie es möglich sein kann, dass die Wissenschaft zusammen mit dem Verfassungsschutz an der Verbreitung der Totalismustheorie – links und rechts=gleich – beteiligt ist, versuchen die Autoren Markus Mohr und Hartmut Rübner zu geben. In ihrer geheimdienstkritischen Studie mit dem Titel „Gegnerbestimmung. Sozialwissenschaft im Dienst der ‚inneren Sicherheit’“ geben die beiden Wissenschaftler einen guten Überblick über die Geschichte des Verfassungsschutzes und gehen u.a. der Frage nach, warum der Dienst die Ergreifung von NS-Tätern verhindert hat und die Totalitarismustheorie festgeschrieben wurde. Etwa 3,5 Millionen Menschen sind nach Angaben der Autoren in den Jahren 1970 bis 1987 „sicherheits“überprüft und Tausende mit einem Berufsverbot belegt worden. Heute nehme der Verfassungsschutz direkten Einfluss auf politische und verwaltungstechnische Vorgänge. Hierbei sei die Zu- und Mitarbeit der Wissenschaft zentral. Vorneweg seien die Professoren Jesse und Backes zu nennen. Aufgrund der aktuellen Arbeitsmarktsituation ließen sich viele Wissenschaftler auf Verträge mit dem Verfassungsschutz ein. Das gemeinsame Ziel: Die Aufrüstung der inneren Sicherheit. Jan Korte kommt im Neuen Deutschland zu dem Schluss, dass die Beiden ein „äußerst brauchbares Handbuch geschrieben“ haben, „was nochmals detailliert belegt, dass Geheimdienste nicht kontrollierbar sind.“ Traurig sei die Erkenntnis, dass sich „Teile einer einst kritischen Wissenschaftstradition bereitwillig in den Dienst der inneren Sicherheit“ nehmen lasse.
Markus Mohr/Hartmut Rübner: Gegnerbestimmung. Sozialwissenschaft im Dienst der „inneren Sicherheit“. Unrast Verlag, 288 Seiten, 16,80 €
(Azadî/ND, 30.6.,2010)
Kurze Geschichte der RAF
Michael Sontheimer hat unter dem Titel „Natürlich kann geschossen werden“ eine „kurze Geschichte der Roten Armee Fraktion“ (RAF) geschrieben. Nach Auffassung des Rezensenten des Neuen Deutschland „gelingt“ dem Autor mit seinem Buch eine „präzise Zusammenfassung der wichtigsten Fakten aus bald vier Jahrzehnten“, das insbesondere für die jüngere Generation geeignet sei, „die nicht als Zeitzeugen erlebt haben, wie der Rechtsstaat herausgefordert“ wurde und die „Härte der Strafverfolgung der Hydra RAF immer neue Köpfe wachsen ließ.“ Der damalige oberste Strafverfolger, Generalbundesanwalt Kurt Rebmann, kommt auch zu Wort. So soll er die handwerklichen Fähigkeiten der RAF kommentiert haben: „Das sind die Deutschen, die sind super, diese geschliffene Kriminalität ist in Europa einmalig.“ Die RAF erklärte im April 1998 ihre Auflösung und Michael Sontheimer lässt dem Talkrunden-Talker Peter-Jürgen Boock ein Resümee über das „Schweigen seiner einstigen RAF-Genossen“ ziehen.
Michael Sontheimer: „Natürlich kann geschossen werden“; DVA München, 217 Seiten, 19,95 €
(Azadî/ND, 1.7.2010)