Deutschland Spezial
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) stand mit allen grausamen Konsequenzen im Dienst des Nationalsozialismus
„Wie sehr noch 1945 zunächst alles weiterging wie gehabt, ist dabei ein weiterer äußerst beklemmender Befund der Autoren“, sagt Matthias Kleiner, heutiger Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), zu dem von Karin Orth und Willi Oberkrome herausgegebenen Werk über „Die Deutsche Forschungsgemeinschaft 1920 – 1970“; das die gesammelten Erkenntnisse der umfangreichen Erforschung dieser deutschen Wissenschaftsorganisation enthält und nach acht Jahren Arbeit in 18 Projekten mit mehr als 30 Forschern aller Fachrichtungen zu Ende gebracht wurde und nun als Buch erschienen ist. Der Öffentlichkeit vorgestellt wurde es von den leitenden Historikern Ulrich Herbert (Uni Freiburg) und Rüdiger vom Bruch (Humboldt-Uni Berlin).
In der Wissenschaftsorganisation habe laut Herbert „weniger Entnazifizierung als in der Gesellschaft stattgefunden“ und das autoritär geführte „Reservat der Ordinarien“ sei erst in den späten 60er-Jahren durchbrochen worden. Es sei ebenso erhellend wie erschütternd, wie die Mehrheit der Professorenschaft schweigend die Entlassung jedes dritten Kollegen aus rassischen oder politischen Gründen hingenommen und sich für die Stabilisierung des faschistischen Regimes mit Weltanspruch engagiert habe. 1933 habe das Reichserziehungsministerium zwar die akdemische Selbstverwaltung innerhalb der DFG durch politisch ausgewählte „Fachspartenleiter“ besetzt, jedoch: „Die DFG wurde schon in den 20er-Jahren von Nationalsozialisten gesteuert,“ kommentiert Ulrich Herbert die Befunde der Forschung. „Eine personelle Erneuerung war gar nicht nötig.“ Die DFG habe sich mit allen „menschenverachtenden, grausamen und oft tödlichen Konsequenzen“ in den Dienst des NS-Regimes gestellt.
(Azadî/FR, 5.11.2010)
Reichsfinanzministerium hat NS-Regime stabilisiert und Krieg finanziert
Historiker erforschen NS-Konitinuität des Bundesfinanzministeriums
65 Jahre (!) nach der Befreiung vom Faschismus, haben sich nun eine Reihe von Behörden mit ihrer Rolle während der NS-Zeit und der personellen und ideologischen Kontinuität in der Aufbauphase der Bundesrepublik auseinandergesetzt und entsprechende Untersuchungen veröffentlicht oder angekündigt – so das Auswärtige Amt, Bundeskriminalamt, der Bundesgerichtshof oder der Bundesnachrichtendienst. So hat der Kölner Wirtschaftshistoriker und Sprecher einer Kommission zur Aufarbeitung der Rolle des Ministeriums, Hans-Peter Ullmann, gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erklärt, dass insbesondere das Reichsfinanzministerium „Aufrüstung und Krieg finanziert“ und „das Regime über zwölf Jahre stabilisiert und es letztlich mitgetragen“ hat. Es habe die systematische Ausplünderung zuerst der jüdischen deutschen Bevölkerung und später der Bewohner der besetzten Länder organisiert. „Vor der Deportation in die Vernichtungslager erlitten die Juden den Finanztod,“ erklärte Ullmann am 9.November in einem Zwischenbericht. Kurz nach der Reichspogromnacht von 1938 wurde die klar antijüdische Sondersteuer – die „Judenvermögensabgabe“ – eingeführt. „Im arbeitsteiligen Prozess der Vernichtung übernahmen die Finanzbeamten die Aufgabe, alle Reste der bürgerlichen Existenz der Deportierten auszulöschen“, erläuterte Christiane Kuller, Historikerin und Mitarbeiterin der Kommission, die sich die detaillierte Erforschung der personellen Kontinuität der Behörde zur Aufgabe gemacht hat.
(Azadî/jw, 10.11.2010)