Pressemitteilung Nr. 23
(12.4.1999)
Aufruf der HADEP vom 6.4.1999
Wie Sie wissen, ist unsere Partei, die HADEP, unter dem Druck des Systems
(Repression durch den Staat) seit sie gegründet wurde. Das Verfahren
bezüglich des Verbotes unserer Partei findet immer noch statt. Und
zusätzlich zu unserem Präsidenten, Murat Bozlak, befinden sich
noch einige unserer Parteivorsitzenden im Gefängnis.
Der Druck auf unsere Mitglieder und Funktionäre stieg seit Februar
aufgrund des Internationalen Frauentages am 8. März und des Newroz
am 21. März extrem an.
Während die anderen Parteien ohne Hindernisse ihre Wahlvorbereitungen
durchführen konnten, wurden die meisten unserer Kandidaten-Vertreter
gezwungen, ihre Kandidaturen zurückzuziehen.
Unsere Wahlkampfbüros in kurdischen Städten wurden geschlossen.
Unseren Kandidaten wurde verboten, in die Städte zu gehen, in denen
sie kandidieren. Zuletzt wurden Menschen, die gekommen waren, um
den Zug der HADEP in Sucnua-Distrikt von Urfa willkommen zu heißen,
von lokalen Amtsinhabern direkt beschossen und von Sicherheitskräften
verwundet. Unter diesen Umständen, daß zentrale Menschenrechte
unserer Mitglieder verletzt werden, ist es unmöglich von „freien /gesunden“
Wahlen zu reden.
Im folgenden werden die Festnahmen und Zwangsmaßnahmen zwischen
Februar und April zusammengefaßt:
Festnahmen insgesamt:
Mitglieder des Hauptvorstandes (General Assembly) 5
Provinzvorsitzende und Funktionäre 30
Distrikt-Vorsitzende und Funktionäre 35
HADEP-Mitglieder 4031
Bürgermeister-Kandidaten 12
Kandidaten des Parlamentes 22
Kandidaten zu den Provinz-Parlamenten 10
Kandidaten für d. Stadt-Parlamente 20
Mitglieder von Kommissionen mehr als Verletzte:
Durch Schüsse der Polizei, Verletzte 16
davon Schwerverletzte 3
Verwundet durch Schlagstöcke 37
Verwundet bei Angriffen von bewaffneten Einheiten 33
Geschlossene Wahlkampfbüros mehr als 10
Vom Staat konfiszierte Fahrzeuge, inkl. des Wahlkampfbusses des Zentralbüros,
insgesamt 7
Ali Özcan,
Vizegeneral-Sekretär der HADEP
Irak: Etwa 15.000 türkische Soldaten sind nach einem Bericht der
Zeitung „Cumhuriyet“ rund 15 Kilometer nach Irak einmarschiert, um gegen
Kämpfer der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) vorzugehen. Es ist die
zweite grenzüberschreitende Offensive seit der Festnahme von PKK-Chef
Abdullah Öcalan am 15. Februar. Die Soldaten würden von 2.000
Dorfwächtern begleitet, schrieb die Zeitung am Mittwoch. Auch Kämpfer
der Demokratischen Partei Kurdistans (KDP), eine irakische Kurdenorganisation,
unterstützten die Armee. Im Zuge der Offensive, die am Dienstag
begonnen habe, seien Stützpunkte der PKK von Kampfflugzeugen beschossen
worden. (AP, 7.4.1999) Siiert: Die Bewohner der Dörfer, Bagigüze,
Eyni, Duava, Jor, Xalidiye, Meylana, Zovanya, Germiker, Gire, Hiseyni,
Girdara, Qewk, wurden vom Militär auf den Dorfplätzen zusammengetrieben
und unter Druck gesetzt, daß sie, wenn sie bei den Wahlen ihre Stimmen
der HADEP geben, ihre Dörfer verbrannt und geräumt werden. (Ö.P.
7.4.)
Mus: Die Wahlveranstaltung der HADEP hat trotz massiver Behinderungen
durch das Militär stattgefunden. Menschen aus den umliegenden Dörfern,
die nach Mus fahren wollten, wurden durch Panzer und Anwendung von Schlagstöcken
mit Gewalt daran gehindert, an der Veranstaltung teilzunehmen. Die HADEP-Kandidaten
wurden ebenfalls daran gehindert, sich in den Bezirken vorzustellen. Die
Hauptveranstaltung der HADEP in Mus wurde trotzdem von Tausenden von Menschen
aufgesucht. (Ö.P. 8.4.)
Diyarbakir: Der Journalist Dino Frisullo soll noch einmal vor Gericht
gestellt werden. Er war 1999 in Diyarbakir festgenommen und zu einem Jahr
Freiheitsstrafe verurteilt worden. Eine höhere Instanz hat die Strafe
als zu niedrig befunden. Der Staatsanwalt fordert für Dino Frisullo
eine Freiheitsstrafe zwischen 1 und 4,5 Jahren. Ihm wird vorgeworfen, 1998
die Bevölkerung beim Newroz-Fest aufgehetzt zu haben. (Ö.P. 8.4.)
Diyarbakir: Der Prozeß gegen sogenannte Banden wurde am 7.4.
fortgesetzt. Die Mitglieder der „Banden“ gehören alle dem Militär
an. Sie waren als Offiziere tätig. Sie sind angeklagt, innerhalb des
Militärs eine Bande gebildet zu haben, die Menschenhandel betrieben,
Menschen unter Druck gesetzt, Gelder erpreßt und Menschen durch Folter
ermordet haben. So wurden von ihnen auch Mordaufträge angenommen und
durchgeführt. (Ö.P. 8.4.) Batman: Das Dorf Yenidogan wurden
von Soldaten abgeriegelt, um zu verhindern, daß Menschen aus Batman
den „Religiösen“, Sex Süleyman, zu dem die Menschen pilgern und
beten, gelangen. Er war am 30. März 1999 vom Militär festgenommen
worden, 2 Tage später wieder freigelassen. Das Militär behauptet,
daß Süleyman mit seinen Gottesdiensten PKK-Propaganda betreibt.
(Ö.P. 8.4.) Batman: Nach Hausdurchsuchungen am 4.4. wurden vier Menschen,
Azad Kilic, Sami Bicer, Burhan Sad, Nurhan Sad, festgenommen. Ihnen wird
vorgeworfen, während der Newroz-Feierlichkeiten auf der Straße
eine Feuer entfacht zu haben. Sie wurden ins Gefängnis von Batman
gebracht. (Ö.P. 8.4.) Adana: In Adana wurde ein 12jähriger Junge
von zu Hause von der Polizei abgeholt. Beim Verhör wurde das Kind
gefoltert, um es zu zwingen, einen anderen Jungen, der ebenfalls festgenommen
worden war, zu identifizieren. Die Angehörigen haben sich an den IHD
gewandt, sein Gesundheitszustand hat sich verschlechtert. (Ö.P. 8.4.)
Siiert: Der HADEP-Bürgermeisterkandidat und weitere Vorstandsmitglieder
wurden 4 Stunden in Untersuchungshaft genommen. Ihre Autos wurden demoliert,
Wahlplakate von den Autos entfernt. (8.4. Ö.P.)
Diyarbakir: 10 Gymnasiasten wurden am 7.4. dem Staatssicherheits-Gericht
vorgeführt. Ihnen wurde vorgeworfen, in der Schule für die PKK
gearbeitet zu haben. 8 Schüler wurden in Haft genommen, 2 Schüler
sind auf der Flucht. Vor Gericht erschienen nur die Schüler
Halit A., Idris A., Kasim K., Serdar K. Der Schüler Halit A. erzählte
vor Gericht, daß er mit Folterungen unter Druck gesetzt wurde, eine
Erklärung zu unterschreiben. Er erklärte: „Alle Aussagen, die
ich bei der Polizei gemacht habe, haben keine Gültigkeit, sie entstanden
unter Folter, ich mußte die Erklärung unterschreiben.“. Die
Staatsanwaltschaft fordert für die Schüler zwischen 5-15 Jahre
Haft. Der Prozeß wurde vertagt. (Ö.P. 8.4.)
Urfa: Die HADEP-Wahlveranstaltung wurde vom Militär angegriffen.
500 Menschen wurden festgenommen, viele verletzt, einige schwer. Autos
wurden demoliert. (Ö.P. 8.4.)
Diyarbakir: Die Kandidaten der HADEP, Muza Faris Oglu, Abdurrahman
Turhale, Ali Özgen wurden festgenommen, weiter wurden Kandidaten aus
den umliegenden Dörfern und den Kreisstädten Hazro und Dicle
verhaftet. (Ö.P. 9.4.) Erzurum: Ein HADEP-Wahlkonvoi wurde von Spezialeinheiten
angegriffen, die Autos wurden demoliert. Menschen wurden zusammengeschlagen,
einige mußten ins Krankenhaus eingeliefert werden. (Ö.P. 9.4.)
Istanbul: Der am 9.4. aus Deutschland abgeschobene Kurde Kemal Demirel
befindet sich immer noch in U-Haft in Istanbul. Es liegen keinerlei Informationen
vor, was Kemal Demirel im Istanbuler Gefängnis passiert. Demirel
beteiligte sich in Deutschland an einen unbefristeten Hungerstreik und
wurde trotz seiner Aktivitäten abgeschoben (Ö.P. 10.4.) Urfa-Suruc:
Die bei der HADEP-Wahlveranstaltung festgenommenen 100 Menschen befinden
sich immer noch in Untersuchungshaft. (Ö.P. 10.4.) Agri: Trotz massiver
Behinderungen durch das Militär konnte die HADEP ihre Wahlveranstaltung
mit 7.000 Teilnehmern durchführen. Die Menschen aus den umliegenden
Dörfern wurden daran gehindert, die Veranstaltung zu besuchen.
(Ö.P. 10.4.)
Erzurum: Kemal Birlik wurde vom Staatssicherheitsgericht zu 12 Jahren
Haft verurteilt. Das Gericht begründete das Urteil damit, daß
seine Tochter bei der Guerilla kämpfte. Vor 2 Jahren kam die Tochter
bei einer militärischen Auseinandersetzung um. (Ö.P. 10.4.)
Trabzon: Die türkische Armee hat eine neue Offensive gegen angebliche
Separatisten in Trabzon und den umliegenden Dörfern gestartet. An
dieser Frühlings-Operation nahmen 30.000 Soldaten teil. Die betroffenen
Kleinstädte: Macke, Sürmene, Tonya, Salpazare, Besikduzu, Uzugöl.
Die Soldaten werden von Dorfschützern begleitet. (Hürriyet 10.4.)
Izmir: Nach Aussagen von Anwälten werden die Gefangenen im Nazilli-Gefängnis
nicht medizinisch versorgt. Die Gefangenen müssen auf dem Boden schlafen,
weil Umbauarbeiten im Gefängnis noch nicht abgeschlossen sind. Aus
Protest dagegen hat sich der Gefangene Bayram Kaymaz versucht, zu verbrennen.
Er wurde ins Krankenhaus gebracht, wo ihm die medizinische Versorgung verweigert
wurde. Ein Arzt und deren Helfern griffen ihn tätlich an. Die sich
seit 37 Tagen in einem Hungerstreik befindlichen Gefangenen werden immer
wieder zusammengeschlagen.
Ihnen wurde gedroht, sie in andere Gefängnisse zu verlegen. (Ö.P.
11.4.) Istanbul: Die Zeitungen HEDEF und GERCEGI (Die Wahrheit) der Aleviten
wurden wegen angeblicher separatistischer Propaganda vom Staatssicherheitsgericht
für einen Monat geschlossen. Der Redakteur Sönmez von der Zeitung
HEDEF wurde zu 6 Monaten Gefängnis und zu einer Geldstrafe von 75
Millionen TL, die Verlegerin Naime Kaye wurde zu einer Geldstrafe von 150
Mill. TL verurteilt. Mustafa Benli, der verantwortliche Redakteur der GERCEGI
wurde zu 1 Jahr und 8 Monaten Haftstrafe verurteilt. (Ö.P. 11.4.)
Istanbul: Der Betreiber der Kantine in der Universität, Fachbereich
Politikwissenschaft, wurde von der Polizei zusammengeschlagen und verhaftet.
Polizisten hatten in der Kantine Getränke zu sich genommen und, als
der Inhaber von ihnen dafür die Bezahlung abverlangte, wurde er mit
den Worten, wie er auf die Idee käme, von der Polizei Geld zu verlangen,
zusammengeschlagen. 250 Studenten protestierten dagegen und forderten den
Rektor auf, daß die Polizei die Universität verlassen sollte.
(11.4. Ö.P.) Ankara: (Ö.P. 11.4.)
114 Intellektuelle wurden zu einer Freiheitsstrafe von 1 Jahr vom Staatssicherheitsgericht
verurteilt. Unter ihnen auch Ismail Besikci. Sie hatten 1993 einen Aufruf
unterzeichnet, in dem die Worte „kurdisches Problem“ vorkam.
Auch der Titel „Die kurdische Deklaration“ wurde in der Urteilsbegründung
mit aufgeführt.
Ankara: (Sabah 11.4.)
Das DGM-Gericht Nr. 1 in Ankara hat 114 Angeklagte, unter ihnen auch
den Schriftsteller Ismail Besikci, wegen einer kurdischen Deklaration von
1993 zu 1 Jahr Freiheitsstrafe verurteilt. Der Grund ist, daß 1993
die 114 Angeklagten einen Aufruf unterschrieben haben, der Propaganda gegen
die Einheit des türkischen Staates beinhalten soll. Die Anklage von
12 der 114 wurde vom Prozeß abgetrennt, weil die 12 sich noch nicht
zu ihrer Verteidigung geäußert haben. An der gestrigen Hauptverhandlung
nahmen die Verteidiger von Yalcin Kücük, (Schriftsteller, d.
Übers.), Ali Yildirim und Mehmet Nur Terzi teil. Sie wiederholten
die Verteidigung und forderten Freisprüche für ihre Mandanten.
Der Vorsitzende, Mehmet Orhan Karadeniz, verurteilte trotzdem die 114 Personen
wegen Propaganda gegen die Einheit des Staates.
Ankara: Am Sonnabend, 10.4. veröffentlichte die Zeitung Sabah
einen nicht namentlich gekennzeichneten Artikel unter dem Titel „Die HADEP
ist sehr gefährlich“. Wir übersetzen den Artikel auszugsweise.
(Mit solchen Artikeln begleiten die gesamten Medien in der Türkei
die Maßnahmen von Militär und Polizei gegen die HADEP.)
Ankara: „Die HADEP ist sehr gefährlich“ - Zwischenüberschrift:
Der Oberstaatsanwalt Vural Savas forderte ein zweites Mal vom Gericht,
daß es verhindert wird, daß sich die HADEP an den Wahlen beteiligt
und das die HADEP verboten wird.
Der Oberstaatsanwalt Vural Savas hat seine Begründung wegen des
Verbotes der HADEP beim Verfassungsgericht eingereicht.
Savas machte darauf aufmerksam, daß der angeklagte Führer
der Terrororganisation Abdullah Öcalan bei seiner Anhörung vor
DGM-Staatsanwälten auf die Beziehungen zwischen der Terrororganisation
und der HADEP hingewiesen hat. Damit verhindert wird, daß diese Partei
an den Wahlen teilnimmt, und das jegliche politischen Aktivitäten
verhindert werden, hat Savas dies ein zweites Mal vom Gericht gefordert....
In der Anklage zeigte Savas, daß sowohl die HADEP als auch die
früher verbotenen Parteien HEP und DEP unter der Kontrolle des PKK-Zentralkomitees
sind, und daß die HADEP vom PKK-Zentralkomitee Anweisungen erhält.
Savas sagte, daß die HADEP-Kongresse als Bühne für den
Untergrund-PKK-Führer Öcalan benutzt wurden. Auf den Kundgebungen
der HADEP auf den verschiedenen Organisationsebenen und von den Teilorganisationen
wie Frauen, Jugend, Gesundheit und Arbeiter, wurden Meinungen durchgesetzt,
die sich gegen die Einheit des Staates richten. In den HADEP-Teilorganisationen
wurde versucht, die kurdischstämmigen Bürger für die PKK
zu organisieren, um eine Basis für die PKK zu errichten, für
die PKK Guerilla zu finden und zu überreden, in die PKK-Camps im Inland
und Ausland zu gehen. Hier haben die HADEP-Organisationen so viel gearbeitet,
als wäre die HADEP ein PKK-Meldebüro. Es wird heute so gesehen,
daß dies ohne Verschleierung geschah...Vural Savas erzählte,
daß Oberleutnant Oguz Sanal an ihn einen Brief geschrieben hat, „ihr
Kampf für die Verhinderung der Teilnahme der HADEP an den Wahlen ist
äußerst wichtig, so wie unser militärischer Kampf mit Waffen
erfolgreich sein wird, wird das Vaterland uns als Soldaten dankbar sein,
sind wir, die Soldaten, auch ihnen dankbar.“
Die Informationen wurden aus unten aufgeführten Zeitungen zusammengestellt.
Auf Wunsch können wir Ihnen die Belegaus-schnitte aus den Zeitungen
per Kopie zur Verfügung stellen. Nicht direkt gekennzeichnete Artikel
stammen aus Mitteilungen, die wir ebenfalls auf Wunsch zur Verfügung
stellen können. (Ö.P = Özgür Politika, Hürriyet,
Sabah, Cumhurriyet)