Brothers In Arms
Wien. Mit der Bildung einer Regierungskoalition zwischen Österreichischer
Volkspartei (ÖVP) und der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) hat der ÖVP-Vorsitzende
Wolfgang Schüssel einen Tabubruch vollzogen, um selbst Kanzler zu werden. Die
FPÖ unter Führung Jörg Haiders ist eine populistische rechtskonservativeVereinigung,
die sogar Repräsentanten der „neuen Mitte" als rassistisch und antisemitisch
bezeichnen – noch. Die FPÖ-Politik ist lediglich der rechte Rand der extremen
Mitte, ihre politischen Forderungen längst bei den „demokratischen Volksparteien"
Praxis, nur offen zugegeben hat es bis jetzt noch keiner. Doch auch das wird
sich ändern, denn Schüssel hat nur den ersten Schritt gemacht beim „Verlassen
des demokratischen Konsens", der sich schon lange selbst verlassen hat. Mit
den Haiders der verschiedenen Staaten Europas werden früher oder später alle
„Neue-Mitte-Demokraten" an einem Tisch sitzen, sofern es jemand für nötig hält,
diese trotz Schily, Fischer und Co. zu wählen. Dennoch: Die relative Offenheit
des Haiderschen Rassismus und seine unverhohlenen positiven und/oder verharmlosenden
Bezüge auf den deutschen Faschismus sind Anlass der österreichischen Regierung
heftigen Widerstand entgegen zu setzen. Kein Haider-Auftritt ohne antifaschistischen
Protest sollte Zielvorgabe aller europäischen Antifa-Gruppen sein.
Nachdem Österreich bewiesen hat, dass der Faschismus – im Gegensatz
zur Diktatur – eine Massenbasis in der Bevölkerung hat, auf durchaus demokratischem
Wege an die Macht gelangen kann, rhetorisch nicht ungeschickt ist und nicht
einmal immer ein hässliches Gesicht hat, kurz gesagt also ganz „normal" ist,
fällt der übrigen Demokratie Abgrenzung schwer. Zudem wird das, was ein Teil
der Österreicher in der Person von Haider an repressiver und rassistischer Politik
fordert, in Österreich und in vielen der Länder, die sich jetzt so vehement
von Haider abgrenzen wollen, ohnehin schon lange diskutiert oder praktiziert.
Weil Abgrenzung also schwer fällt, muss das Problem des Faschismus auf Haider,
allenfalls noch die FPÖ eingeschlossen, eingegrenzt bleiben – es darf eben nicht
als ein allgemeines Problem der kapitalistischen Gesellschaft thematisiert werden.
Und daher gelingt eine glaubhafte Abgrenzung auch nur an den überzogenenen Äußerungen
Haiders (sein Lob für Hitlers Arbeitspolitik oder die Wehrmacht), für die er
sich in der Regel einfach entschuldigt.
Die Abgrenzung der westeuropäischen Demokraten fällt aber gerade deshalb so
heftig aus, weil es bis auf die überzogenen Ausrutscher gerade keinen Bruch
zwischen Haider und Schily, Fischer, Stoiber, Kanther, Diepgen, Glogowski usw.
gibt. Der Übergang ist vielmehr fließend. Dadurch nötigt Haider jedoch um so
mehr zu einer Abgrenzung, die unterstellt, die bürgerliche Mitte sei von Haider
weit entfernt. Denn er stellt tatsächlich eine Gefahr für die bürgerliche Mitte
dar insofern, als er eben nicht weit von ihr entfernt steht. Und diejenigen,
die in Deutschland, Frankreich, Belgien usw. die Demokratie vor Haider schützen
wollen, können die Gefahr tatsächlich bannen, und sie haben sie weitgehend gebannt:
Deutschland braucht keinen Haider, es hat Joschka Fischer, Otto Schily, Edmund
Soiber. Haider und Stoiber sind allenfalls brothers in arms.
Doch offensichtlich ist sich noch nicht jeder dessen bewußt. Otto Schily hat
es allerdings gemerkt. Offiziell will er mit Haider nicht an einen Tisch und
nicht mit einem wie ihm reden; insgeheim allerdings fürchtet er, Haider könne
sich voll Lobes über seine Asyl- und Ausländerpolitik äußern. Doch auf Dauer
wird man einem, der Deutschland etwa in der Asyl- und Ausländerpolitik bereitwillig
anerkennt, und der mit deutscher oder französischer Politik auch in vielen anderen
Punkten übereinstimmt, ohnehin schlecht die Anerkennung verweigern können.
Diejenigen, die das im Gegensatz zu Schily noch nicht gemerkt haben und lieber
„reden statt ausgrenzen", treffen sich etwa bei n-tv mit Erich Böhme, um Haider
mal eben im Vorbeigehen die Maske herunterzureißen. Die Selbstherrlichkeit ist
jedoch so groß wie ungerechtfertigt; bisher jedenfalls sind all diese Versuche
gescheitert. Nicht, weil Haider gar kein Faschist wäre, sondern weil es offensichtlich
innerhalb des bürgerlich-demokratischen Diskurses keinen Standpunkt mehr gibt,
der im krassen Gegensatz zu Haider stünde oder zumindest zur Konfrontation taugen
würde. Die Forderung, nicht mit Faschisten, dafür aber über sie zu reden, will
daher nicht nur den öffentlichen Raum gegen Faschisten verteidigen. Sie ist
allein schon wegen der erwiesenen Unfähigkeit von Leuten wie Erich Böhme, Ralph
Giordano oder Freimut Duve gerechtfertigt, die, statt Haider des faschistischen
Denkens zu überführen, nur die eigene Unfähigkeit zelebrieren, ein solches Denken
überhaupt noch erkennen und benennen zu können. Denn wer glaubt, mit Leuten
wie Haider würde sich alles zum Schlimmen wenden, ist natürlich auf ein entsprechende
„Wende" angewiesen. Bleibt sie aus, geht alles seinen bisherigen Gang und repräsentiert
Österreich also nur die eigene und die europäische Normalität, so geht eine
Haider-Kritik, die die Normalität der bürgerlichen Mitte gegen Haiders Rechtsextremismus
verteidigen will, notwendig ins Leere. Nicht faschistische „Ausrutscher", sondern
Normalität, nicht Haider, sondern Österreich, nicht der „Extremismus", sondern
die Mitte, nicht die links-liberale, bürgerliche Kritik, sondern ihr absolutes
Ausbleiben sind das Problem.