Autonome AntifaschistInnen prägen das Bild des Widerstands
Göttingen. 2000 Menschen demonstrierten am 29. Januar 2000 gegen einen
erneuten Versuch der Faschisten aus NPD und freien Kameradschsften in Göttingen
einen Aufmarsch durchzuführen. Wie schon am 6.November ’99 scheiterte der Aufmarsch
der Nazis am Oberverwaltungsgericht in Lüneburg. Wieder schafften es die Nazis
nicht ihre faschistischen Ideologie in Göttingen zur Schau zu stellen. Die zwei
Szenerien vom 6. November ’99 und vom 29. Januar 2000 gleichen sich scheinbar,
doch trotzdem war alles ganz anders.
Ein kurzer Rückblick
Am 6. November ’99 waren 5000 Menschen, darunter 3000 autonome AntifaschistInnen
auf der Straße. Faschisten waren an diesem Tag praktisch nicht zu sehen. Ziel
autonomer Politik im Vorfeld des 6. Novembers ’99 war es, nicht in bereits aufgestellte
Totalitarismusfalle zu tappen. Aus diesem Grund beteiligten sich autonome AntifaschistInnen
an einem breiten Bündnis, unter der Federführung des DGB (siehe Einsatz! Nr.
42). Die Isolation autonomer Politik wurde dadurch im Vorfeld vermieden, der
Tag selber bewies, dass eine gemeinsame Positionierung gegen Faschisten möglich
ist. Doch der Tag zeigte auch ein übliches Problem autonomer Bündnispolitik.
Die bürgerlichen Medien berichteten im Nachhinein, dass sich eine Stadt unter
der Schirmherrschaft des DGB erfolgreich gegen den geplanten Naziaufmarsch gewehrt
hat. Kein Wort über die 3000 autonomen AntifaschistInnen, die aus der gesamten
BRD angereist waren. Einen öffentlichen linksradikalen Ausdruck gab es an diesem
Tag nicht. Was blieb, war die bittere Erfahrung als Füllmasse lokalpatriotischer
Kräfte gedient zu haben. Und aus diesen Fehlern galt es bei der erneuten Gegenmobilisierung
zu lernen und sie zu vermeiden.
Faschisten bekämpfen 2!
Kurz nach den Aktionen vom 6. November ’99 wurde bekannt, dass die Nazis einen
zweiten Aufmarsch in Göttingen für den 29. Januar 2000 planten. Unter dem Motto
„Nicht Kommunismus! Nicht Kapitalismus! Für den deutschen Sozialismus!" initiierte
der Kreisverband der NPD eine „deutschlandweite" Mobilisierung nach Göttingen.
Die Gegenmobilisierung begann mit der Rekonstituierung des Bündnisses mit dem
DGB an der Spitze. Die Autonome Antifa [M] entschloss sich trotz der Erfahrungen
des ersten Mals wieder am Bündnis teilzunehmen, um zu vermeiden, dass am Ende
der Aktionen in den Medien das Bild konstruiert werden kann, dass „linke und
rechte Extremisten" gleichsetzt, und nur die bürgerlichen Kräfte als einzig
demokratisch legitimen Widerstand darstellt. Dafür war es auch dieses Mal notwendig
im Vorfeld ein politisches Klima zu etablieren, das Aktionen auf allen Ebenen
und mit allen Mitteln gegen Faschisten ermöglicht, ohne die Breite des gesellschaftlichen
Widerstands zu schwächen. Dass dieses Ziel wieder erreicht werden konnte, kündigte
sich bereits auf dem ersten Bündnistreffen an, als CDU und Junge Union den Ausschluss
linksradikaler Gruppen, u.a. der Autonomen Antifa [M], zur Voraussetzung für
eine eigene Beteiligung machten und unter Gelächter wieder abziehen mussten.
So stand die CDU mit Stadtverwaltung und Polizeiführung wieder relativ alleine
in der angestrebten „Anti-Extremismusfront".
Für den 29. Januar 2000 rief das Bündnis zu einem Sternmarsch auf, der parallel
zum geplanten Naziaufmarsch stattfinden sollte. Um autonomen AntifaschistInnen
die Möglichkeit zu geben den Nazis direkten Widerstand entgegenzusetzen, rief
die Autonome Antifa [M] zu einem zusätzlichen Kundgebungsplatz als den drei
vom DGB angemeldeten Auftaktorten auf. Dieser Aufruf implizierte keine Loslösung
vom Konzept des Bündnisses, denn es war weiterhin klar, dass ein Nebeneinander
der Aktionsformen für alle Beteiligten wichtig war. Die von der PDS angemeldete
Kundgebung am Platz der Synagoge wurde genehmigt. Dennoch gab es eine Verbotsverfügung
der Stadtverwaltung gegen die Aktionen der Autonome Antifa [M]. Dieses Pro-Forma-Verbot
autonomen antifaschistischen Widerstands ist nichts weiter als ein totalitaristisches
Propagandainstrument der Stadt Göttingen, denn auch sie wusste, dass die Autonome
Antifa [M] zu der PDS-Kundgebung mobilisierte. Die Stadt Göttingen versuchte
durch solche Unternehmungen das politische Klima gegen den Nazi-Aufmarsch immer
wieder zu brechen und eine Spaltung in „gute gewaltfreie Demonstranten" und
„linke Chaoten" herbeizuführen. Diese Spaltungsversuche sind gescheitert. Letztlich
stand Stadt Göttingen durch ihre Verbotspraxis eher lächerlich dar.
Das „Unibündnis gegen den Nazi-Aufmarsch" mobilisierte mit dem Ziel, sich ebenfalls
den Nazis direkt entgegenzustellen, zum Campusgelände. Aber auch diese Aktion
fand nicht isoliert statt, war sie doch Teil des Konzeptes des linksradikalen
Vorbereitungstreffens für den 29. Januar 2000, dass sich wie schon am 6. November
’99 zur Koordinierung der linksradikalen Gruppen gegründet hatte, wenn auch
mit deutlich geringerer Beteiligung. Bei aller Wichtigkeit linksradikaler Koordinierung
im Vorfeld solcher Aktionen, muss trotzdem die Lethargie einiger beteiligter
Gruppen kritisiert werden. Die Stimmung war oft nicht offensiv und teilweise
sogar demobilisierend.
Verbotspraxis.
Am 28. Januar 2000 verbot das Oberverwaltungsgericht Lüneburg den Nazi-Aufmarsch
endgültig. Juristisch sicherlich zweifelhafte Begründungen waren die politischen
Vorstrafen der NPD-Anmelder und -Ordner. Wie später bekannt wurde stand jedoch
noch einmal ein Verbot der Gegenaktionen im Raum, denn nach einer anonymen „Warnung"
von Nazi-Seite war angeblich ein Schusswaffenangriff auf die Bündnisdemonstration
geplant. Untermauert wurde diese These mit der „Preisgabe" einer Waffenverstecks
nahe dem Schützenplatz, dem NPD-Treffpunkt. Die Polizei fand dort tatsächlich
einen scharfen Revolver samt Munition. Als Hintergrund ist aber wohl eher ein
Einschüchterungsversuch der Nazis auf potentielle GegendemonstrantInnen zu vermuten.
Oder die Faschisten wollten ein Verbot der Gegenaktionen á la LL(L)-Demo (siehe
Randspalten auf S.8 u. 9) erwirken. Letztlich wäre ein solches Verbot aber wohl
öffentlich nicht zu rechtfertigen gewesen.
Für die linksradikale Aktionen war somit die Priorität für diesen Tag gesetzt:
Eine Beteiligung am Sternmarsch des Bündnisses und eine ausdrucksstarke Manifestation
antifaschistischen Widerstands wurden angestrebt und schließlich auch erreicht.
Obwohl die Faschisten keinen Großaufmarsch durchführten, waren die Aktionen
des Tages dennoch mit einem Großaufmarsch konfrontiert. Auch die Polizei mobilisierte
„deutschlandweit" nach Göttingen, um mit ca. 2000 Beamten ihre „anti-extremistische
Einsatzbereitschaft" unter Beweis zu stellen.
Zusammen kämpfen gegen Faschismus und Polizeistaat!
Nachdem klar war, dass keine Nazis nch Göttingen kommen würden, entschlossen
sich die linken Gruppen als Reaktion auf den „Campusskandal" (siehe Randspalte
S.10) zum Polizeigebäude in der Jheringstraße zu ziehen. So vereinigten sich
die KundgebungsteilnehmerInnen von Campus und Platz der Synagoge. Der überwiegende
Teil der 1500 DemonstrantInnen war maskiert, um zu verdeutlichen, dass es sich
um militante AntifaschistInnen handelt, die den Widerstand gegen Faschisten
und Polizeistaat auf die Straße tragen. Dieser linksradikale Ausdruck störte
wohl auch die Polizei, die die Demonstration des öfteren stoppte und mit ihrem
Großaufgebot immer wieder provozierte. Der Polizei gelang es jedoch nicht, diese
Manifestation revolutionärer antifaschistischer Politik zu verhindern. Angeführt
von einem schwarzen Block erreichte die Demonstration nach der Zwischenkundgebung
an der Polizeiwache die Abschlusskundgebung, an der weitere 500 DemonstrantInnen
aus dem bürgerlichen Spektrum teilnahmen.
Nachdem die Rede Michel Friedmans bereits einiges Medieninteresse auf sich gezogen
hatte, sprach eine maskierte Rednerin der Autonomen Antifa [M]. Sie machte in
ihrer Rede deutlich worum es bei antifaschistischer Gegenmobilisierung geht:
Antifaschistischer Widerstand gegen Nazis bedeute auch immer Widerstand gegen
die totalitaristischen Phrasen bürgerlicher Parteien, wie sie auch im Vorfeld
des 29. Januars 2000 immer wieder zu hören waren. Weiter kritisierte sie die
Großaufmärsche des Polizeiapparats, die das Ziel haben, linksradikale DemonstrantInnen
zu einzuschüchtern, um den antifaschistischen Kampf zu schwächen. Ein Brückenschlag
zum historischen Antifaschismus stellte zum Abschluss eine beeindruckende Rede
des antifaschistischen Widerstandskämpfers und Auschwitz-Überlebenden Peter
Gingold dar.
„Kein Naziaufmarsch ohne antifaschistische Gegenmobilisierung"
Dieses Zitat aus der Rede der Autonomen Antifa [M] bringt die Aktionen auf den
Punkt. Es waren AntifaschistInnen, die an diesem Tag auf der Straße linksradikale
Inhalte manifestierten. Um diese Einsicht kamen diesmal auch die bürgerlichen
Medien nicht herum, nicht weil die Mobilisierung des DGB-Bündnisses hinter den
Erwartungen zurückblieb, sondern weil durch Vermummung und Demonstration zum
Polizeigebäude eindeutige Bilder geliefert wurden. Der Tag bleibt als Erfolg
für linksradikale Politik stehen, es wurde wieder gezeigt, dass es in Göttingen
einen breiten Konsens gegen Nazis gibt, aber vor allem wurde deutlich, dass
antifaschistische Politik über den reinen Anti-Nazi-Kampf hinausreicht, dass
sich linksradikale Kritik gegen den rechten Vormarsches als Ganzes richtet.