Die negative Dialektik des Extremismus der Mitte

Zur Wahrheit der Totalitarismustheorie

Mitte/BRD. Die Totalitarismustheorie, die einst im Aufkommen des Faschismus von bürgerlich-liberaler Seite entwickelt wurde, spätestens in den 70er Jahren überwunden schien und in den restaurativen 80ern eine Renaissance erlebte, diese Totalitarismustheorie enthält eine negative Wahrheit. Denn ihre zentrale Aussage, Faschisten und KommunistInnen bzw. AntifaschistInnen seien trotz unterschiedlicher Ziele aufgrund derselben Mittel einander gleich, enthält genau den blinden Fleck, der dem bürgerlichem Selbstverständnis bei der Bestimmung des Faschismus und seines Gegners stets unscharf bleibt: die bürgerliche „Mitte", der ihr eigener Zusammenhang mit den „Formen totalitärer Herrschaft" undurchsichtig bleibt. Es ist daher nur folgerichtig, dass eine bürgerliche Aufklärung und Vernunft, die ihren eigenen „Umschlag" in Krieg und Vernichtung nach wie vor nicht begreift, auch von einer Theorie nicht loskommen kann, in der sich genau dieses Unverständnis ausdrückt. Die Totalitarismustheorie ist daher nicht nur als denunziatorische Gleichsetzung von Kommunismus und Antifaschismus zu begreifen. Sie ist vielmehr die adäquate und notwendige Antwort einer Gesellschaft, die den Faschismus nicht an sich selbst wahrnehmen kann, die ihr eigenes Unbewusstes, das faschistisch-„gewalttätige" und „totalitäre" Potential, nicht bei sich selbst finden kann, und die sich daher ihrer eigenen Ausgeburt nur entledigen kann, indem sie es nicht als das Andere-Ihrer-Selbst, sondern als das Andere schlechthin, als das ihr völlig Äußere und Zufällige abspaltet und abstößt. Warum der Faschismus aus einer bürgerlichen Demokratie hervorging, die in mancherlei Hinsicht sogar liberaler war als die heutige, warum die Prinzipien der Aufklärung – der freie und gleiche Mensch und die Allgemeinheit der Vernunft unabhängig von Herkunft, Nationalität oder Geschlecht – sich in Vernichtung verkehrte: die Totalitarismustheorie hat es nicht einmal zu einer solchen Fragestellung gebracht. Die „bürgerliche Mitte", die angeblich zwischen den „Extremen" aufgerieben wurde und zu schwach war, ihnen Widerstand entgegenzusetzen, diese Mitte und ihr merkwürdiges Verschwinden ist genau der unscharfe blinde Fleck, der in der Totalitarismustheorie eben als die „neutrale Mitte zwischen den Extremen" erscheint, die „Leerstelle", die sich selbst von lauter Extremen umringt meint und nicht erkennen kann, dass die Mitte selbst das Extrem geworden ist. Denn die bürgerliche Mitte ist nicht nur im Nationalsozialismus aufgegangen, weil sie die NSDAP gewählt hat, weil sie die Funktionäre gestellt hat oder die Wirtschaft mit der NSDAP paktiert hat, sondern weil es vielmehr eine Einheit der Form gibt zwischen bürgerlicher Demokratie und Nationalsozialismus, die jenseits aller personellen und institutionellen Kontinuitäten liegt. Wie sich eine solche Formeinheit vermittelt, die keinesfalls als unmittelbare Identität im Sinne einer Gleichsetzung von Demokratie und Faschismus aufzufassen ist, lässt sich vielfach ausweisen, etwa am Zusammenspiel von faschistischem Mob und staatlicher Änderung des Asylrechts Anfang der 90er oder am Zusammenspiel von Menschenrechtsrethorik und Kriegspolitik Ende der 90er Jahre im Jugoslawienkrieg.
Und selbst wenn es scheint, als mache der bürgerliche Staat alles richtig, etwa wenn er aktiv mit all seinen Mitteln einen faschistischen Aufmarsch verhindert wie in Göttingen am 6. November ’99, so macht er doch alles falsch. Denn der bürgerliche Staat, von den Faschisten als „liberale Schwatzbude" verachtet, erfüllt, indem er sich gegen sie richtet, zugleich ihre Forderungen nach einem starken Staat, der als institutionalisierter Ausnahmezustand den Willen des Volkes unmittelbar exekutiert, u. a. auch, indem er die antifaschistischen Gegenaktionen jenseits des DGB und der SPD ebenfalls verbietet. Diese negative Dialektik zwischen der „Mitte" und ihrem Unbewussten oder dem Faschismus, lässt sich nur von ihrer inneren Einheit her denken, die aus sich heraus zu keiner Auflösung drängt. Faschistischer Mob und staatliche Exekutive bilden allerdings eine unbegriffene Formeinheit, innerhalb derer sich beide Seiten nur im Gegensatz zu der anderen begreifen. So wie der Staat die Faschisten nicht zu nahe kommen lässt und sich daher von Zeit zu Zeit gegen sie stellt und ihre Aktionen verbietet, so verachten die Faschisten den bürgerlichen Staat in dem Maße, wie sie an ihn appellieren, sich ihm andienen und sich zurückgestossen fühlen. Die Totalitarismustheorie ist also umzukehren und ihre Wahrheit gegen die Urheber zu richten, die ihre Unwissenheit als „Ideologiefreiheit" und „Neutralität" verstehen und selbst da, wo sie dem Faschismus offen entgegentreten, in ihm nicht den Auswurf der bürgerlichen Gesellschaft selbst sehen können.
Der staatliche „Antifaschismus" jedenfalls, wie er etwa M. Friedman eingefordert wird (in seiner Rede am 29.1.), ist tatsächlich als Schutz der bürgerliche Gesellschaft vor sich selbst ernst zu nehmen. Denn durch die Abspaltung und Abwehr des Faschismus im Sinne der Totalitarismustheorie bewahrt sich die bürgerliche Gesellschaft nicht nur – wie oben gezeigt – vor der Einsicht in ihr eigenes Inneres und betrügt sich um die Einsicht in ihren eigenen Wahn, sondern sie versucht sich auch vor ihrer doppelten Selbstkritik zu schützen, die sie zwar selbst hervorbringt, in der sie aber in der Tat nur zwei gegensätzliche Extreme sehen kann: Der Faschismus ist die unmittelbare Kritik der bürgerlichen Gesellschaft, ihr eigenes, irrationales anderes, letzte Rettung in der Not und zugleich die zurückgehaltene letzte Waffe gegen die vermittelte Kritik der bürgerlichen Gesellschaft, die sie durch ihr faschistisches Potential selbst hervorbringt: den Antifaschismus.

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