Partigiani
25. Juli 1943: Nach 21 Jahren scheint in Italien das Ende von Faschismus
und Krieg besiegelt zu sein. Dem Sturz des Diktators Mussolinis folgen spontane
Demonstrationen im ganzen Land, faschistische Embleme werden zerstört. Jedoch
muss die neu eingesetzte Regierung Badoglio schon 45 Tage später vor den deutschen
Besatzern flüchten, die in Nord- und Mittelitalien die faschistische Republik
RSI mit Mussolini an der Spitze reinstallieren. Tatsächlich wird es noch zwei
Jahre dauern, bis die Befreiung Italiens gefeiert werden kann. Doch im Gegensatz
zu Deutschland, wo der Nationalsozialismus nur militärisch zerschlagen werden
kann, hat in Italien der antifaschistische Widerstand einen entscheidenden Anteil
am Ende des Faschismus.
Die Voraussetzungen dafür sind vielfältig. Anders als im Nationalsozialismus
benötigt Mussolini mehrere Jahre zur Stabilisierung des faschistischen Systems.
Zwar werden Oppositionelle grausam verfolgt, eine Strategie der systematischen
physischen Vernichtung der politischen Gegner ähnlich dem Nationalsozialismus
gibt es jedoch nicht. Gleichzeitig können Kirche, Militär und Monarchie eine
relative Eigenständigkeit bewahren. Schon in den 20er Jahren beginnen KommunistInnen,
SozialistInnen und radikale Intelektuelle, oft aus dem Exil, Widerstand zu organisieren.
Viele sammeln Erfahrungen im spanischen Bürgerkrieg, die ihnen beim Aufbau bewaffneter
Gruppen in Italien nutzen werden.
Als ’42 die Lebensbedingungen immer schlechter werden und sich wegen der aussichtslosen
Lage Kriegsmüdigkeit breitmacht, verbessern sich die Bedingungen für organisierten
Widerstand. Während der Regierung Badoglio ensteht neuer Freiraum, der zur Reorganisierung
der Parteien und Gewerkschaften genutzt wird, viele RegimegegnerInnen kehren
aus dem Exil zurück, politische Gefangene werden freigelassen. Im Herbst ’43
beginnen die ersten Gruppen den Partisanenkampf.
Fast alle Einheiten werden von den antifaschistischen Parteien des „Nationalen
Befreiungskommitees" (CLN) organisiert. Etwa die Hälfte der Brigaden beziehen
sich auf die kommunistische Partei, die Brigaden „Gerechtigkeit und Freiheit"
stellen etwa 30%. Der verbleibende Anteil wird von anderen MarxistInnen, AnarchistInnen
sowie Liberalen und Katholiken gestellt. Die verschiedenen politischen Orientierungen
führen oft zu Spannungen, die jedoch vorerst zurückgestellt werden. Trotz der
schwierigen Bedingungen, u.a. bedingt durch Waffenmangel, Versorgungsprobleme
und vor allem durch den Terror der Nazis gegen die Zivilbevölkerung, wächst
die Resistenza. Ein Zeichen der Stärke sind die zahlreichen PartisanInnenrepubliken,
befreite Gebiete, die selbstverwaltet werden. In den Tagen des Aufstandes zur
Befreiung vom Faschismus steigt die Zahl der antifaschistischen KämpferInnen
auf 250.000 - 300.000 an. Im April ’45 naht das Ende: Mussolini wird auf der
Flucht von PartisanInnen gestellt, er und seine Geliebte werden vom Befreiungskommittee
Oberitalien am 28. April ’45 erschossen. Die Leiche wird nach Mailand gebracht
und am Piazzale Loreto ausgestellt – am selben Ort, wo Faschisten 14 erschossene
AntifaschistInnen zur Schau gestellt hatten.
Die Geschichte des italienischen Widerstandes ist Thema der Ausstellung „Partigiani",
die im Hardegsener Muthaussaal zu besichtigen ist. Erstellt wurde sie von den
Instituten für Widerstand und Zeitgeschichte Modena, Parma und Reggio Emilia.
Neben konkreter Wissensvermittlung bietet sich die Möglichkeit, eine tiefergehende
Auseinandersetzung um Antifaschismus zu führen. Denn die eklatanten Gegensätze
der italienischen und deutschen Geschichte provozieren nicht nur die Frage nach
dem historischen und heutigen Stellenwert von Antifaschismus als politische
Orientierung, sondern verdeutlichen auch die Unterschiede in der antifaschistischen
Identität, wie sie in den Diskussionen um Geschichtsrevisionismus und staatlichen
Antifaschismus deutlich werden.