Kommentar: Die Mostschädel

Wien. Völlig unerwartet muss ich plötzlich wieder Notiz von der Existenz Austrias nehmen. Sicher, ich war schon mal dort, aber dieses Land hatte in meinem Leben nie eine Rolle gespielt. Ich nehme an, so geht es den meisten LeserInnen.
Jetzt ist alles anders. Nun hört sich Österreich nicht mehr wie Australien an und drängt sich auch nicht mehr an den Rand meines Wahrnehmungshorizontes. Österreich – das passt auch besser als Austria, denn es gaukelt einem nicht mehr das weltoffene Image einer blockresistenten Republik vor. Außerdem klingt es so richtig nach Liebesgrüssen aus der Lederhose, Tirolerhut und Stammtischnationalismus.
Und jetzt, mit dem Scheitern der Zweiparteienherrschaft von SPÖ und ÖVP nimmt auch der Rest der Welt den Zustand Österreichs wahr. Klar, es ist einfach zu offensichtlich: Die Fahrt „heim ins Reich" hat längst begonnen. Und dennoch wird der geistige Sturzflug der gesamten Republik auf den Haider Jörg und seine FPÖ reduziert. Das scheint bei Führungspersonen aus Österreich so üblich zu sein. Die 27% nationalistischen Rassisten (Haider-Wähler) werden ebenso von jeder Verantwortlichkeit freigesprochen wie die restlichen 73%. Sie, die 73er, sind kennzeichnend für die politische Praxis im Denunziantenstadl, die seit jeher von Opportunismus und Duckmäusertum geprägt ist. Vertuschen und Vergessen als gängiges Muster der Vergangenheitsbewältigung – hier wie dort. Eine nicht stattgefundene Geschichtsaufarbeitung verorten prompt auch die bundesdeutschen Medien als Begründung für die aktuelle Rechtsentwicklung. Ha, Eigentor!, denke ich mir dabei. Denn Bemerkungen der Kaffeehausgänger wie: „Die Deitschen lassen daheim Nazis durchs Brandenburger Tor marschieren und wollen uns Ratschläge geben", sind eigentlich nicht ganz unpassend. Von der simplen Seppel-Logik verblüfft und entwaffnet, realisiere ich, dass das Von-Sich-Weisen der Schuld nicht antideutscher Reflex, sondern durchaus ernst gemeint ist. In der Retrospektive sehen sich die Ösis demzufolge auch als „Opfer" Z Z des Nationalsozialismus und bringen es fertig, anstatt in den Spiegel der Geschichte zu schauen, ihre Vergangenheit spiegelverkehrt wahrzunehmen. „Opfer" statt Täter, „antifaschistischer Widerstand" statt freiwilliger Anschluss und jubelnde Begrüßung der Nazis. Geschichtsrevisionismus par excellence. Mein Prototyp lässt grüssen, denn die Reinheit des kollektiven Gewissens kann nur aus der allgemein verbreiteten Stumpfsinnigkeit resultieren – da bin ich mir fast sicher. Auf jeden Fall ändert das Anschwärzen des Haupttäters nichts am eigenen Tatbeitrag. Ungeachtet dessen zieht die Karawane an den bellenden Hunden vorbei.
Und so katapultiert die „Volksgemeinschaft", angetrieben von einer selbstgebastelten Initialzündung alpinen Rassismus und Nationalismus, Haider und seine FPÖ auf ihren vorläufigen Höhepunkt. Die Torpedierung der neuen Regierungskoalition durch das Ausland verfehlt ihre Wirkung keineswegs. Aber dummerweise entwickelt jedes Geschoss mehr und mehr eine Schubumkehr des Angriffs und erzeugt einen Solidaritätseffekt der gemässigten Kräfte mit dem Schüssel-Haider-Pakt. Wenn man den Medien Glauben schenken darf, steht die Bevölkerung mittlerweile wie ein Mann hinter der neuen „Ostmarkführung". Der Mostschädel gegen den Rest der Welt. Die Drohung der EU-Mitgliedsstaaten, die Beziehungen zur politischen Krisenregion einzustellen, ist vielmehr als erster Testfall europäischer Innenpolitik und Medienspektakel zu verstehen.
Das komplette „legitime demokratische" Spektrum schreit Zeter und Mordio über den neu entdeckten Feind. Merkwürdig, hatte ich doch immer gedacht, die nationalistische Programmatik und rassistische Rhetorik wäre überall usus – bei Rechtspopulisten, christlich Konservativen wie Sozialdemokraten, bei Fini, Chirac und Schröder. Jedenfalls kann ich beim besten Willen keinen gravierenden Unterschied zwischen Alpennazis und dem traditionellen Parteiengefüge ausmachen. Aber auf reale Unterschiedlichkeiten scheint es gar nicht anzukommen. Die Wahl zwischen Pest und Cholera, Pepsi oder Coca-Cola ist völlig bedeutungslos.
Eine reine Geschmacksfrage, die in Nuancen variiert, in der Quintessenz aber identisch ist. Die Gefrierdrohungen können der „neuen Mitte" demzufolge nur als Selbstzweck dienen. Die Ausgrenzung der Donaufaschisten legitimiert die liberale Hegemonie und erbringt den Beweis für ihre „demokratische" Position. Während die Sozialdemokratie längst ihren Frieden mit dem entfesselten Kapitalismus geschlossen hat, vermögen es die rechten Populisten mit vermeintlich antikapitalistischer Rhetorik Politik zu machen. Aber es ist nicht alles Gold, was glänzt. Und so verpufft die gesamte Populisten-Rhetorik schon beim geringsten Kontakt mit der Atmosphäre. Was übrig bleibt ist eine extremere Variante der Politik der „neuen Mitte" Nicht mehr und nicht weniger. Die „neue Mitte" fühlt sich bedroht. Rechts stehen die Haiders, Le Pens und Finis und auf der anderen Seite die radikalen Gegner von links, die es immernoch wagen antikapitalistische Alternativen zu formulieren. Es gilt nun, das politische Terrain zu beherrschen. Also werden die rechten Populisten zum gemeinsamen, dem wahren Feind erklärt und die Linke zum Zusammenstehen mit der „legitimen demokratischen neuen Mitte" aufgefordert. Rechts wie links wird ausgebremst. Punktsieg für die „neue Mitte", denn diese beherrscht weiterhin die Parteienlandschaft. Die nicht zu unterschätzenden Rechtspopulisten und die Versuche des kompletten „legitimen demokratischen" Spektrums, sich selbst zu verharmlosen. Pest und Cholera in unheiliger Allianz zur Wahrung des status quo. Na, vielen Dank. Mir wird mir klar, dass die Mostschädelfraktion nicht nur in Österreich ansässig ist, sondern genauso in den anderen Staaten der EU residiert. So wenig sich die Bevölkerungen unterscheiden, lässt sich ein Unterschied in der politischen Landschaft ausmachen.
Ergebnis: Kapitalismus als einzige Systemvariante. Der Ideal-Österreicher ist überall. Ich kann also praktisch einschlagen auf wen ich will, „Kollateralschäden" wird es kaum geben.

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