Briefbombenstimmung

Göttingen. Am 23. Dezember ’99 klapperte ein Herr Diedrich. Leiter des 4. Fachkommissariats der politischen Polizei, diverse Wohngemeinschaften ab und auf der Suche nach fünf AntifaschistInnen.
„Sensibilisieren" wollte er diese, „warnen" vor Päckchen in Größe einer Videokassette, die zwischen Weihnachten und Silvester kommen könnten. Die Polizei befürchte Briefbombenanschläge von Nazis auf sechs GöttingerInnen. Logisch, dass sich die Frage stellt, wie sie darauf kommt. Nachdem die Autonome Antifa [M] die Vorgänge öffentlich gemacht hatte, meldete sich Herr Duvenhorst, Sprecher der Staatsschutzabteilung des niedersächsischen Landeskriminalamtes (LKA), zu Wort und verkündete, dass seine Abteilung die Göttinger Polizei auf diese Gefahr aufmerksam gemacht hatte. Es handele sich aber nur um „vage Vermutungen", denen Überlegungen des LKA zugrunde liegen würden, dass die Nazi-Szene frustriert wäre von Aufmarschverbotenen und militanten antifaschistischen Aktionen gegen sie. Es gäbe keine konkreten Hinweise und die Autonome Antifa [M] würde die Warnungen „instrumentalisieren". Zwei Tage später evakuierte die Polizei ein Göttinger Postamt samt AnwohnerInnen, da eine Videokassette an den Anmelder der Demo gegen die faschistische Kameradschaft Northeim geschickt worden war.
Zu alldem führten also unkonkrete Gedankenspiele des LKAs? Wohl kaum. Spätestens bei der Evakuierung des Postamtes wurde offensichtlich, dass der Staatsschutz aus irgendwelchen Gründen eine reale Gefahr ausgemacht hatte. Außerdem wusste die Polizei genau welche Personen sie für gefährdet hielt, trotz zahlreicher linker Einrichtungen in Göttingen, die teilweise sogar schon Angriffspunkt faschistischen Terrors geworden waren. Weitere Indizien für konkretes Wissen bei der Polizei sind der eingegrenzte Zeitraum und die genauen Angaben über die Größe der vermeintlichen Briefbomben. Die Autonome Antifa [M] zog daraus den Schluss, dass die Polizei mehr weiß, als sie sagt, denn frustrierte Nazis gibt es in Göttingen schon lange.

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