Kapitalistische Propagandashow
Hannover. In weniger
als einem Monat wird die niedersächsische Landeshauptstadt Hannover, bekannt
als spröde Provinzkapitale und Austragungsort der Chaostage, ihre Pforten für
die Weltausstellung EXPO 2000 öffnen. Unter dem nichtssagenden Motto "Mensch,
Natur, Technik" bauen die Veranstalter das EXPO-Gelände zum Wallfahrtsort des
scheinbar unbesiegbaren Kapitalismus aus. Die letzten Vorbereitungen für die
größenwahnsinnige Propagandashow laufen auf Hochtouren, um von Juni bis Oktober
2000 konsumgeile Massen, die sich's leisen können, zum Fetisch Ware zu führen.
Über 190 Staaten und etliche Großkonzerne beteiligen sich diesmal an dem Megaspektakel,
das - auf der Höhe der Zeit - den Kapitalismus als Ende der Geschichte beschwören
soll. Soweit also nichts Neues. Bestand die Aufgabe von Weltausstellungen doch
schon seither darin, die kapitalistische Logik über die sich präsentierenden
Staaten als Heilsbringung für alle darzustellen. In Zeiten des aufstrebenden
Kapitalismus war diese message auch einfach zu vermitteln. Die Weltausstellungen
waren im Zeitalter keynesianistischer Regulierung und fordistischer Produktion
Prestigeobjekte des jeweils ausrichtenden Staates und galten als Ausdruck für
Wohlstand und Entwicklung. Doch die Botschaft weltweiter Entwicklung durch die
natürlichen Kräfte des Marktes haben sich als Irrglaube und bloßes Wunschdenken
erwiesen.
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Massenentertainment
und Massenausbeutung
In der globalisierten Welt des one-world-Kapitalismus muss deshalb angesichts
der weltweiten Absatz- und Verwertungskrise das Leitmotiv der Weltausstellung
voll und ganz in den Dienst der Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftssystems gestellt
werden. Wer die gewährleisten soll, daran wird kein Zweifel gelassen: "Die deutsche
Wirtschaft wird ihre Zukunftsfähigkeit und Lösungskompetenz aufzeigen." (O-Ton
EXPO-GmbH) Schon an den Schwerpunktthemen der EXPO 2000 lässt sich ablesen,
dass der Kampf um die Akzeptanz kapitalistischer Zukunftsszenarien eine zentrale
Rolle einnimmt. Hinter der funkelnden Plastikfassade des EXPO-Unterhaltungsparks
wird es dann um knallharte Verwertungs- und Ausbeutungsstrategien gehen. Im
sogenannten Themenpark, einer der Schwerpunkte der EXPO 2000, wird munter über
Gentechnologie und Bevölkerungspolitik philosophiert, denn "nur mit intelligenter
Technik sind die drängenden Umwelt-, Entwicklungs- und Bevölkerungsprobleme
zu lösen" (O-Ton EXPO- GmbH). Dabei kommen die Veranstalter den KritikerInnen
sogar entgegen, indem sie die Schattenseiten kapitalistischer Verwertung unverblümt
formulieren. Diese werden jedoch als Schönheitsfehler des freilich richtigen
Systems charakterisiert, so dass alle herzlich eingeladen sind, an Reformen
hin zu einem "menschlichen Kapitalismus" mitzuarbeiten. So mutiert die EXPO
2000 zum Forum des nachhaltigen Kapitalismus, in dem sich die Vertreter der
Wirtschaft, Regierungen und NGO's in trauter Einigkeit der Weltöffentlichkeit
präsentieren, ganz so, als gäbe es so etwas wie gerechten Tausch für alle oder
sozialverträgliches Eigentum. Weil sich alle irgendwie als ernstgenommene Teilnehmer
einer weltweiten Debatte über Globalisierung, Neoliberalismus, Freihandel, Korruption
und Demokratiedefizit fühlen, bleibt das wahre Gesicht des Schweinesystems verhüllt
und seine Folterinstrumente IWF, WTO und Weltbank unerwähnt. Kein Wunder, dass
der Widerstand gegen die Globalisierung mancher Orts zum dumpfen Heimatschutz
verkommt. Steht die Nützlichkeit kapitalistischer Wirtschaft für die eigene
Region doch schnell wieder im Vordergrund, wenn dem weltweit operierenden Kapital
doch endlich die Zähne gezogen wären.
Dieser Rhetorik wissen sich nämlich auch die Veranstalter zu bedienen. Sowohl
in Sevilla 1992 als auch jetzt in Hannover beehrt(e) die Weltausstellung vergleichsweise
strukturschwache Regionen EU-Europas, die ansonsten von Kapitalflucht und Standortnachteil
zu jammern wussten. Das Ziel dieser Städte war und ist es, den Nimbus der Strukturschwäche
abzuschütteln und sich als Projektionsfläche unbegrenzter Möglichkeiten anzudienen.
So lautete die zentrale Botschaft der Weltausstellung in Sevilla: "Alles ist
käuflich".
EXPO = EXessiver POlizeiterror
Doch angesichts des international agierenden Kapitalismus werden nationale Regierungen
und ihre Großstadt-Oberen mehr und mehr in eine Statistenrolle gedrängt, die
sich in erster Linie um den reibungslosen Ablauf der Weltausstellung verdient
zu machen hat. So ist die EXPO 2000 auch zur Spielwiese der Ordnungspolitik
geworden, auf der Sicherheit mithin zum Warenbestand gehört. So ist in Hannover
in den letzten Monaten ein Exempel in Sachen "Innere Sicherheit" statuiert worden,
das ohne weiteres an faschistische Gesellschaftsmodelle erinnert. Ein El Dorado
für Polizeistaatler, Gesinnungsschnüffler und private Sicherheitsunternehmen,
die das EXPO-Gelände und im Prinzip Hannover samt Umgebung zu einem "öffentlichen"
Hochsicherheitstrakt ausbauen. Schon jetzt wird eine sogenannte Sicherheitspartnerschaft,
bestehend aus Stadtverwaltung, Polizeidirektion, Staatsanwaltschaft und BGS,
praktiziert. Ihr Konzept ist die Aussonderung unliebsamer Personen aus dem öffentlichen
Raum unter tatkräftiger Mithilfe aufgehetzter BürgerInnen, die unverhohlen zum
Denunziantentum aufgefordert werden. So legitimiert sich der Sicherheitsstaat
gegenüber den Teilen der Gesellschaft, die er als deregulierter und privatisierter
"Sozialstaat" in der globalisierten Welt verunsichert hat. Damit fungiert der
Staat aber immer auch als Sicherheitsgarant für das Kapital, zumal sich in ökonomischen
Krisenzeiten immer mehr Menschen in ihrer Existenz bedroht sehen. Die EXPO 2000,
für einige ein Markt der unbegrenzten Möglichkeiten, doch für den Großteil der
Menschen eine zynische Show kapitalistischen Größenwahnes.
Wer die Weltausstellung eben nach ihrem ideologischen Gehalt kritisiert und
nicht der scheinbar offenen Glitzerwelt der Aussteller auf dem Leim geht, erkennt
hinter der Fassade die Selbstinszenierung kapitalistischer Macht, die in der
globalisierten Welt mehr denn je auf brutalen Ausbeutungs- und Ausgrenzungsmechanismen
beruht.
Der antikapitalistische Widerstand gegen die EXPO 2000 stellt deshalb auch die
Form des kapitalistischen Systems an sich in Frage und nicht seine jeweiligen
Auswirkungen. Linksradikale Politik muss also ihren Beitrag für die Überwindung
dieser gesellschaftlichen Verhältnisse leisten, was weniger eine Frage der richtigen
Analyse oder Theorie, sondern eine der praktischen Abschaffung ist.