Interview mit Perspektive unabhängige Kommunikation (puk)

Der Kongress 2000

Göttingen. Am 20./21. Mai 2000 veranstaltet die Gruppe "Perspektive unabhängige Kommunikation" (puk) im ZHG der Uni Göttingen einen Kongress unter dem Motto "Ende des globalen Kapitalismus. Das Neue Historische Projekt." Dieses Interview gibt einen kleinen Vorgeschmack auf die Themen und Ziele des Kongresses.

EinSatz!: puk ist bislang vor allen Dingen als Anbieter des Internet-Servers "Politik und Kultur" aufgetreten. Das Internet seht ihr als das in Zukunft maßgebliche Kommunikationsmittel für die internationale Linke. Mit der Ausrichtung einesKongresses setzt ihr nun doch auf ein direktes Zusammentreffen. Ist das für euch ein qualitativer Sprung?

puk: Nein, das ist für uns nie ein Gegensatz gewesen. Natürlich gehört zu einer Basisorganisierung, die wir mittelfristig anstreben, auch immer das persönliche Kennenlernen und gemeinsame Diskutieren. Das wird das Internet nicht ersetzen können. Was es leisten kann, ist den Kontakt zwischen persönlichen Treffen aufrecht zu erhalten und Diskussionsprozesse zu beschleunigen. Wo früher aufwendige Treffen notwendig waren, um Texte zu diskutieren, die vorher mit der Post verschickt wurden und ankamen oder nicht, ist es heute durch das Internet doch wesentlich einfacher geworden, insbesondere auf internationaler Ebene. Wir betrachten daher den Kongress auch als Auftakt einer Diskussion, die anschließend über das Internet fortgeführt und vertieft werden soll. Und da das Diskutieren nicht nur elitären Internet-Spezialisten vorbehalten bleiben soll, bemühen wir uns mit unserem Internet-Projekt www.puk.de darum, das Veröffentlichen von Meinungen und Informationen für jedeN ohne Programmierkenntnisse möglich zu machen. Dass generell mit der Nutzung des Internet auch Probleme verbunden sind (z.B. Ausschluss von bestimmten Bevölkerungsteilen - in der BRD genauso wie weltweit, wo viele Menschen nicht mal ein Dach über dem Kopf haben), ist uns sehr bewusst. Wir finden es aber völlig falsch, das Internet als wichtiges Medium zu ignorieren und nicht in dem Maße zu nutzen, wie es uns möglich ist.

EinSatz!: In euren Veröffentlichungen bezieht ihr euch hauptsächlich auf das spanischsprachige Buch "Fin del Capitalismo Global - El nuevo Proyecto Histórico". Die Autoren entwerfen euren Worten nach den Hintergrund für die Umsetzung einer konkreten Utopie. Welche Rolle spielt eure Arbeit in diesem Zusammenhang?

puk: Wir betrachten das Neue Historische Projekt (NHP) als wichtigen Beitrag, eine gesamtgesellschaftliche Diskussion über Alternativen zum System des globalen Kapitalismus zu beginnen. Dabei spielt es für uns keine Rolle, ob alle zum NHP vertretenen Thesen die "wahren" sind. Wir wollen keine fertigen Lösungen anbieten, vielmehr ist es für uns ein offener Prozess, der gemeinsam von all denen weiterentwickelt werden muss, die eine Veränderung der bestehenden Verhältnisse anstreben.
Im NHP geht es zum einen um die Entwicklung einer gerechten Wirtschaftsweise, die die Ausbeutung der Länder des Südens durch die reichen Industrienationen genauso aufzuheben vermag wie die dramatischen Besitz- und Einkommensunterschiede innerhalb der einzelnen Länder selbst. Dabei geht es nicht darum, alles gleichzumachen, denn Menschen haben nun mal unterschiedliche Bedürfnisse. Vielmehr steht die Schaffung von gleichen Möglichkeiten und Voraussetzungen für alle im Mittelpunkt, denn nur auf dieser Basis ist soziale Gerechtigkeit möglich. Zum anderen geht es um die Entwicklung einer neuen Moral und Ethik, die den Menschen und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt, und nicht den Profit. Zentral ist dabei natürlich auch die Frage der gesellschaftlichem Organisierung, z.B. in Form einer partizipativen, d.h. teilhabenden Demokratie, in der die Menschen unmittelbar selbst über die sie betreffenden Fragen entscheiden - im Arbeitsleben genauso wie in der Schule, im Stadtviertel usw. Menschen zu erreichen, die merken, dass das bestehende System nicht in der Lage ist, die grundlegenden Bedürfnisse aller Menschen zu decken, das ist unser Ziel. Und mit ihnen gemeinsam Alternativen zu entwickeln, ist Inhalt unserer Organisierung. Insofern verstehen wir uns auch als Teil des Neuen Historischen Projekts und als Multiplikatoren mit puk als Medium.

EinSatz!: Das "Neue Historische Projekt" entwirft seine Utopie maßgeblich an der Idee einer "gerechten" weltweiten Arbeitsverteilung. Parallel dazu zitiert ihr die Gruppe Krisis, die das "Ende der Arbeitsgesellschaft" für nahe hält. Ein Widerspruch?

puk: Sicherlich kein Widerspruch, denn die Gruppe Krisis sieht das Ende der Arbeitsgesellschaft in der zunehmenden Rationalisierung und Automatisierung der Produktionstechnologien, deren Geschwindigkeit mittlerweile das Maß an Innovationen und neuen Produkten, die Kaufkraft freisetzen, übersteigt. Für die industrialisierten Länder sehen wir das ganz ähnlich, aber für die unterentwickelt gehaltenen Länder kann davon keine Rede sein. Was dort allein an Aufbau überlebensnotwendiger Infrastruktur geleistet werden muss, z.B. ausreichende Strom- und Trinkwasserversorgung, ist doch enorm. Insofern ist der Ansatz der Krisis etwas eurozentristisch, auch wenn wir ihr in ihrer Ausrichtung - gegen den Fetisch der Lohnarbeit - Recht geben. Trotzdem gibt es einen großen Unterschied zwischen unseren Ansätzen: Die Gruppe Krisis verharrt auf dem Standpunkt der Kritik, ohne den Versuch zu unternehmen, eine positive Antwort zu formulieren, die Ausgangspunkt für eine Basisorganisierung werden könnte. Wir versuchen mit dem NHP dagegen, die Diskussion um Alternativen zum System des globalen Kapitalismus - und damit auch der bisherigen Lohnarbeit - in den Mittelpunkt zu stellen. Dabei geht es uns nicht um eine gerechte weltweite Arbeitsverteilung, sondern um eine international gerechte Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums. Denn das Ende der (Lohn-)Arbeitsgesellschaft wird erst möglich, wenn niemand mehr an der Arbeit eines anderen Menschen verdienen kann. Insofern schließen sich unsere Ansätze nicht aus, sondern können sich sogar ergänzen.

EinSatz!: Habt ihr schon Pläne für die Fortsetzung eurer politischen Arbeit nach dem Kongress?

puk: Wir wünschen uns, mit dem Kongress einen Auftakt zu einer spannenden Diskussion zu initiieren. Und da sind wir guter Dinge. Bereits jetzt hat es sehr interessante Kontakte mit unterschiedlichen Initiativen aus dem In- und Ausland gegeben. Wir sind gespannt, ob sich eine punktuelle Zusammenarbeit dann noch fortführen und vertiefen lässt, wenn möglich auf internationaler Ebene. Ansonsten wird für uns auch der Aufbau einer lokalen Gruppe in Göttingen auf dem Programm stehen, denn trotz Internet und weltweiter Vernetzung gehören auch wir zu denen, die etwas vor Ort bewegen möchten, nach dem Motto: Think global, act local. Praktische Anknüpfungspunkte gibt es genug, z.B. die internationalen Aktionstage gegen Neoliberalismus. Aber darüber wird noch zu reden sein, denn wir haben erst begonnen. Wer an puk und an einer neuen politischen Perspektive Interesse zeigt, ist natürlich herzlich eingeladen, uns kennenzulernen und mitzumachen.

EinSatz!: Danke für das Gespräch!

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