Nazi-Aufmarsch gekippt!
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Göttingen.
Am 15. April 2000 wollten die Faschisten aus NPD und "unabhängigen Kameradschaften"
zum dritten Mal innerhalb der letzten sechs Monate in Göttingen aufmarschieren.
Nach eigenen Angaben waren ihnen "zwei Messer im Rücken" nicht genug. Aber auch
dieser Versuch im von ihnen zur "Frontstadt" erklärten Göttingen einen Fuß auf
den Boden zu kriegen, scheiterte wie schon die letzten Male am Oberverwaltungsgericht
in Lüneburg. Dennoch gelang es diesmal rechten Kräften das Klima in Göttingen
mitzubestimmen. Der Nazimobilisierung vorausgegangen war, wie die letzten Male
auch, die Initiierung eines breiten Bündnisses unter der Federführung des DGB.
Auch linksradikale Kräfte, darunter die Autonome Antifa [M], wollten sich an
diesem Bündnis beteiligen. Als mehrere Vertreter des rechten AStA auf den Bündnistreffen
auftauchten und sich die VertreterInnen bürgerlicher Gruppierungen im lokalpatriotischen
Taumel nicht gegen diese positionierten, verließen die linksradikalen Gruppen
das Bündnis. Das Bündnis wurde zur Farce, sich fortschrittlich gebärdende Gruppierungen
zogen es von nun an vor, mit Rassisten gegen Rassisten zu demonstrieren und
verloren erneut ein Großteil ihrer Glaubwürdigkeit. Gegen die familienkompatiblen
Burschis und Reaktionäre aus RCDS, ADF und LHG, darunter ein Schreiberling der
Jungen Freiheit, wollte sich niemand grundsätzlich stellen. Konsequenz daraus
war die Aufkündigung der Zusammenarbeit linker Gruppen mit den Vertretern der
"Neuen Mitte" und deren Antifaschismus.
In Folge dessen lag der Schwerpunkt linksradikaler Politik in der Arbeit an
einem linksradikalen Vorbereitungstreffen als Gegengewicht zum bürgerlichen
Bündnis. Dieses Z Treffen, unter Beteiligung von Uni-, linksradikalen Gruppen
und der Autonome Antifa [M] mobilisierte schließlich zu verschiedenen Auftaktpunkten:
Studentische Gruppen mobilisierten zum Hauptbahnhof, auch Punkt des DGB, und
liefen somit Gefahr, für den DGB und deren rassistisches Anhängsel zu mobilisieren.
Einige Gruppen zogen es vor, den Schwerpunkt ihrer Mobilisierung weniger auf
einen gemeinsamen starken Ausdruck linksradikaler Politik zu legen, als vielmehr
auf ein dezentrales Behinderungskonzept des möglichen Nazi-Aufmarsches. Die
Autonome Antifa [M] mobilisierte zum Platz der Synagoge, mit dem Ziel, sich
den Nazis mit einer großen antifaschistischen Demonstration in den Weg zu stellen.
Im Vorfeld wurde versucht, das Konzept der Autonomen Antifa [M] mit absurden
Verbotsbemühungen zu verhindern. So gab es ein Schreiben der Stadt, das vorsah,
die Gegenaktivitäten zu verbieten. Die Autonome Antifa [M] mobilisierte jedoch
zu einer von der PDS angemeldeten Kundgebung und Demonstration, die von der
Stadt genehmigt war. Wieder wurde versucht, antifaschistischen Widerstand im
Vorfeld mit paradoxen Methoden zu illegitimieren und mit Faschisten gleichzusetzen.
Trotz aller Bemühungen der Stadt, trotz einer Polizeistaatsdemonstration, trotz
einer Medienberichterstattung, die nur den DGB in den Mittelpunkt des öffentlichen
Interesses rückte, sammelten sich 1200 AntifaschistInnen in Göttingen. Dies
lag vor allem an dem Konzept einer alternativen Demonstration des linksradikalen
Vorbereitungstreffens. Für den Fall, dass die Nazis nicht marschieren würden,
sollte unter dem Motto: "NAZIAUFMÄRSCHENEUEMITTENATIONALENKONSENS …KIPPEN!"
eine Demonstration aller linksradikalen Kräfte durchgeführt werden, um dem Dilemma,
bei Nazi-Aufmärschen auf Anti-Nazi-Politik beschränkt zu bleiben, mit eigenen
selbstgesetzten Inhalten und Themen entgegenzuwirken. So wurde das Augenmerk
verstärkt auf die reaktionäre Politik der "Neuen Mitte" gerichtet.
Der Polizei gefiel diese linke Präsenz in der Öffentlichkeit gar nicht und so
war sie bemüht, mit einem provokativen Spalier die Demonstration zu begleiten,
um revolutionäre mediengerecht zu kriminalisieren. Auf diese Versuche antwortete
die Demonstration jedoch offensiv. Mehrere Male wurde versucht das Polizeispalier
abzudrängen. Der Erfolg darf nicht über einige Mängel hinweg täuschen. Ketten
gab es im vorderen Teil der Demo leider selten, auch das eine Gruppe, die sonst
durch ihre totalitaristische Hetze gegen autonome AntifaschistInnen (Grüne Hochschulgruppe)
aufgefallen ist, mit einem Transparent den vorderen Teil der Demonstration stark
mitbestimmte, obwohl sie nie Teil der linksradikalen Koordinierung war, kann
man nur als Versäumnis bewerten. Insgesamt bleibt der 15. April 2000 dennoch
als Erfolg für die antifaschistische Linke stehen, die es geschafft hat, auch
beim dritten Anlauf der Nazis, wieder mit über 1000 AntifaschistInnen auf der
Straße präsent zu sein, während die Bemühungen des bürgerlichen Bündnisses von
weniger Erfolg gekrönt waren. An dieser Kundgebung wollten sich nur 500 Menschen
beteiligen. Die bürgerlichen Medien wollten dieses Kräfteverhältnis im Nachhinein
nicht wahrhaben, und glänzten mit einer undifferenzierten Berichterstattung:
Autonome AntifaschistInnen tauchten in den Medien nur am Rande auf.
Eins ist am 15. April 2000 trotz der Bemühungen bürgerlicher Medien deutlich
geworden: Den Nazis ist auch diesmal gezeigt worden, dass ihnen in Göttingen
Widerstand von revolutionären AntifaschistInnen entgegengebracht wird. Die Faschisten
müssen sich nun mit einem dritten Messer im Rücken abfinden und dürfen
sich, wenn sie wollen, das vierte abholen.