[M]eine kleine Welt
Kommentar von Vincent Arcangelo

Mittendrin statt nur dabei - Kreuzzug gegen die kalte Technologie
Drin? Drin! Ebenso wie mein Lieblingstennisspieler habe ich mir das Internet und dessen Möglichkeiten erschlossen. Internet, entdecke die Möglichkeiten! Nun gut, im Prinzip kann man damit nur Daten austauschen - nicht mehr und nicht weniger. Aber das ist schon eine ganze Menge. Eine ganze Menge, weil es nahezu unkontrollierbar möglich ist.
Und genau das finde ich gut. Die staatlichen Behörden sehen das natürlich nicht so, denn für sie bedeutet Verlust der Kontrolle, Verlust der Macht. Aus diesem Grunde ermittelten FBI und Co. auch den mutmaßlichen Verfasser des "I Love You"-Virus. Fündig wurden die Behörde auf den Philippinen, wo der 23jährige Onel de Guzman als Täter ermittelt wurde. Er zettelte beträchtlichen volkswirtschaftlichen Schaden in der westlichen Hemissphäre an. Kollateralschäden waren es nicht. Auch wenn Guzman behauptet, den Virus nicht absichtlich ins Netz geschickt zu haben, so trägt der angerichtete Schaden doch zur Instabilität des kapitalistischen Systems bei. Jedenfalls erheblich mehr, als militante Kommandoaktionen auf Banken oder so.
Auch ich will meinen Teil zum volkswirtschaftlichen Schaden beitragen. Deshalb, und weil ich ganz gern Musik höre, ziehe ich mir MP3s ohne Ende. MP3, digitalisierte Musik aus dem Netz - zum Nulltarif! Jawoll, das gefällt mir. Neue CD, Geld gespart und Schaden bei der Musikindustrie. Diese findet das aber nicht so toll. Sie sieht ihre Existenz bedroht und wehrt sich mit Händen und Füßen gegen die unentgeltliche Aneignung ihrer Produkte.
"Die kalte Technologie versucht, unsere emotionalen Produkte zum Nulltarif für ihre Zwecke auszubeuten", behauptete Wolf-Dieter Gramatke, leitender Manager des Musikkonzerns Universal, während der Generalversammlung der International Federation of the Phonographic Industry in Berlin. Junge, Junge, ich kann's mir direkt vorstellen, wie Frau Virgin zusammen mit Herrn Sony und den zwei Warner Brothers das Bedürfnis Z Z haben, ihre innersten Gefühlsregungen den Menschen da draußen mitzuteilen. Herr Gramatke, ich bitte sie! Das kann ja wohl nicht ihr Ernst sein. Ist es nicht vielmehr so, dass es ein emotionales Produkt nicht geben kann, dass das eine das andere ausschliesst? Ausbeuten? Da hört sich doch alles auf, da wird doch der Bock zum Gärtner gemacht. Also wirklich. Aber eines stimmt: Zum Nulltarif. Genau das ist mein Ziel. Ich sehe es überhaupt nicht ein, warum ich Puff Daddy und Mister Virgin Schampus und Kaviar finanzieren soll. Im Gegenteil, was klauen will ich ihnen und meinen Teil zum Sturz des Systems beitragen. Wegen illegal ausgetauschten MP3-Files über die Adresse www.napster.com sind nun die ersten Musiker hellhörig geworden. In diesem Zusammenhang haben es die Bombastrocker von Metallica schon zur meistgehassten Band im Internet gebracht. Um ihre emotionalen Produkte nicht ausbeuten zu lassen und natürlich auch noch ziemlich viel Kohle einzustreichen, haben sie Napster Inc. und drei US-Universitäten, die Napster Inc. nicht abgedreht hatten, verklagt. Im Ergebnis musste Napster Inc. 300.000 Personen, die sich Metallica-MP3s heruntergeladen hatten, sperren. Money, nothing else matters. Ob das Einsetzen rechtlicher und ökonomischer Druckmittel gegen die eigenen Fans ein solches Vorgehen mehr Geld in die ohnehin schon vollen Kassen bringt, ist zu bezweifeln. Ehemalige Fans sollen schon damit begonnen haben, Metallica-CDs zu verbrennen und sich die Haare abzuschneiden.
Ganz anders verhalten sich Public Enemy, Cypress Hill oder Limp Bizkit, die auf ihrer Webpage zum Pro-Napster-Remix-Wettbewerb aufrufen oder ihre Tour (mit vielen Gratis-Konzerten) extra von Napster Inc. sponsern lassen. Nach ihren eigenen Aussagen befürworten sie den illegalen Songaustausch, weil es ihnen um das emanzipatorische Potential, das in MP3 steckt, geht. Ob dem wirklich so ist oder PE and Friends nur versuchen, die andere Seite der Medaille zu ergattern, ist fast egal. Hauptsache, das mit dem herunterladen klappt noch ein wenig.
Nicht vergessen: www.napster.com

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