Manchmal kommen sie wieder
Inzwischen hat wohl keine
Linke in Göttingen noch etwas anderes erwartet: Zum vierten Mal seit November
letzten Jahres hat die faschistische NPD einen Aufmarsch in Göttingen angekündigt.
Im Gegensatz zu den letzten drei Anmeldungen, die alle von der NPD Göttingen
ausgingen, hat diesmal der Landesverband das Heft in der Hand und mobilisiert
für den 15. Juli 2000 bereits seit einigen Wochen nach Göttingen. Die Stadt
hat frühzeitig ihr Verbot ausgesprochen, so daß der NPD die Zeit gegeben
wird, ihren Aufmarsch durchzuklagen.
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| Auch beim vierten Versuch der Faschisten gut vorbereitet: Autonome AntifaschistInnen |
Kundgebung
in Göttingen als oberstes Ziel der NPD
Ein Vorgehen, dass der Taktik der NPD entgegenkommt. FÜr deren Landesverband
ist es offensichtlich oberste Priorität, mindestens eine Kundgebung in
Göttingen abzuhalten. So distanzierte er sich zuerst einmal von seiner Göttinger
Ortsgruppeund deren vorbestraften Mitgliedern, und auch in der Mobilisierung
für den Aufmarsch bemüht sich der Landesverband, seinem faschistischen
Gesicht ein "seriöses" rechts-konservativens Make-up zu geben. Was den
möglichen Ablauf eines Naziaufmarsches angeht, gibt die NPD sich ebenfalls demokratisch
bescheiden: Als Treffpunkt hat sie die Eiswiese angegeben, die angemeldete Route
verläuft weitab der Innenstadt. Möglichen Auflagen gegenüber hat sie
bereits Kooperationsbereitschaft angekündigt. An der offen signalisierten
Verhandlungsbereitschaft der Faschisten wird deutlich, dass ihre Taktik diesmal
voll auf das Erreichen des Minimalzieles gerichtet ist: in der "linken Hochburg
Göttingen" endlich einen Fuß auf den Boden zu kriegen. Ein Erfolg der Faschisten
auf der juristischen Ebene ist also diesmal abzusehen; zumal es auch der Stadt
Göttingen durchaus zupass kommen würde, eine Nazikundgebung weitab vom
Geschehen stattfinden zu lassen und danach das Thema vorerst vom Tisch zu haben.
Schließlich entsprechen die regelmäßigen Demonstrationen autonomer AntifaschistInnen
gegen die Nazi-Anmeldungen nicht gerade dem Bild einer Expo-Nachbarstadt.
DGB besinnt sich?
Für die linksradikalen Gruppen hat sich in Bezug auf die Vorbereitung der
diesmaligen Gegenaktionen allerdings auch eine erfreuliche Wende ergeben: Beim
letzten Mal hatten sie sich vom DGB-Bündnis verabschiedet, nachdem dieses
mit dem RCDS-dominierten AStA der Uni Göttingen zusammenarbeitete. Inzwischen
hat der DGB sich allerdings eines Besseren besonnen und keine rechten Gruppen
zu den Bündnistreffen eingeladen. Grund für diesen Sinneswandel ist
mit Sicherheit nicht nur, daß der rechte AStA sich kürzlich in seinen
Publikationen dadurch hervorgetan hat, dass er die Vereinigung der Verfolgten
des Naziregimes (VVN) mit der NPD verglichen hat. Den bürgerlichen Gruppierungen
dürfte auch klar geworden sein, das ihr Mobilisierungspotential bei der
vierten Anti-Nazi-Demonstration inzwischen so weit gesunken ist, dass sie auf
eine Zusammenarbeit mit den linksradikalen Gruppen angewiesen sind. Dieser Überlegung
ist wohl auch die Bereitschaft des Bündnisses geschuldet, sich mit einer
gemeinsamen Demonstration in Richtung Eiswiese zu bewegen, sollten die Faschisten
dort ihren Aufmarsch durchführen. Fast ließe sich sagen, dass zum ersten
mal seit dem 6. November '99 Einmütigkeit im antifaschistischen Lager im
Widerstand gegen die Naziaufmärsche herrscht.
Klimakatastrophe verhindern!
Die Möglichkeit eines Bündnisses mit bürgerlichen Gruppen ist für
die linksradikalen Gruppen von Bedeutung, auch wenn zu erwarten ist, dass der
DGB am 15. Juli 2000 alles andere wird als "Masse stellen". Auf lange Sicht
ist es wichtig, daß revolutionäre AntifaschistInnen ihre Positionen in
einem Bündnis mit bürgerlichen Gruppen vermitteln - solange gleichzeitig
eine klare Abgrenzung nach rechts besteht. Die war bei den Vorbereitungen für
den 15. April nicht gegeben.
Wie schwimmend die Grenzen zwischen den Neurechten von RCDS und co. zu den NPD-Faschisten
sind, zeigt sich nicht nur in der teilweisen Personalunion des RCDS mit der
Nazi-Zeitung "Junge Freiheit", sondern auch in dem seriösen Gesicht, daß
die NPD an den Tag legen kann, wenn sie nur will. Dieses weite neurechte Feld
im Blick behaltend wird deutlich, daß der Kampf gegen Faschisten in Göttingen
nicht nur in der Dualität Aufmarsch verhindert/nicht verhindert gesehen
werden kann.
Der Anti-Nazi-Kampf ist ein Kampf um ein linkes politisches Klima, der auch
in der "linken Hochburg Göttingen" bitter nötig ist. Teil eines linken Klimas
ist die Selbstverständlichkeit, dass bürgerliche Gruppen in Sachen
Antifaschismus mit revolutionären Linken zusammenarbeiten und gleichzeitig
eine klare Grenze nach rechts ziehen. Diese Grenze muss Gruppen wie den RCDS,
die den NPD-Faschisten auch in Göttingen mit rassistischen Kampagnen den Boden
bereiten, ausschließen.
Wie haltbar das Bündnis wirklich ist, wird sich am 15. Juli mit einiger
Sicherheit zeigen, denn schließlich ist mit einiger Sicherheit davon auszugehen,
dass es diesmal eine faschistische Veranstaltung in Göttingen geben wird. Eigentlicher
Konfrontationspunkt wird in diesem Fall der Polizeistaatsaufmarsch zum Schutz
einer solchen rechtsstaatlich genehmigten Naziversammlung sein. Die Polizei
wird dabei wieder einmal die Rede von ihrer undankbaren Aufgabe, die "Extremisten"
zu trennen bemühen. In der Praxis bedeutet das bekanntlich, dass jeder
Versuch, mehr als nur symbolisch antifaschistisch zu agieren eine Konfrontation
mit dem Polizeistaat mit sich bringt. Ob die bürgerlichen Gruppen in diesem
zu erwartenden Fall ein solidarisches Verhältnis wahren, bleibt abzuwarten.
turn left. smash right.