Was Göttingens Linke Danielowski zu sagen hat
Der Kapitalismus sei, folgt
man einem ebenso gängigen wie dummen bürgerlichen Vorurteil, die Gesellschaftsordnung,
die durch ihren Konkurrenzmechanismus das "menschliche Potential" am Besten
entfalten und verwalten könne. Es scheint sich umso stärker in den Köpfen der
Menschen festzusetzen, je schneller die heile Welt von fordistischer Massenproduktion
und "sozialer" Marktwirtschaft den neoliberalen Bach runtergeht. Dass es sich
bei dem Glauben an die fortschrittlichen Kräfte des Profitemachens indes seit
jeher um pure liberale Ideologie gehandelt hat, tritt heute immer deutlicher
und härter zutage.
Ein hervorragendes Beispiel bietet das aktuelle Drama um die städtische Kulturförderung
in Göttingen. Es zeigt eindrucksvoll, dass der Kapitalismus vielmehr in der
Lage ist, Potential - in diesem Fall kulturelles - komplett lahmzulegen, wenn
es ihm an seiner conditio sine qua non, dem Geld, fehlt. Die Zeit der Blut,
Schweiß und Tränen-Reden, nach denen "wir" über "unsere" Verhältnisse gelebt
hätten und nun die Zeche in Form von radikalen Kürzungen zahlen müssten, ist
vorbei: jetzt wird gehandelt. Der Stadt Göttingen geht die Kohle aus, der Haushalt
wird von der Bezirksregierung abgelehnt und sofort zieht die Verwaltung unter
ihrem neuen Chef Danielowski ihre bereits vorbereiteten Kürzungspläne aus der
Tasche. Neben tiefen Einschnitten in verschiedensten Bereichen geht es auch
den sogenannten "freiwilligen kulturellen Leistungen" an den Kragen. Junges
Theater (JT) und das Programmkino Lumiere sollen kein Geld mehr erhalten. Für
sie wie für die davon abhängigen Projekte Kommunikations- und Aktionszentrum
(KAZ), Cafè-Kollektiv Kabale und Theaterkeller würden die Pläne der Stadt das
Aus bedeuten. Bei der gleichen Gelegenheit soll nebenbei auch noch dem Jugendzentrum
Innenstadt (JuzI) als unbequemem autonomen Kultur- und Politikprojekt der Hahn
zu gedreht werden.
Göttingens Alternativkultur wäre damit - von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen
- am Ende.
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| Schon 1989 im Blickpunkt der Kürzungspläne der CDU: Das Jugendzentrum Innenstadt |
Mit Standortargumenten
gegen alternative Kultur…
Weil im Kapitalismus nur das stattfinden darf, was nach Marktvorgaben verwertbar
und profitabel erscheint, existiert Kultur außerhalb von Warenförmigkeit - also
als Kulturindustrie - entweder gar nicht oder nur mit Hilfe staatlicher Förderung.
Der Staat wiederum behandelt sie als ideeller Gesamtkapitalist genau wie Straßenbau
und Infrastrukturmaßnahmen: als Standortfaktor. Und weil die Stadt ein JT als
geringeren Standortfaktor einschätzt als z.B. Steuervergünstigungen für neue
Biotech-Unternehmen, muss nun ersteres dran glauben. Mit Händelfestspielen und
Deutschem Theater ist dem erwünschten Image der Wissenschafts- und Kulturstadt
genüge getan. Der Rest war schön, ist nun aber leider zu teuer. Wenn ein gewisser
Danielowski solche Dinge behauptet, ist das keine faule Ausrede, sondern kapitalistische
Realität. Für einen bürgerlichen Funktionär wie den neuen OB ist Kultur jenseits
des Marktes tatsächlich nichts als überflüssiger Schnickschnack, der eben weg
muss, wenn die Kohle ausgeht: "Alle müssen den Gürtel enger schnallen."
…für eine Stadt nach bürgerlichem Idealbild
Ein wenig anders liegt die Sache beim JuzI. Aus der Taufe gehoben wurde es nicht
als Kulturprojekt, mit dem der Standort Göttingen am Markt für sich werben will,
sondern als Maßnahme zur präventiven Aufstandsbekämpfung. Der linken Szene ein
Haus zu geben hieß Anfang der 80er Jahre, sie zu befrieden, ihre AnhängerInnen
von der Straße runter zu kriegen. Nicht etwa weil in der aktuellen Situation
ein großes Drohpotential vom JuzI ausginge, wie die Junge Union behauptet, sondern
weil die Stadt glaubt, dieses Potential sei mittlerweile nicht mehr da, traut
sie sich, dem ungeliebten, aber früher als notwendig betrachteten JuzI den Garaus
zu machen. Die Verwaltung schätzt die Situation günstig ein, im Rahmen des allgemeinen
Kürzungschaos eine Institution zu schließen, die dem bürgerlichen und liberalen
Göttingen der 80er und 90er Jahre immer als Aushängeschild einer toleranten
Politik gedient hat, für die aber in Danielowskis Bild einer sauberen, sicheren
Stadt nach kapitalistischen Vorgaben keinen Platz mehr ist.
Mit Widerstand auf allen Ebenen…
Hier wie auch bei JT, KAZ und Lumiere stellt sich die Frage, ob die Strategen
der Stadtverwaltung recht behalten. Widerstand auf der Ebene des konstruktiven
Dialogs haben sie mit eingeplant. Wenn das Lumiere Unterschriften für seinen
Erhalt sammelt und dabei anführt, das Kino sei wichtig für den Standort Göttingen
und hielte die Studierendenzahlen hoch, bleibt er auf der beherrschbaren Ebene.
Es werden dann beide Argumente - Standortfaktor vs. Stadtkasse - gegeneinander
diskutiert und am Ende entscheidet sich der Rat mit Hilfe der Bezirksregierung
für die Kasse. Maximal werden so schließlich JT und Lumiere von Danielowski
gegen das JuzI ins Feld geführt. Sozialdemokraten und Grüne werden sich dann
-"schweren Herzens" und mit "Bauchschmerzen" versteht sich - gegen das JuzI
entscheiden.
… und mit allen Mitteln gegen Danielowski
Eine Chance für Jugendzentrum und Kulturinitiativen gibt es nur, wenn der Widerstand
gegen die Entscheidungen der Verwaltung die Ebene des demokratischen Diskurses
verlässt. Mit Standortargumenten ist besseren Standortargumenten nicht beizukommen;
mit dem Druck einer entschlossenen und organisierten Linken dagegen schon. Wenn
der Kampf gegen antiemanzipatorische Politik gegen das JuzI und kapitalistische
Notstandsverwaltung gegen JT und Lumiere auf allen Ebenen und mit allen Mitteln
geführt wird, muss sich Danielowski sehr genau überlegen, was ihm am Ende teurer
zu stehen kommt.
Der Anfang einer solchen Initiative ist mit den Demos und Aktionen der letzten
Wochen bereits gemacht. Der Widerstand darf aber nicht bei dem bisher erreichten
stehen bleiben, sondern muss Kontinuität annehmen. Die Situation der Stadtkasse
jedenfalls kann der radikalen Linken scheißegal sein. Es kann ihr zur Zeit nur
darum gehen, sich gegen die kapitalistische Realität in der BRD so viele Freiräume
wie möglich zu sichern.