Tolerante Verwertung
Wenn KriegstreiberInnen
von "Menschenrechten" säuseln, oder "demokratischer Antifaschismus"
als "Kampf gegen Extremismus von links und rechts" definiert wird, ist
Skepsis angebracht. Ebenso verhält es sich mit der "antirassistischen"
Politik, die sich die rot-grüne Regierung auf die Fahnen geschrieben hat.
Die jüngsten Beispiele, Johannes Raus Berliner Rede, die "GreenCard"-Debatte
und der Vorstoß Otto Schilys, das Arbeitsverbot für AsylbewerberInnen aufzuheben,
einerseits, und andererseits das am Horizont drohende Einwanderungsgesetz inclusive
endgültiger Abschaffung des Asylrechts lassen erkennen, was Toleranz als Staatsprogramm
ausmacht.
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| Humankapital in der Unterhaltungsbranche: Multikultureller Rassismus à la Schröder |
An den "Arbeitern
und Angestellten aus anderen Ländern" mag Bundesprediger Rau insbesondere
dieses: "Sie haben wesentlich zur Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft
beigetragen." Und: "Die ganz überwiegende Mehrheit der ausländischen
Bevölkerung kommt ihren Pflichten nach und trägt dazu bei, dass wir Wohlstand
erwirtschaften und sozialeSicherheit finanzieren können." Klarer kann man
den kapitalistischen Gleichheitsbegriff kaum auf den Punkt bringen. Maßstab
dieser Gleichheit ist der Profit, der sich aus dem Humankapital, gleich welcher
Herkunft, herausholen lässt. Unterschiede existieren in dieser Weltsicht ansonsten
nur auf kultureller Ebene.
Deutsche Waffen in weltweitem Einsatz, Verarmung durch IWF- und Weltbankdekrete
oder die BRD-Unterstützung für beispielsweise die türkische Regierung werden
diskret ausgeblendet. So kann Rau guten Gewissens ArbeitsmigrantInnen, deutsche
"Vertriebene", ein kleines Kontingent politischer Flüchtlinge (möglichst aber
bitte aus sogenannten "Schurkenstaaten" wie dem Sudan) und Kriegsflüchtlinge
aus dem Kosovo gleichermaßen willkommen heißen, ohne über mehrfache deutsche
Kriegsschuld oder die Quellen des Reichtums des Standorts D nachdenken zu müssen.
Hauptsache, die Menschen sind bereit, diesen Reichtum auch hierzulande zu mehren
und mit Musik und Kochrezepten ihr wohldosiertes kulturelles Scherflein zum
Themenpark für Besserverdienende beizutragen.
Der Name der praktischen Umsetzung dieser toleranten Logik lautet "Einwanderungsgesetz".
Die derzeitigen VertreterInnen der Regierung, in der Kunst des "linksliberal
blinken, marktliberal abbiegen" bestens bewandert, versuchen in bewährter Manier,
der zu erwartenden Kritik von links vorbeugend den Wind aus den Segeln zu nehmen.
In diese Kategorie gehört Otto Schilys Ankündigung, das Arbeitsverbot für AsylbewerberInnen
aufzuheben. (Dass er dies nicht gar so ernst meint und eigentlich nur plant,
die Verbotsfrist zu kürzen, erfährt man nur zwischen den Zeilen.) Die Aufhebung
des Arbeitsverbots ist eine alte Forderung von antirassistischen Gruppen und
Organisationen, und sie ist zunächst auch begrüßenswert. Nach herrschender Gesetzeslage
sind AsylbewerberInnen abhängig von 80% dessen, was deutschen SozialhilfeempfängerInnen
zusteht, und das häufig in Form von Einkaufsgutscheinen oder ungenießbaren Lebensmittelpaketen.
Eine Arbeitserlaubnis würde ihnen die Teilhabe zumindest an einem - eng begrenzten
- Teil der kapitalistischen Freiheiten ermöglichen.
Betrachtet man das Ganze jedoch von der anderen Seite und im Rahmen des Trends
zur marktgesteuerten Zuwanderung, wird aus der Erlaubnis zur Arbeit schnell
ein Zwang. Dieser besteht faktisch heute schon: Auf der Armut und rechtlosen
Lage von AsylbewerberInnen und klandestinen EinwanderInnen gründet sich ein
blühender Niedriglohnsektor. Diesen zu legalisieren, wird allein der deutschen
Wirtschaft nutzen. Rassismus, Sondergesetze und stets drohende Abschiebung werden
schon dafür sorgen, dass sich an der Lage der Lohnabhängigen auf diesem speziellen
Sektor des heutigen Schwarzarbeitsmarkts nichts verbessern wird. Zumal sich
die Frage stellt, welcher Prozentsatz der "volksdeutschen" Sozialhilfe (oder
überhaupt ein Aufenthaltsrecht) in Zukunft jenen zusteht, die nicht bereit oder
in der Lage sind, für einen Euro pro Stunde zur Leistungsfähigkeit der deutschen
Wirtschaft beizutragen - an Arbeitslosen mit deutschem Paß werden entsprechende
Zwangsmaßnahmen ja bereits erprobt. "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht
essen", sagt die Bibel, ein Standardwerk des Humanismus.
Von dieser toleranten Öffnung für den weltweiten Humankapitalimport ist es nur
noch ein kleiner Schritt zur "gesteuerten Zuwanderung", dieser Tage Thema im
"Spiegel". Dort wird Klartext geredet: "Gefragt als Einwanderer wären vor allem
die Eliten. Eine Politik, die den Export von Spitzenkräften und den Import von
Sozialfällen fördert ist nicht zukunftsfähig", kritisiert der Migrationsexperte
Klaus Bade.
Hier wird also eine Trennung in "nützliche" und "unnütze" Ausländerinnen und
Ausländer gezogen, die den herrschenden Rassismus nicht abbaut, sondern im Gegenteil
braucht, fördert und reproduziert. "Migrationsexperte" Schily kann auf den rassistischen
demokratischen Diskurs vertrauen. Er muss nicht fürchten, dass sich Beschäftigte
mit und ohne deutschen Pass - in mehr oder minder prekären Arbeitsverhältnissen
- gemeinsam gegen Lohndumping wehren oder indische Computerexperten sich mit
ihren sächsischen Nachbarn gegen faschistischen Alltagsterror oder gar Rentenkürzungen
zusammenschließen.
Nachtrag aus der bundesdeutschen Normalität: Am 14. Juni 2000 starb in Dessau
erneut ein Mann aus Mozambique an den Folgen eines Angriffs von Faschisten.
Hören wir noch einmal Bundespräsident Rau und seine Definition von Toleranz:
Er hat "Verständnis" für "berechtigte Sorgen und Ängste" "alteingesessenener
Deutscher". "Wir dürfen niemanden mit seinen Vorurteilen und Ressentiments allein
lassen". Soviel Toleranz muss sein..