Rosen auf den Weg gestreut war gestern

Antifa-Offensive 2000?

Berliner Republik. "Bewaffnung der Antifa-Szene und Entnazifizierung der deutschen Polizei" - kein schlechter Vorschlag. Kommt zwar von einem Göttinger, jedoch nicht von uns, sondern dem neuen Feuilleton-Liebling Stuckrad-Barre im Stern-Interview. Was ist bloß los, wenn Revolutionäre wie du und ich plötzlich auf der Radikal-Spur überholt werden.
Seit dem Bombenanschlag von Düsseldorf im Juli 2000 wird quer durchs Land gegen die Nazis geholzt. "Kein Pardon, null Toleranz, mit allen Mitteln, zerschlagen, stoppen, sozial isolieren" - die Üerschriften der Zeitungen erinnern an Fronttranspis der letzten Jahre.

Schon einmal, Anfang der 90er als allenthalben ein Brandgeruch über dem Land lag, wurde den Nazis mit dem Ausschluss aus der Volksgemeinschaft gedroht. Doch diese Debatte ist anders, denn nicht nur Falsche sagen das Richtige, auch Richtige sagen das Richtige in ungewohnter Umgebung. Diesmal wird die Debatte nicht von Rechts bestimmt und der ein oder andere Artikel könnte getrost als Antifa-Flugi herausgegeben werden, so manches Recherche-Foto kommt inzwischen auf Titelseiten groß raus.

Sicher, die gleichen Rechtsausleger wie sonst bringen ihre Standartlösungen von mehr Repression, besserer Bildung, Stärkung der Familie und traditioneller Wertevermittlung. Schönbohn will mit Nazis Fußballspielen und Beckstein ganz schlau Nazi-Sein schlicht verbieten. Verfangen tun sie sich damit jedoch überraschend wenig, denn die Perspektive hat sich gedreht: Waren 1992 noch die Flüchtlinge Schuld an dem gewalttätigen Rassismus der Nazis, wird den Nazis nun selbst Verantwortung für ihr Handeln zugeschrieben. Und eine Debatte, welche sich in großen Teilen um die Opferperspektive bemüht und nicht die Täter verhätschelt, könnte auch einen progressiven Kern in sich tragen. Akzeptierende Jugendarbeit mit rechten Recken ist zunehmend Schnee von gestern - und das ist gut so. Nicht zuletzt ist dies autonomer Dokumentationsarbeit geschuldet, welche landauf, landab die strukturfördernde Wirkung für die rechte Szene in den Kleinstädten belegte. Nun ist es an der Zeit antifaschistische Jugendarbeit einzufordern.

Autonome Antifa - Irgendwie anders

Wer die Analyse auf einen drohenden Ausbau des Polizeistaates verkürzt, verfällt zu sehr seiner eigenen Propaganda. Altgediente Verschwörungstheorien und Marionettenargumentationen haben es der Linken schon viel zu oft viel zu leicht gemacht, sich als die einzigen mit Durchblick in einer gleichgeschalteten Welt darzustellen. Eine Argumentation, die allein nachzuweisen versucht, dass hier ausschließlich nur das Ansehen im Ausland und der Wirtschaftsstandort geschützt werden sollen, ist zwar nicht ganz falsch - aber auch keine große Entdeckung, denn die Industrie weiß solche Interessen längst ganz offen zu vertreten. Auch in diesem Punkt ist die Diskussion um einiges ehrlicher als ihr Vorläufer. Das Kapital steht heutzutage vor allem hinter sich selber und auf globalen Märkten ist für Nazis nicht viel Platz. Die Stiefelfaschisten von heute haben keine Lobby mehr. Galt es vor Jahren noch als Patentrezept, Nazis Arbeit zu verschaffen, um sie von ihrem Nazi-Verhalten abzuhalten, wollen sie heute alle rausschmeißen. Statt mit "Extremismus" oder "Gewalt" wurde ausnahmsweise mit "Rassismus" das richtige Faß aufgemacht.

Alberto Adriano, in Dessau totgetreten, wurde, wie das OLG Naumburg in der Urteilsbegründung betonte, "in einem Land mit rassistischem Klima ermordet". Noch vor zehn Jahren war es unmöglich, in Deutschland einen Flüchtling zu ermorden, weil es die Gerichte für ausgeschlossen hielten, dass in Deutschland Menschen aus rassistischen Gründen ermordet werden könnten - und verurteilten wegen Körperverletzung mit Todesfolge, falls überhaupt. Wenn sogar die Justiz als konservativste Struktur im Land, die Gesellschaft als rassistisch brandmarkt, ist diese Erkenntnis einigermaßen erstaunlich. Wer aber über Rassismus reden will, dürfte letztlich nicht umhin kommen, sich auch über Antisemitismus, Fluchtursachen und völkische Identifikationsmuster an Sich zu unterhalten , was in liberaleren Tageszeitungen bereits aufgenommen wurde. Die Plump-Löser von Rechts haben auf diesen Feldern schlechte Karten - und sie fangen an es zu merken. Hessens Koch versuchte bereits vergeblich die Begrifflichkeit "Rassisten" durch "kriminelle Gewalttäter" zu ersetzen und die CDU-Vorsitzende aus McPomm fürchtet eine Stigmatisierung des Begriffs "Rechts" durch die breite Debatte.

Statt in verletzter Eitelkeit die laufende Diskussion als "Sommertheater" und hinterhältigen Trick der Bundesregierung abzutun, sich als Antifaschisten zu gebärden, sollte die autonome Antifa das Kllima nutzen und die Beteiligten an ihren Argumenten und deren Konsequenz messen. Arrogantes Gutmenscheln im Szene-Ghetto hat außer Selbstbestätigung nur eines: Keinerlei Auswirkung.

Konfrontative Politik erfordert hier nicht die Debatte als verlogen abzutun, sondern sie zu forcieren. Erfasst die Analyse inzwischen durchaus den rassistischen Konsens in breiten Schichten der Bevölkerung, bleibt bürgerlicher Antifaschismus in der Konsequenz letztlich hilflos; er kann kaum zu den Wurzeln des Übels vordringen, ohne die Systemfrage zu stellen. Trotz allem Vorpreschen bleibt es für die Mitglieder der Regierung schwer mit Antirassismus zu punkten, und gleichzeitig ihre rassistischen Wählerschichten mit restriktiver Flüchtlingspolitik zu bedienen. Abschiebung, Abschiebehhaft und Illegalisierung sind eine ständige Bestätigung der Teilnehmer am deutschen Staatsvolk als höherwertige Menschen. So wird die mörderische Praxis dann auch verstanden und die deutsche Identität bleibt konsensual an Blut und Boden geknüpft. Dieser Staat bringt somit Rassismus selbst hervor. Bei einem Herumdoktorn an seinen kurzhaarigen Symtomen wird sich daher kein dauerhafter Erfolg einstellen. Nur der Kampf gegen die Wurzeln aus denen die braune Brut erwächst, bietet eine tatsächliche Perspektive auf Befreiung, nicht nur von den Nazis.

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