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Teil der EinSatz!-Serie zum NATO-Krieg - Zur Rolle der Linken
Slobo, der Barbar?
Nachdem wir in
den letzten Einsatz!-Ausgaben die Kriegsverwendungsfähigkeit der deutschen
Vergangenheit unter Rot-Grün, die "heimatnahe" Fluchtabwehrpolitik der
EU-Staaten und die mediale Heimatfront im Angriffskrieg der Nato gegen
Jugoslawien thematisiert haben, geht es im abschließenden Teil um die
Rolle der Linken bzw. des linken Widerstandes gegen den Jugoslawien-Krieg.
Gemessen an den linken Antikriegs-Aktionen wäre dieses Thema keinen Dreizeiler
wert. Dennoch macht gerade die Nichtexistenz einer entschiedenen Antikriegsbewegung,
zumal beim ersten Angriffskrieg unter deutscher Beteiligung nach 1945,
eine Nachbetrachtung notwendig. Denn die Wiedererlangung der deutschen
Kriegsfähigkeit stellt eine der größten Zäsuren nach der Zerschlagung
des Nazi-Faschismus dar, die ohne nennenswerten Widerstand gesellschaftlich
durchgesetzt werden konnte.
Die Linke und der Krieg
Ach wie schön war doch die Zeit, als Zehntausende gegen den mörderischen
Imperialismus in Südostasien oder gegen die atomare Nachrüstung (Nato-Doppelbeschluß)
demonstrierten und die Linke noch gegen den Krieg und die, die ihn führten,
agitierte. Doch schon während des Golf-Kriegs 1991 bahnte sich an, was
seit dem Nato-Angriffskrieg gegen Jugoslawien getrost als linke Kriegsbefürwortung
bezeichnet werden kann. Während es der deutschen Linken beim Bomben-Terror
auf den Irak um ihr Essential Antisemitismus ging und H.Gremliza im interlektuellen
Ausnahmezustand den imperialistischen Krieg für westliche Ölinteressen
als das "Richtig falsche" (KONKRET 3/91) bezeichnete, wurde im Jugoslawienkrieg
die Grundsatzdebatte Umgang mit Nation und Nationalismus auf die linke
Tagesordnung gesetzt. Und damit es nicht unerwähnt bleibt: die linksliberale
Öffentlichkeit bzw. die Reste der Friedensbewegung hatten sich in Ermangelung
eigener Bedrohung in Wohlgefallen aufglöst bzw. haben mitlerweile im Großen
und Ganzen Gefallen an der Rhetorik des "humanitären Krieges" gefunden
(der eigene Opfer ja bekanntlich auszuschießen versucht). Doch hier soll
es im Wesentlichen um die ausserparlamentarische, radikale Linke gehen.
Schließlich verlieren wir noch ein paar Worte zur PDS, die als einzige
parlamentarische Partei eindeutig gegen den Angriffskrieg Position bezog.
Hoch die antinationale Solidarität?
Angesichts der offensichtlichen, gesellschaftsübergreifenden Kriegsbegeisterung
stellte die parlamentarische Fundamentalopposition der PDS gegen den Angriffskrieg
auf Jugoslawien zunächst einen wichtigen Eckpfeiler in der Antikriegsbewegung
dar, zumal sie vieler Orts als Anmelderin der insgesamt wenigen Antikriegsdemonstrationen
auftrat. Die inhaltliche Position der PDS gegen den Krieg jedoch, die
sich im Kern auf den völkerrechtlichen Aspekt (Ausschaltung der UNO und
Russlands) beschränkte hat sich konsequenterweise zu einer Ja-aber-Strategie
entwickelt, die nicht nur kriegs- (Bedingung: Gewaltmonopol der UNO),
sondern auch prima regierungskompatibel ist. Damit ist die PDS ist im
Prinzip dort gelandet, wo die Grünen vor einem halben Jahrzehnt auch schon
einen Zwischenstopp (zur Macht) eingelegten.
In der radikalen Linken löste der Aufmarsch deutscher Soldaten auf den
Balkan unter anderem ein Scheingefecht zwischen antinationalen und antideutschen
Positionen aus, die unnötigerweise auch noch in die Praxis umgesetzt wurden.
Anstatt den Nato-Angriff als lupenreinen Angriffskrieg zu entlarven und
gegen den verlogenen "Menschenrechts"-Krieg zu agitieren, was erste Linkenpflicht
gewesen wäre, wurden ausgebombte JugoslawInnen in Berlin über ihren Nationalismus
belehrt und sich von jugoslawischen TeilnehmerInnen an Anitkriegsdemos
distanziert, die Fahnen schwenkten und Milosevic-Konterfeis mit sich trugen.
Dieser unkritische Antinationalismus führte zu keinerlei politischen Positionierung,
bzw. stellte sich als blosses Etikett (wahrscheinlich unfreiwillig) auf
eine Stufe mit den Kriegstreibern. Diese befanden sich vor allem in rot-grünen
Regierungskreisen und gaben vor den "serbischen Nationalismus" zu bekämpfen.
Doch genau diese Form des Antinationalismus, die zwischen "schlechten"
(serbischen) und "guten" (kosovo-albanischen, kroatischen) Nationalismus
unterscheidet, ist Teil der Kriegslogik zur Zerschlagung Jugoslawiens
und erfordert deshalb einen kritischeren Umgang mit antinationalen Positionen,
die in vielerlei Hinsicht selbstverständlich zur Basis linksradikaler
Politik gehören. Der antideutsche Kongress am 2. Oktober in Berlin kürte
dagegen das eigene Land zum Hauptfeind. Ein durchaus sympatisches Motto,
doch blieb fundamentale Kritik an ethnischer Identitätsbildung, die bei
der Zerschlagung Jugoslawiens eben auch mit von der Partie ist, aussen
vor. Letztendlich hat der Jugoslawienkrieg daher nicht nur ein zahlenmäßiges
Debakel sondern auch den Mangel an gesicherten Positionen innerhalb der
Linken bloßgestellt, der die marginale Antikriegsbewegung weiter schwächte.
Im Zweifel gegen den Krieg/ gegen Deutschland
Dem Streit innerhalb der Linken, ob Jugoslawien nun von aussen zerstört
(Nato-Angriff) oder auch innerjugoslawische Gründe (serbischer Nationalismus)
mit kriegsauslösend waren, wurde rückblickend ein zu hoher Stellenwert
beigemesen. Ausserdem verstellte er den Blick für die Notwendigkeit einer
handlungsfähigen Antikriegsbewegung, die sich die Wiedererlangung der
deutschen Kriegsfähigkeit hätte zum Thema machen müssen. Die rot-grüne
Berliner Republik hat den Angriffskrieg gegen Jugoslawien mit Auschwitz
begründet, um diese "Moralkeule" (M.Walser) auf dem Weg zur Weltmacht
loszuwerden. Somit ist eines der wichtigsten Ziele der deutschen Nachkriegspolitik
erreicht und gleichsam mehr oder weniger an der Linken vorbei gegangen.
So interessant es sein mag die verschieden ökonomischen, militärischen
und ethnifizierten Konzepte der neokolonialen Modernisierer anhand des
Jugoslawien-Krieges zu diskutieren, so kontraproduktiv war es, die jeweiligen
Differenzen nach vorne zu stellen. So konnten letztendlich auch die revolutionäre
1.Mai-Demo in Berlin und die Euromarsch-Demo Ende Juni in Köln anlässlich
des EU/Weltwirtschaftsgipfels, die kurzerhand Anti-Kriegs-Charakter bekamen,
nicht über eine handlungsunfähige Linke hinwegtäuschen, die mehr an scheinbaren
Widersprüchen herum diskutierte, als eine gemeinsame Antikriegspolitik
gegen die wieder militärisch handlungsfähige Großmacht BRD zu entwickeln.
Doch mit dem Waffenstillstand in Jugoslawien sollte die notwendige Diskussion
innerhalb der radikalen Linken um Nation, Nationalismus und die spezifische
deutsche Rolle nicht beendet sein, denn der nächste Krieg für die neoliberale
Weltordnung unter Nato-Exekutive kommt bestimmt…
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