| Fujimori
am Ende! - Die "demokratische" Diktatur auch?
Widerstand, Korruption
und viele Fragezeichen
Lima/Peru.
28. Juli 2000: Im gesamten Zentrum Limas riecht es nach CS-Gas, vier Gebäude
brennen, 30.000 Polizisten versuchen die wichtigen Kreuzungen und Plätze
zu sichern, über 100.000 DemonstrantInnen versuchen in kleineren und größeren
Gruppen immer wieder zum Regierungspalast durchzubrechen. Sechs Menschen
sind tot, über 100 müssen in die Krankenhäuser eingeliefert werden. Am
Abend zuvor hat es die größte oppositionelle Kundgebung in Peru seit mehr
als 20 Jahren gegeben. Die Polizei rächt sich dafür mit massiven Gasangriffen
auf die Demonstration am nächsten Morgen und die Menschen wehren sich.
Es regt sich wieder heftiger Widerstand im Andenstaat. Nachdem blutigen
Ende der Botschaftsbesetzung durch die MRTA schien Präsident Fujimori
die Lage in Peru endgültig unter Kontrolle zu haben, Perspektiven für
eine Widerstandsbewegung gab es scheinbar auf lange Sicht keine mehr.
Fujimori und sein Hintermann, der Geheimdienschef Montesinos, hatten die
Repression durch Polizei, Militär und Geheimdienst verschärft, der Medienapparat
unterlag praktisch völlig ihrer Kontrolle und jedeR wusste, dass Fujimori
auch die nächsten Parlamentswahlen - ob mit Wahlbetrug oder nicht - für
sich entscheiden würde.
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| Peruanische
Polizisten beschießen DemonstrantInnen mit CS-Gas nach
eigenen Angaben wurden über 10.000 Granaten verschossen |
Die
brennende "Banco la Nacio"
Ein Werk des Geheimdienstes?
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Die
"fujimoristische" Diktatur
Alberto Fujimori regiert seit 1990 mit diktatorischen Mitteln aber demokratischen
Anstrich in Peru. 1992 löste er das Parlament auf und regierte mit Sondergesetzen
weiter. In dieser Zeit brachte er die Medien mit militärischer Hilfe unter
Kontrolle, ließ alle namhaften Oppositionellen verhaften oder durch den
Geheimdienst "verschwinden" und verschärfte den schmutzigen Krieg gegen
die beiden Guerilla-Bewegungen MRTA und Sendero Luminoso (Leuchtender
Pfad). Der militärische Terror wurde ebenfalls auf die politischen Gefangenen
übertragen, die in Hochsicherheitsgefängnissen unter menschenunwürdigen
Bedingungen dahin vegetieren. Damit einhergehend schloss er eine Reihe
wichtiger Wirtschaftsabkommen mit IWF, Weltbank und den USA. Peru wurde
damit zum neoliberalem Musterbeispiel in Südamerika. Als unter diesen
Voraussetzungen die Position der Regierung Fujimori gefestigt schien,
wurde der Diktatur wieder ein demokratischer Anstrich gegeben und neue
Wahlen durchgeführt.
Die Besetzung der japanischen Botschaft durch die MRTA Ende 1996 ist als
ein letzter Versuch zu verstehen, das Interesse der Weltöffentlichkeit
auf die Situation in Peru zu lenken, aber auch den Gefangenen eine letzte
Möglichkeit zum Leben zu erkämpfen. Die Erstürmung der Botschaft und Hinrichtung
aller Guerilleros bedeutete letztlich das Ende des bewaffneten Kampfes
in Peru. Gleichzeitig versuchte Fujimori ein deutliches Signal an die
gesamte Opposition - ob demokratisch oder revolutionär - zu richten: Widerstand
ist zwecklos.
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Massiver
Widerstand als Reaktion auf die Gasangriffe!
Hier am Justizpalast (links) und dem Propagandaministerium (rechts)
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Die
Wahlen 2000 und die neue Widerstandsbewegung
Vor den Präsidentschafts- und Kongresswahlen im Frühjahr erzwang Fujimori
wieder einmal mit tatkräftiger Unterstützung des Geheimdienstes SIN noch
eine Verfassungsänderung, um sich selbst eine dritte Amtszeit zu ermöglichen.
Trotz Medienmacht und Repression kristallisierte sich mit Alejandro Toledo
und seiner Partei "Peru Posible" überraschend ein Gegenkanditat mit den
ernsthaften Siegchancen heraus. Um einen Sieg Toledos im ersten Wahlgang
zu verhindern, mussten sich Fujimori und Montesinos einer plump organisierten
Wahlfälschung bedienen, dennoch konnte eine Stichwahl, vor allem weil
dies das internationale Interesse noch verstärkt hätte, nicht verhindert
werden. Toledo, zwar Sozialdemokrat, aber immerhin ausgesprochener Gegner
des neoliberalem Wirtschaftssystems, verkündete dann aber seinen Boykott
der Stichwahl, weil deutlich wurde, dass Fujimori eine internationale
Wahlbeobachtung nicht zulassen würde. Dieser Schritt brachte letztlich
die neue Widerstandsbewegung ins rollen. Zudem bedeutete dies verstärkten
internationalen Druck auf die Regierung Fujimori. So sah sich die OAS
(Organisation Amerikanischer Staaten) gezwungen eine Kommission zur Lage
in Peru einzurichten und Fujimori ein lange Liste demokratischer Reformen
nahezulegen. Eine Aufforderung zu Neuwahlen, die von der Opposition zwar
gefordert wurden, aber aufgrund der guten wirtschaftlichen Beziehung der
Regierung Fujimori zu den USA und den Nachbarländern Perus unrealistisch
waren, gab es nicht.
Immer Sommer mehrten sich daraufhin die Demonstrationen für Neuwahlen
und gegen die fujimoristische Diktatur. Höhepunkt sollte die "Marcha de
los quatro Suyos" anlässlich der Amtsvereidigung Fujimoris werden. Vom
26. bis 28. Juli 2000 sollte es in Lima Sternmärsche, Kundgebungen und
Demonstrationen geben. Nahezu sämtliche oppositionellen Organisationen
(Gewerkschaften, StudentInnen, Indigenas, Parteien etc.) mobilisierten
zur Demo für Neuwahlen und gegen Neoliberalismus nach Lima. Auch die revolutionären
Gruppen, die aufgrund von Überwachung und Repression klein, aber zahlreich
sind, schlossen sich dem Aufruf an.
Bereits im Vorfeld beschwor die regierungstreue Presse in einer breit
angelegten Hetzkampagne Krawalle, Blut und Tote herauf. Klares Ziel war
es den Widerstand zu diskreditieren, zu schwächen und anschließend kriminalisieren
zu können. Als aber an den ersten beiden Tagen alles friedlich blieb und
dennoch weit über 200.000 Menschen demonstrierten (eine Zahl die in den
Medien auf 40.000 heruntergelogen wurde), war am nächsten Tag mit einer
polizeilichen Provokation zu rechnen. Ohne erkennbaren Anlass erfolgten
massive Gasangriffe auf die Demonstration, es folgten heftige Auseinandersetzungen.
Im Zuge der Auseinandersetzungen wurden der Justizpalast, ein Gebäude
des "Öffentlichkeits-"(Propaganda-)Ministeriums, die oberste Wahlbehörde
und die "Banco de la Nacion" angezündet. In der Bank verbrannten sechs
Sicherheitsangestellte - für die regierungstreuen Medien ein gefundenes
Fressen um den Widerstand als "barbarisch" zu diskreditieren. Doch schnell
mehrten sich die Hinweise das SIN-Provokateure sowohl für Brand in der
Wahlbehörde als auch in Bank verantwortlich waren. Z.B. gab es in beiden
Gebäuden bereits morgens kein Wasser mehr, bis einige Minuten vor den
Bränden standen beide Häuser unter Polizeischutz, der sich dann ohne äußeren
Anlass in Nebenstraßen zurückzog, der Feuerwehr wurde über eine Stunde
lang über Polizeifunk mitgeteilt, dass es zu gefährlich zum Löschen sei,
obwohl bereits wieder zahlreiche Polizeieinheiten vor Ort waren. Der Forderung
der Opposition die Trümmer von internationalen, unabhängigen Brandexperten
untersuchen zu lassen, wurde erwartungsgemäß nicht stattgegeben. Obwohl
Fujimori die deutliche Mehrheit der Bevölkerung gegen sich hatte, schien
er dank Polizei, Militär und Geheimdienst noch fest genug im Sattel zu
sitzen. Zumal sich weder OAS noch USA zu einer deutlichen Kritik an Fujimoris
und Montesinos enthielten.
Eine Wende durch die Korruption?
Doch am 15. September 2000 veränderte sich wieder alles. Eine Video tauchte
auf, das Geheimdienstchef Montesinos höchstpersönlich beim "Einkauf" eines
Oppositionsabgeordneten zeigt. Denn Fujimoris Wahlbündnis "Peru 2000"
hatten trotz Wahlfälschung einige Stimmen zur einfachen Mehrheit im Kongress
gefehlt. Es galt bereits vorher als offenes Geheimnis, dass die mehr als
zehn Überläufer direkt nach der Wahl vom Geheimdienst gekauft oder erpresst
worden waren. Aber erst der Videobeweis veränderte die Lage. Drei Tage
lang schwieg Fujimori zu dem Vorfall, bis er Neuwahlen ohne eigene Kandidatur
und die "Deaktivierung" des Geheimdienstes ankündigte. Ob damit aber tatsächlich
Besserung im Andenstaat eintritt, bleibt äußerst fraglich, denn vieles
spielt sich nach wie vor im Verborgenen ab. Als sehr wahrscheinlich gilt,
dass Fujimori seine Entscheidung auf Druck der USA, an der entscheidenen
Beratung nahmen neben Fujimori nur vier Minister und der US-Botschafter
teil, gefällt hat, da sich Geschäfte mit einem so offen korrupten und
diktatorischen Regime nicht so gut vertreten lassen. Allerdings hat Fujimori
angekündigt bis zu den Neuwahlen im Amt bleiben zu wollen, Neuwahlen sind
aber laut Verfassung nur in Verbindung mit seinem Rücktritt möglich. Fujimoris
zunächst gebrandmarkte rechte Hand Montesinos ist auch nicht verhaftet
worden, sondern mit Regierungshilfe und US-Unterstützung inzwischen in
Panama gelandet, um dort politisches Asyl zu beantragen. Die angekündigte
"Deaktivierung" des Geheimdiensters sieht zwar die Entlassung sämtlicher
Mitglieder vor, aber eine Beibehaltung des umfangreichen Überwachungs-
und Bespitzelungsnetzes.
Es scheint als wolle Fujimori zumindest solange das Heft in der Hand behalten,
bis er erstens die eigenen Spuren der Diktatur verwischt hat und dann
ein medienwirksam aufgebauter Nachfolger bereitsteht. Tatkräftige Unterstützung
kann er sicherlich seitens seiner Medien, des (Ex?)-Geheimdienstes und
vielleicht auch von den alten CIA-Beziehungen von Montesinos erwarten.
Im komplizierten Machtgeflecht scheint die einzige Chance der Opposition
wohl wieder auf der Straße zu liegen, denn dass Toledo in den nun begonnenen
Verhandlung mit Regierung und OAS ernsthafte Verbesserungen erreichen
wird, ist doch ziemlich zweifelhaft.
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