| Isohaft
wird jetzt in die Türkei exportiert
Europäischer
Stammheim-Standart
Die Türkei ist auf
dem Weg in die EU. Vor diesem Hintergrund spielt sich der Angriff des
türkischen Staates auf die politischen Gefangenen ab, mit dem die Einführung
von Einzelzellen-/Isolationsknästen ( "F-Typ-Gefängnisse") ein- für allemal
durchgesetzt werden soll. Nach der Befriedung des kurdischen Befreiungskampfs
sollen die F-Typ-Knäste einem weiteren wichtigen Faktor der Widerstandes,
den Kämpfen in den Gefängnissen, den Boden entziehen. Während die Verlegungen
von Gefangenen bereits begonnen haben, sind die weiterhin bestehenden
Gefangenenkollektive heftigen Angriffen von Polizei und Militär ausgesetzt.
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Vorläufiger
brutaler Höhepunkt sind dabei die Ereignisse in den Gefängnissen Burdur
am 5. Juli und Bergama am 26. Juli 2000. In Burdur wurden die Gefangenen
zunächst mit Blendgranaten angegriffen, anschließend wurden die Zellenwände
mit Bulldozern eingerissen, wobei es mehrere Schwerverletzte gab. Einem
Gefangenen wurde durch diesen Angriff der Arm abgerissen. Die Gefangenen
berichten des weiteren von Vergewaltigungen und anderen schweren Folterungen.
Auch Angehörige und Menschenrechtsorganisationen, die gegen diese Angriffe
und die Verlegungen in die F-Typ-Knäste protestieren, sind immer wieder
Ziel von Polizeieinsätzen und Massenfestnahmen.
Zwar sind Angriffe auf die politischen Gefangenen und deren Widerstand
gegen die Isohaft in den Knästen der Türkei und Kurdistans nichts Neues
- das Massaker im Gefängnis Ulucanlar im vergangenen Jahr beispielsweise,
bei dem elf Gefangene getötet wurden, ist noch frisch im Gedächtnis; Protestaktionen,
Hungerstreiks und Todesfasten in den 80er und 90er Jahren, die zahlreiche
Opfer forderten, konnten die Einführung der F-Typ-Gefängnisse zwei Jahrzehnte
lang verhindern. Neu ist an der aktuellen Situation jedoch der besondere
Ernst der Lage. War die Verteidigung der Gefangenenkollektive und die
Verhinderung der Isolationshaft bisher erfolgreich, so sind inzwischen
die Verlegungen in vollem Gange, ohne dass dies in der Öffentlichkeit
besondere Beachtung findet. Mit der Zerschlagung der Gefangenenkollektive
droht dem Widerstand in der Türkei eine schwere Niederlage, deren langfristige
Auswirkungen auch ausserhalb der Gefängnisse verheerend wären.
In Europa finden diese Ereignisse weder in den bürgerlichen Medien noch
in der linken Öffentlichkeit ein nennenswertes Echo. Das Schweigen der
staatstragenden Medien erklärt sich dabei leicht: Handelt es sich bei
der Einführung der Isolationsgefängnisse doch um eine Maßnahme, die die
Türkei der europäischen Normalität à la Stammheim näherbringen soll. Dies
hat nicht zuletzt in der Änderung der weltpolitischen Lage seine Gründe.
Die Türkische Republik stand lange Zeit unter dem unbestrittenen Einfluss
der USA. Dem neu entstehenden Machtblock EU blieb lediglich das diplomatische
Mittel der Kritik an der Menschenrechtssituation. Dies spiegelt sich beispielsweise
in der Berichterstattung über die Hungerstreiks von 1996 wider, die einen
breiten Raum in den deutschen Medien einnahmen. Mit der Annäherung der
Türkischen Republik an die EU hat sich dies geändert - der sensible potentielle
Partner darf nicht brüskiert werden, und ohne Zweifel haben auch die europäischen
Regierungen ein vitales Interesse an Friedhofsruhe und Kasernenhofordnung
am Bosporus. Das Vorgehen des türkischen Staates findet somit die volle
Billigung der selbsternannten Menschenrechtskrieger in der EU. Konsequent
wird daher die flächendeckende Einführung einer weiteren, systematischen
Form der Folter in einen Akt von "Demokratisierung" hin zu europäischen
zivilisatorischen Standards umbenannt und die Gefangenen und ihre Situation
im wahrsten Sinne des Wortes von der Presse totgeschwiegen.
Weniger leicht ist das Desinteresse der deutschen Linken zu erklären.
Durch langjährige Aktivitäten gegen Isolationsfolter in der BRD und Solidaritätsaktionen
für die RAF-Gefangenen gibt es in der deutschen Linken ein hohes Bewusstsein
über die Wirkung und politische Zielsetzung von Isolationhaft, die die
Persönlichkeit der Gefangenen zerstören und eine gesamtgesellschaftliche
politische Demoralisierung bewirken soll. Zudem handelt es sich bei den
F-Typ-Knästen nach NVA-Panzern und Munitionsfabriken um ein weiteres Exportprodukt
original "Made in Germany". Nicht zuletzt kann die deutsche Linke kein
Interesse an der Schwächung des Widerstandes in der Türkei haben - internationale
Solidarität ist kein Luxus, sondern für eine handlungsfähige Linke unabdingbar.
Angesichts dieses engen geschichtlichen und politischen Bezugs ist es
umso unverständlicher, warum die Teilnahme von deutschen Linken an stattfindenen
Protestaktionen so gering ist. Allerdings sind in dieser Hinsicht Verbesserungen
zu spüren: Mehr antifaschistische Gruppen arbeiten kontinuierlich zu diesem
Thema und bei bestimmten Anlässen kommt es hin und wieder zum Bündnis
mit türkischen und kurdischen Linken.
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