[M]eine kleine Welt
R.A.F. (Royal Air Force) — Kommentar von
Vincent Arcangelo

Heute will ich Euch von einem Film erzählen. Bei diesem Film mit dem wirklich tollen Titel "Die innere Sicherheit" handelt es sich um ein sog. Terroristendrama.
Also: Es geht da um zwei Ex-"Terroristen", die seit 15 Jahren mit ihrer Tochter im Untergrund leben. "Die Zeit braucht sie nicht mehr, sie leben in einem Vakuum, einer Art Geschichtsstille. [Die] Helden reagieren auf diesen Identitätsverlust, indem sie ein Kind zeugen, um wieder an die Welt anzudocken." Ein gewisser Christian Petzold ist Regisseur dieses Streifens. Ihr kennt ihn nicht? Macht nichts, ich auch nicht. Das spielt auch alles keine Rolle. Auch die Handlung oder der Inhalt dieses Filmes haben mich nicht wirklich zum Nachdenken gebracht. Nein, was ich viel interessanter fand, war ein kleines Interview mit eben diesem Regisseur.

Zunächst gab Petzold preis, dass ihn zu diesem Film zwei Dinge inspirierten: Einerseits der US-Film "Near Dark", in dem eine Vampirfamilie rastlos durchs Land tigert und andererseits "die verpatzte Festnahme der zwei RAF-Angehörigen 1993 in Bad Kleinen". "Diesen Showdown am Bahnhof empfand ich wie einen Spätwestern.", bekannte der Herr Regisseur. Geblendet von diesem kreativen Politikverständnis mit der besonderen Gabe geschichtlicher Einordnung fuhr ich mit der Lektüre fort. Denn damit nicht genug, prahlte der 39jährige mit der Literatur, die er extra zu diesem Thema durchgearbeitet hatte: "Stefan Austs RAF-Buch". Dem Regisseur ist eben nichts zu schwör - Gespannt, was wohl als nächstes kommen würde (ein wirklich nur kurzes Interview!), las ich die nächste beiläufige Bemerkung Petzolds: "Beim Casting habe ich gemerkt, dass die ganz jungen Darsteller bei RAF eher an Royal Air Force als an Rote Armee Fraktion denken."

Und das gab mir wiederum zu denken. Wieso? Weil ich finde, dass eine Diskussion über Militanz und bewaffneten Kampf in der linksradikalen Bewegung (insbesondere bei jüngeren AktivistInnen) kaum noch eine Rolle spielt. Interessiert es eigentlich noch irgendwen, dass immernoch GenossInnen aus dem bewaffneten Kampf im Knast sind?

Diskutiert noch jemand um das "ob" des bewaffneten Kampfes oder über das "wie" militanter Anti-Nazi-Aktionen?
Obwohl ich nicht behaupten will, früher sei alles besser gewesen, so bin ich dennoch der Meinung, dass in der Vergangenheit eine Auseinandersetzung mit Militanz einfach dazugehörte. Sicher, es waren andere Zeiten. Es gab noch bewaffnete Gruppen, über deren Aktionen, Konzepte und Papiere diskutiert wurde. Sie waren halt gegenwärtiges Moment linksradikaler Politik. Es gab aber auch einfach viel mehr Menschen, die die Option der Militanz in ihr Blickfeld und ihren Aktionsradius einbezogen haben. Das ist heute nicht mehr so.

Ich würfele die Begriffe Militanz und bewaffneter Kampf übrigens nicht willkürlich durcheinander. Nein, es ist volle Absicht. Klaus Viehmann (ehem. "Bewegung 2. Juni") interpretierte den Begriff bewaffneter Kampf in einem Interview wie folgt: "Ist bewaffneter Kampf auch schon wenn das Auto von einem Nazi angesteckt wird, wenn eine Bankenfiliale angegriffen wird oder wenn zur Unterstützung von Flüchtlingen Firmen angegriffen werden, die an der Ausbeutung von Flüchtlingen ihr Geld verdienen? Das sind dann ja ganz andere Formen von bewaffnetem Kampf, die auch anders organisiert (...) ablaufen. Und da muss man anscheinend sagen: Das findet auch heute noch statt!" Zugegeben, zwischen dieser Definition und der Konzeption z.B. der RAF liegen Welten. Diese Welten bestehen aber im Wesentlichen "nur" bzgl. des Konfrontationsniveaus, der Professionalität und des persönlichen Einsatzes. Nicht jedoch bzgl. der grundsätzlichen Bereitschaft, diese Option auch wahrzunehmen! Und deshalb lassen sich die Begriffe, sozusagen als Tribut an die Zeit, auch als Synonym verwenden.

Mit dieser Betrachtungsweise wird ein gern benutztes Argument für die Abnahme der Diskussionsbereitschaft in diesem Bereich ad absurdum geführt. Nämlich, dass in Ermangelung der Möglichkeit des bewaffneten Kampfes eine Auseinandersetzung mit Militanz schlicht nicht notwendig sei. Fakt ist jedoch, dass es immer noch Formen von Militanz gibt. Spätestens deshalb gibt es also immer noch die Notwendigkeit zur Auseinandersetzung mit diesem Thema.

Allerdings ist die Quantität der militanten Aktionen in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen.
Dieses Problem scheint in großen Teilen auf die ausgedünnte Personaldecke zurückzuführen zu sein. Woran das liegt? Naja, die viel zitierte Krise der Linken ist sicherlich ein Grund dafür. Keine Angst, ich gehöre nicht zur (Szene-)Heul-Fraktion, die nicht müde wird zu betonen, die gesellschaftlichen Bedingungen seien sooo schlimm, und die sich unablässig in Perspektivlosigkeit und Selbstmitleid ergehen. Aber der relative Niedergang der Bewegung geht auch an meinem Horizont nicht vorüber. Doch entgegen allgemeiner "Weisheiten" bin ich der Meinung, dass man diese Negativ-Entwicklung (teilweise) in eben dieser Bewegung selbst suchen muss. Zum Beispiel in der Unfähigkeit aus den Erfahrungen und Fehlern vorheriger Generationen zu lernen, Erkenntnisse und Diskussionsergebnisse weiterzugeben. Dieser "Generationskonflikt" zieht sich praktisch durch die gesamte radikale Linke der letzten Jahrzehnte. Daher bleibt natürlich auch das Thema Militanz nicht ausgespart: Von Diskussionsergebnissen, über Fähigkeiten, bis zur Logistik oder Zusammenarbeit.

Eine nicht unwesentliche Rolle kommt hierbei auch den ehemaligen Gefangenen aus den bewaffneten Gruppen zu. Die meisten (nicht alle) ehemaligen Gefangenen in der BRD sind nicht in der Lage, ihre politische Geschichte zu vermitteln. Sie vermitteln nicht das wie, warum, weshalb; weder die politische Einordnung, noch die Fehler oder die richtigen Schritte. Was oft vermittelt wird, sind Einzelschicksale, die zwar interessant sind, für die heutige Auseinandersetzung aber keine Rolle spielen. In dieser nicht wahrgenommenen Vermittlungspflicht, die zu einer öffentlichen Diskussion (z.B. über Amnestieforderungen) führen könnte, ist auch einer der Gründe für die Möglichkeit von Killfahndungen à la Bad Kleinen oder der unnachahmlichen Verfolgung angeblicher RZ/Rote Zora-MitgliederInnen zu sehen. Hier, in der BRD, müsste genau das die Rolle der ehem. AktivistInnen sein. Denn ohne die bereits gemachten Erfahrungen, sind die ProtagonistInnen der nächsten Generation dazu verdammt, nie über diesen Erkenntnisstand hinauszukommen.

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