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8. Mai: 5000 demonstrierten gegen rechtsextreme Trauerfeiern in Wien – keine gröberen Zwischenfälle

Während rechtsextreme Burschenschafter ihre nationalsozialistischen Helden ehren und deren "totale Niederlage" am 8. Mai betrauern und so ziemlich alle geplanten Veranstaltungen unter tatkräftiger Hilfe der Behörden wenn auch zeitversetzt durchziehen konnten, war die antifaschistische Demonstration erwartungsgemäß im letzten Moment untersagt worden. Letztendlich konnte sie zwar doch stattfinden, wurde jedoch von massiv auftretenden Polizeieinheiten und mitunter auch mit Gewalt vorgehenden Ordnungskräften von überwiegend trotzkistischen Gruppen und der KPÖ auf eine ziemlich absurd wirkende Route durch schmale innerstädtische Seitengasserln fernab des wiederbetätigenden Treibens bei der Hofburg gezwungen. Rund 5000 AntifaschistInnen beteiligten sich an der Demonstration (TATblatt-Zählung Ringstraße).
So genannte Zwischenfälle gab es nur wenige. An einer Polizeiabsperrung am Beginn der zum Schauplatz des Fackelzugs der Burschenschafter führenden Augustinerstraße (fünf Reihen SWB plus Tretgitter und Wasserwerfer) wurden Eier und Farbbeutel auf BeamtInnen geworfen. Es gelang aber, die Demo in entgegengesetzter Richtung zur Ringstraße weiter zu führen.
Wenig später flogen erst ein paar Eier und Farbbeutel gegen PolizistInnen, die den Zugang zum Burgtor absperrten. Kurz darauf sorgten traditionalistische Jugendliche beim Gittertor zum Heldenplatz, wo es am 13. April zu gröberen Auseinandersetzungen gekommen war, für Turbulenzen, indem sie hinter dem Tor stehende PolizistInnen mit Stangen und Flaschen bewarfen. Als sich die Situation längst beruhigt hatte, und der Rest der Demo bereits bei der Universität in Auflösung begriffen war, ging die Polizei daran, die letzten bei dem Tor stehenden DemonstrantInnen wegzudrängen. Dabei spritzte ein Demonstrant etwas Wasser aus einer Plastikflasche auf einen Beamten. Der stieß daraufhin einen Demonstranten um und provozierte einen Tumult, bei dem ein Demonstrant leicht verletzt wurde. Festnahmen dürfte es entgegen zeitweiliger Gerüchte keine gegeben haben.

Route/Ablauf: Dr.-Karl-Lueger-Ring (vor der Universität; Sammeln ab 18.00 Uhr, Losziehen um19.25 Uhr) – Schottenring (TATblatt-Zählung: rund 5000 DemonstrantInnen) – Wipplingerstraße – Tuchlauben – Brandstätte – Stephansplatz (ganz auf der Seite, der eigentliche Stephansplatz war abgeriegelt, Wasserwerfer stand bereit) – Schulerstraße – Grünangergasse – Singerstraße – Franziskanerplatz – Weihburggasse – Kärntner Straße – Kupferschmiedgasse – Neuer Markt – Tegetthoffstraße – Führichgasse/Lobkowitzplatz (kleinere Auseinandersetzung an Polizeisperre Augustinerstraße) – Albertinaplatz – Operngasse – Ringstraße (ca. 20.55 erst ein paar Farbbeutel und Eier auf PolizeibeamtInnen vor Burgtor; kurz danach Stangen und Flaschen beim Gittertor bei der Bellaria) – Universität (Ende um 21.15 Uhr; nahtloser Übergang zu Fest)

weitere Aktivitäten

Am einstigen Standort des Gestapo-Hauptquartiers am Morzinplatz hielten die Grünen am frühen Abend eine Gedenkveranstaltung ab. Danach gab es fernab aller Demonstrationen eine gemeinsame Befreiungsfeier am "Am Hof" von Grünen, SPÖ, SOS-Mitmensch, ÖH und israelitischer Kultsgemeinde.
Bereits zu Mittag verhinderten AntifaschistInnen die mittwöchliche burschenschaftlerische Kranzniederlegung beim Siegfriedskopf in der Aula der Uni Wien und zertrümmerten mit Hammer und Meißel die Nase Siegfrieds.
Die Kranzniederlegung in der Krypta des Burgtors konnte in den Morgenstunden ungestört stattfinden. Buttersäure sorgte aber am Vormittag für passende Geruchskulisse.
>>>mehr bei indymedia

Am abendlichen Fackelzug der Burschenschaften vom Josefsplatz in den Schweizerhof in der Hofburg beteiligten sich laut APA rund 400 Rechtsextremisten. Die "Totenrede" hielt FPÖ-Abgeordneter Wolfgang Jung.
Laut noch nicht bestätigten Meldungen zog ein Teil der Burschenschafter später noch durch die Mariahilfer Straße.

Die ursprünglich für Mittwoch geplante burschenschaftliche Podiumsdiskussion zum Thema "Selbstachtung statt Selbsthass – Neuer Umgang mit der Zeitgeschichte" mit Ewald Stadler, Claus Nordbruch und Josef Feldner findet nun voraussichtlich am Donnerstag, 9. Mai, um 20.00 Uhr im Lokal des RFS (Ring Freiheitlicher Studenten) in Wien 1, Reichsratsstraße 7 statt. Treffpunkt für Gegenaktionen: 18.00 Uhr Uni-Rampe.

Hintergrund

Geplant wurden die rechtsextremen Aktivitäten des 8./9. Mai von im Wiener Korporationsring (WKR) zusammengeschlossenen deutschnationalen Studentenverbindungen gemeinsam mit dem Ring Freiheitlicher Studenten (RFS) und dem Ring Volkstreuer Verbände (RVV) Der 8. Mai gilt im burschenschaftlichen Milieu nicht als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, sondern als Tag der "totale[n] Niederlage", wie es die Burschenschaft Olympia in ihrer "Festschrift" offen bekennt.

>>>Artikel aus der Homepage des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands

Wien, 13. April: 4000 bis 5000 AntifaschistInnen demonstrierten gegen rechtsextreme Kundgebung *** Polizei schoss mit Pfeffer und Wasser auf AntifaschistInnen, hetzte Hunde auf sie und prügelte ...

Zwischen 4000 und 5000 AntifaschistInnen demonstrierten gegen die von Rechtsextremen angekündigten Proteste gegen die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht". Rechtsextreme konnten am Heldenplatz gerade mal 80 gezählt werden. Deren de-facto Recht auf nationalsozialistische Wiederbetätigung wurde von der Polizei aber massiv verteidigt. Mit Pfeffersprays, Wasserwerfern, Polizeihunden und Gummiknüppeln wurden die AntifaschistInnen am Betreten des Heldenplatzes gehindert. Unzählige DemonstrantInnen wurden vor allem an den Augen verletzt. Die Polizei spricht von drei vorübergehenden Festnahmen und 23 Anzeigen.
Um 16.00 Uhr herum wurden die Rechtsextremen von der Polizei vom Heldenplatz Richtung Kärntner Straße geleitet. Etwa eine halbe Stunde später hob die Polizei die Sperre des Platzes auf. Nun durfte die antifaschistische Demo hinein, sie löste sich in der Folge dann langsam auf.
Zirka 30 Leute zogen später noch zur Roßauer Kaserne und Polizeigefangenenhaus (Liesl), um für die Freilassung der Festgenommenen zu demonstrieren, und wurden dort für zirka zehn Minuten von der Polizei eingekesselt. Nach Aufnahme der Personalien durften sie aber wieder gehen. Ihnen wurden Anzeigen wegen Landfriedensbruch angekündigt. Das große Polizeiaufgebot auf der Roßauer Lände stand ganz im Gegensatz zu folgendem Vorfall:

Kaum hatten die Rechtsextremisten den Heldenplatz durch den Polizeischutz verlassen können, formierten sie einen geschlossenen Demonstrationszug in der Augustinerstraße und zogen am Antifaschismus-Denkmal vorbei in die Kärntner Straße. Hier skandierten sie "Ausländer raus", "Sieg heil" und "Hier marschiert der nationale Widerstand" bis hinunter zum Stephansplatz. Der Marsch dauerte eine knappe halbe Stunde, während der keinE einzigeR PolizistIn zu sehen war. Unnötig zu sagen, dass es wegen des Skandierens der Nazi-Parolen keinerlei Festnahmen, nicht einmal die Feststellung der Identität dieser Wiederbetätiger gab.

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(ausführlicherer TATblatt-Bericht)
(korrigiert und ergänzt, 14. 4., 17.00 Uhr)

>>>minuziöser Demobericht bei indymedia

>>>viele Bilder bei wienerfotografie.at

>>>Bericht von der Homepage des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands

 

Die Wehrmachtsausstellung ist seit 9. April im Semperdepot in Wien zu sehen. Die Bundesregierung verweigerte schon im Vorfeld jegliche finanzielle Unterstützung für die Ausstellung. Die 2002 neu konzipierte Ausstellung war bereits in Berlin und Bielefeld (beides BRD) zu sehen. In beiden Städten kam es zu Protesten von Konservativen und RechtsextremistInnen.

In Wien rief die "Kameradschaft Germania" zu der Demonstration auf. In einem Flugblatttext zum geplanten Aufmarsch finden sich Zitate um zu "beweisen", welch ein "großartiger Kampfverband" die Wehrmacht sei. Der Text endet mit dem Aufruf "gegen die Lügen und Diffamierungen über unsere Ahnen bzw. Großväter und unsere gesamte Geschichte" auf die Straße zu gehen.

Auf der Homepage des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes erschienen drei Texte zum Thema, die näher auf mögliche Strategien der Rechtsextremen eingehen:

Österreichische Neonazis wollen offenbar ihren deutschen "Kameraden" nicht länger nachstehen und planen, am 13. April auch in Wien gegen die Wehrmachtsausstellung zu demonstrieren. Ein entsprechender Aufruf kursiert seit einiger Zeit im Internet ... >>weiter

Offenbar aus Unzufriedenheit mit den organisatorischen Fähigkeiten der Kameradschaft Germania Wien (KSG Wien) und deren Protagonisten Robert Faller mobilisieren deutsche und österreichische Neonazis ... >>weiter


Nachdem die neonazistische Kameradschaft Germania Wien (KSG Wien) in ihrem Versuch, am 13. 4. eine Demonstration gegen die "Wehrmachtsausstellung" zu organisieren, gescheitert ist, haben offenbar Wiener Burschenschafter die ganze Sache in die Hand genommen ... >>weiter

 

Infos zur Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941—1944":
>>>
www.verbrechen-der-wehrmacht.de (Pop-Up-Windows-Funktion muss aktiviert sein, sonst lädt die Seite nicht)
Die Ausstellung ist noch bis 26. Mai 2002 geöffnet, jeweils Mo. bis So. 10.00 bis 18.00 Uhr; Do. bis 21.00 Uhr

 

>>TATblatt-Homepage >>Printausgabenindex 2002

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