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Landtag Nordrhein-Westfalen
Horst Radtke, Mdl
Zimmer E6-D10
Postfach 1143
4000 Düsseldorf 1
Betrifft: Ihr Schreiben vom 30.07.97 an das Informationsbüro Türkei und
Kurdistan bzgl. unserer Presseerklärung "SPD erzeugt
Ausländer-raus-Stimmung"
Sehr geehrter Herr Radtke,
Es mag sein, daß Stil und Art unserer Erklärungen ihnen nicht gefällt. Mit
der Meinung, wir würden "einseitig und häufig ungenau" berichten, stehen
Sie jedoch alleine dar.
Wir halten nach wie vor daran fest, daß Gerhard Schröder mit seiner
Äußerung zur Ausländerkriminalität zur Ausländerhetze beiträgt. Diese
Feststellung wird auch von vielen anderen geteilt. Selbst in der SPD hat
es zu seiner Äußerung Kritik gegeben. So hatte auch SPD-Vorstandsmitglied
Scheer davor gewarnt, eine "Ausländer-raus-Stimmung" zu erzeugen. Die
Juso-Vorsitzende Andrea Nahles forderte die SPD-Spitze gar auf, sich von
Schröders Äußerungen zu "distanzieren". Die Grünen sahen in Schröders
Vorstoß "Kriminalpolitik in Wildwestmanier". Der Vorstandssprecher Trittin
meinte warnend, wer mit Kriminalitätsangst und Ausländerfeindlichkeit in
den Wahlkampf ziehe, der werde sich wundern, daß von dieser Kampagne die
CDU oder gar Rechtsradikale profitieren. Auch der rechtspolitische Sprecher
der Grünen-Bundestagsfraktion Volker Beck, hatte die SPD davor gewarnt,
die Union "in puncto Law and order" rechts zu überholen,....
Unsere Feststellung, "daß die SPD auf die Stimmen der Rechtsradikalen für
die nächsten Wahlen zielt", bezeichnen Sie in Ihrem Schreiben als
"lächerlich". Lächerlich ist jedoch ihre naive Einstellung dazu, was man
von der DVU nicht behaupten kann. Sie zitiert in ihrem Hetzblatt Nr. 32
dazu genüßlich Schröder: "Wer unser Gastrecht mißbraucht, für den gibt es
nur eins, raus" und fährt fort: "Mit dieser DVU-Forderung dürfte sich
Schröder im Rennen um die SPD-Kanzlerkandidatur einen Vorsprung verschafft
haben.(...)Allerdings bezweifelt man Schröders Glaubhaftigkeit, da er
versucht nur mit Blick auf die Hamburger Wahlen, Stimmenverluste an das
rechte Lager aufzuhalten."
Wir sind auch der Meinung, daß etwas gegen die allgemeine Kriminalität -
und nicht nur gegen die Ausländerkriminalität - unternommen werden muß. In
ihrem Schreiben sprechen Sie bewußt oder unbewußt von "zunehmender"
Ausländerkriminalität. Laut amtlicher Kriminalstatistik ist der Anteil
ausländischer Tatverdächtiger in den Jahren 1995 und 1996 nicht mehr
gewachsen. Autodiebstähle, für die Schröder vor allem "polnische
Kriminelle" verantwortlich machte, sind rückläufig. Mit dem Ruf nach
härterem Vorgehen erfährt man zwar die Zustimmung an den Stammtischen, man
verhindert damit aber noch keine Straftaten. Zur Bekämpfung der
Kriminalität gehört aber auch, über die Hintergründe von Straftaten und
Straftätigen zu reden, sowie das Problem dann an den Wurzeln zu packen.
Schröder verweigert sich dem jedoch. Er präsentiert das "Allheilmittel" der
Abschiebung zur Bekämpfung der Kriminalität. Ob er dies auch für
Steuerhinterzug und Wirtschaftskriminalität vorsieht, läßt er offen.
Kriminalität scheint für ihn nur am gesellschaftlichen Rand, bei
Ausländern und der sog. Unterschicht zu existieren. Der Kreis, in dem sich
seinesgleichen bewegt, scheint demnach nur reinste Westen zu tragen.
Allein in NRW sind über 100.000 Jugendliche arbeitslos. Zehntausende
Lehrstellen fehlen. Unter den ausländischen Jugendlichen ist dieser Anteil
noch größer; was zwangsläufig diese Jugendliche in die Hände von
kriminellen Banden treibt. Doch Herr Schröder redet nicht darüber- auch
nicht über die gleichhohe Kriminalität von Deutschen, mit den selben
Problemen wie die gen. "Ausländer". Er heizt nur Stimmungen an. Zur Lösung
der Probleme tragen sie jedoch nichts bei.
Schröder & Co denken wohl, daß solche Äußerungen der SPD an die Macht
verhelfen würden. Doch wird sich der Wähler fragen, wo der eigentliche
Unterschied zu dem, was wir schon haben, besteht. Wieso soll man überhaupt
die Kopie wählen, wenn es auch das Original gibt?
Wir können jedoch ihre Wut verstehen, Herr Radtke. Wir sind schließlich
"Landsleute". Daher nehmen wirIhren Vorschlag ernst, "uns doch dem Kampf um
Demokratie im eigenen Land" zu widmen und befassen uns daher mit dem Kampf
um Demokratie in der Bundesrepublik. Was die Türkei oder die Einwanderer
aus der Türkei und die "Moscheevereine", "Grauen Wölfe" und andere
"rechtsradikale Gruppierungen" aus diesem Spektrum betrifft, freuen wir
uns, daß es einen interessierten, offensichtlich mit den Namen bewanderten
SPD-Landratsabgeordneten wie Sie gibt, der sich damit in Zukunft
beschäftigen sollte. Hier würden wir Ihnen gerne zur Seite stehen. Wir als
"Deutsche" haben schließlich einen gehörigen Anteil an der politischen,
militärischen und wirtschaftlichen Misere in der Türkei und Kurdistan.
Sie wissen, daß die Länder - BRD kommt an vorderster Stelle - die die
Türkei militärisch, politisch und ökonomisch unterstützen mitverantwortlich
sind für alle widerrechtlichen Brutalitäten gegen die Menschenwürde in den
Gefängnissen, auf den Polizeistationen, in den Städten und Dörfern, in den
Slumgebieten der Türkei und Kurdistans. Folter, Staatsterror,
Verschwindenlassen, Vergewaltigung, Vertreibungen passieren vor unseren
Augen in der Türkei und in Kurdistan. Was tun Sie bzw. Ihre Partei dagegen,
außer von Zeit zu Zeit gemeinsam mit den Regierungsparteien die Opfer
außer Landes zu verweisen?
Sie sollten zuallererst vor der eigenen Haustür kehren, denn Ihre Partei
trägt - besonders in Ihrem Wahlkreis Essen - für die Erstarkung des
türkischen Nationalismus und islamischen Fundamentalismus bei. Der Einfluß
von rechtsradikalen und islamistischen Personen auf Ihre Partei ist enorm.
Wissen Sie wirklich nicht, daß in Essen zahlreiche türkisch/kurdische
Mitglieder der SPD enge Verbindungen zu rechtsradikalen oder
islamisch-fundamentalistischen Organisationen unterhalten.
Beginnen wir diese endlose Reihe mit dem Türken Muhammet Balaban,
Vorsitzender des Ausländerbeirates und Mitglied von Milli Görüs (eine
Organisation, die vom Verfassungsschutz als "islamisch extremistisch"
eingestuft wird; siehe unsere zahlreichen früheren Erklärungen dazu).
Diese Person, die alles andere als eine Befürworterin der türkischen
Demokratiebewegung ist, ist auch ein Mitglied Ihrer Partei.
Wissen Sie wirklich nicht, daß der Türke Ahmet Aktas, Vorsitzender der
RAA - ein "Wolf im Schafspelz" - ein Sympathisant der Grauen
Wölfe-Ideologie in Essen und Umgebung ist und gleichzeitig auch ein
hochrangiges Mitglied Ihrer Partei ist?
Wissen Sie wirklich nicht, daß der Kurde-Zaza Halis Özkan, Vorsitzender des
C.E.M. Vakfi (Republikanische Erziehungszentrale) Kontakte zu der
neofaschistischen Partei MHP unterhält. Özkan hat von dem früheren
fundamentalistischen Ministerpräsidenten N. Erbakan eine Genehmigung zur
Gründung der europäischen Vertretung seiner "Republikanischen
Erziehungszentrale" erhalten", um auch die religiöse Minderheit der
Aleviten in den nationalistisch-islamischen Fluten zu ertränken. Halis
Özkan hatte bei den letzten Bundestagswahlen für Ihre Partei kandiert und
ist heute ein "hohes" Mitglied Ihrer Partei. Wir könnten allein für Essen
zahlreiche weitere Namen nennen, die Mitglieder der SPD sind, gleichzeitig
aber den Faschisten und/oder türkischen geheimdienstlichen Behörden nahe
sind. Aber nicht nur in Essen haben türkische Rechtsradikale, mit Duldung
von einigen führenden Sozialdemokraten die SPD unterwandert. Sehr viel
weiter weg von diesen Kreisen scheint Gerhard Schröder mit seinen Parolen
nicht zu sein. Gerade, weil wir den Kampf um die Demokratie in unseren
Ländern (Deutschland, Türkei, Kurdistan,...) auf unsere Fahne groß
geschrieben haben, müssen und werden wir weiterhin solche Personen und
Geschehnisse thematisieren. Auch wenn es Ihnen und Ihresgleichen nicht
paßt.
In unserer Gründungsresolution steht dazu:
"Wir setzen uns für Frieden, die Freiheit aller Menschen und strikte
Achtung der Menschenrechte, für Demokratie und Selbstbestimmung und für die
Gleichheit der Menschen aller Länder ein. (...) Darüberhinaus wollen wir
auf die Probleme der türkischen und kurdischen Volkes in der Öffentlichkeit
aufmerksam machen. Hierzu sollen Versammlungen, öffentliche Sitzungen,
Veröffentlichungen etc. dienen. (...) Wir setzen uns entschieden für die
Verteidigung und Erweiterung der bürgerlich-demokratischen Rechte ein. Als
Internationalisten weisen wir jegliche Diskriminierung von Ausländern,
Asylbewerbern und Flüchtlingen entschieden zurück."
Wenn Sie bzw. Ihre Partei von demokratischen Deutschen, Türken und Kurden
ernst genommen werden will, dann muß sie sich erst einmal schleunigst von
den rechtsradikalen und islamistischen Elementen distanzieren.
Wir geben aber die Hoffnung nicht auf, daß auch (SPD-) Abgeordnete
irgendwann mal zur besseren Einsicht kommen können, wenn sie nur
nachdenken.
So auch bei Ihnen...................
Mit freundlichen Grüßen
INFORMATIONSBÜRO TÜRKEI UND KURDISTAN
widerstand@koma.free.de
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