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Nietzsche & die Derwische

Rendan, »die Cleveren«. Die Sufis benutzen den technischen Begriff rend (Adj. rendi; Pl. rendan), um denjenigen zu bezeichnen, der »clever genug ist, heimlich Wein zu trinken, ohne sich dabei erwischen zu lassen«: die Version der Derwische von »erlaubter Verheimlichung« (taqiyya, wodurch es Schiiten erlaubt ist, ihre Religionszugehörigkeit zu leugnen, um Verfolgung zu entgehen, wie auch ihre Propaganda voranzubringen).¶

Auf der Ebene des »Pfades« verbirgt der rend seinen spirituellen Zustand (hal), um ihn zu bewahren, alchimistisch daran zu arbeiten, ihn zu verstärken. Diese »Cleverness« erklärt viel von der Heimlichkeit des Ordens, obwohl es wahr ist, daß viele Derwische die Regeln des Islam (schariah) verletzen, die Tradition (sunnah) mißachten und die Sitten ihrer Gesellschaft verspotten - all dies gibt ihnen mehr Grund für wirkliche Heimlichkeit.¶

Ignorieren wir den Fall des »Kriminellen«, der Sufismus als eine Maske gebraucht - oder vielmehr nicht Sufismus per se, sondern Derwisch-ismus, was in Persien beinahe ein Synonym für gemächliche Sitten &, in Erweiterung, eine gesellschaftliche Laxheit ist, ein Stil genialer und armer, aber eleganter Amoralität - so kann die obige Definition sowohl in wörtlichem wie in metaphorischem Sinne gelten. Das heißt: einige Sufis brechen das Gesetz, während sie weiterhin zulassen,
daß das Gesetz existiert & weiter existieren wird; & sie tun es aus spirituellen Motiven heraus, als eine Willensübung (himmah).¶

Nietzsche sagt irgendwo, daß der freie Geist nicht dafür eintreten wird, daß die Gesetze fallengelassen oder gar reformiert werden, da er nur durch den Gesetzesbruch seinen Willen zur Macht durchsetzt. Man muß (wenn nicht anderen, dann sich selbst) die Fähigkeit beweisen, den Herdentrieb zu überwinden, sich sein eigenes Recht zu schaffen & dennoch kein Opfer des Grolls & der Ressentiments der inferioren Seelen zu werden, die in JEDER Gesellschaft Recht & Gesetz definieren. Man braucht im wesentlichen ein individuelles Äquivalent zu Krieg, um ein freier Geist werden zu können - man muß über eine gewisse Lahm- und Stumpfheit verfügen, an denen sich eigene Bewegung & Intelligenz messen lassen.¶

Anarchisten entwerfen manchmal eine ideale Gesellschaft ohne Gesetz. Die wenigen anarchistischen Experimente, die kurzzeitig erfolgreich waren (Machno, Katalonien), überstanden die Kriegsbedingungen nicht, denen sie ihre Existenz zunächst zu verdanken hatten - wir wissen also empirisch überhaupt nicht, ob ein solches Experiment in Friedenszeiten fortdauern könnte. Einige Anarchisten jedoch, wie unser einstiger italienischer Freund Stirnerscher Prägung, nahmen an allen möglichen Aufständen und Revolutionen teil, sogar an kommunistischen und sozialistischen, da sie im Moment der Insurrektion selbst die Freiheit fanden, die sie suchten.¶

Während also der Utopismus bislang immer scheiterte, waren individualistische oder existentialistische Anarchisten insofern erfolgreich, als sie sich ihres Willens zur Macht im Krieg bewußt wurden.¶

Nietzsches Kritik an »Anarchisten« zielt stets auf den egalitär-kommunistischen Typus der Narodniki-Märtyrer, in deren Idealimus er ein Fortleben des post-Xtianischen Moralismus sieht - obwohl er sie manchmal auch für deren Mut preist, gegen die Autorität der Mehrheit zu revoltieren. Er erwähnt Stirner nie; ich glaube aber, er würde den individualistischen Rebellen als eine Art besseren »Kriminellen« klassifiziert haben, der für ihn (wie für Dostojewski) ein der Herde überlegener Mensch war, wenn er auch tragischerweise von Obsessionen und versteckten Rachegelüsten geleitet war.¶

Existierte Nietzsches Übermensch, er hätte an dieser »Kriminalität« teil, selbst wenn er alle Obsessionen und Zwänge überwunden hätte, und sei es auch nur, weil sein Gesetz nie mit dem Gesetz der Massen, des Staates & der Gesellschaft übereinstimmen könnte. Sein Verlangen nach »Krieg« (ob wörtlich oder metaphorisch) könnte ihn gar dazu bringen, an der Revolte teilzunehmen, ob diese nun die Form der Insurrektion oder nur eines stolzen Bohèmewesens annähme.¶

Für ihn mag eine »gesetzlose Gesellschaft« nur so lange von Wert sein, so lange sie ihre eigene Freiheit an der Abhängigkeit anderer messen kann, an ihrer Eifersucht & ihrem Haß. Die gesetzlosen & kurzlebigen »Piratenutopias« von Madagaskar & der Karibik, D'Annunzios Republik von Fiume, die Ukraine oder Barcelona - diese würden ihn reizen, versprachen sie doch den Tumult des Werdens & selbst des »Scheiterns« statt der idyllischen Somnolenz einer »vollendeten« (& daher toten) anarchistischen Gesellschaft.¶

Wenn sich solche Gelegenheiten nicht bieten, wird der freie Geist nicht im geringsten daran denken, seine Zeit für Agitation, für Reform, für Protest, für visionäre Träume, für jegliche Art »revolutionären Märtyrertums« zu verschwenden - kurz: für die Mehrzahl der gegenwärtigen anarchistischen Unternehmungen. Rendi sein, Wein trinken & sich nicht erwischen lassen, die Regeln akzeptieren, um sie zu brechen & die spirituelle Erhebung oder den Energieschub der Gefahr & des Abenteuers erfahren, die private Epiphanie der Überwindung jeglicher innerer Polizei bei Überlistung der äußeren Autorität - dies könnte ein Ziel sein, das eines solchen Geistes würdig wäre, & es könnte dies seine Definition von Kriminalität sein.¶

(Nebenbei bemerkt, ich glaube, diese Lesart hilft, Nietzsches Beharren auf der MASKE, auf der verborgenen Natur des Proto-Übermenschen zu erklären, was selbst intelligente, aber etwas liberale Kommentatoren wie Kaufman beunruhigt. Künstler werden von Nietzsche, trotz all seiner Liebe zu ihnen, kritisiert, weil sie Geheimnisse preisgeben. Vielleicht hat er einfach nicht bedacht - um A. Ginsberg zu paraphrasieren -, daß dies unser Weg ist, »groß« zu werden; und auch, daß - Yeats paraphrasierend - selbst die wahresten Geheimnisse zu einer weiteren Maske werden.)¶

Was die heutige anarchistische Bewegung betrifft: wollen wir nicht wenigstens ein einziges Mal den Boden unter den Füßen haben, wo die Gesetze abgeschafft sind & der letzte Priester an den Eingeweiden des letzten Bürokraten aufgeknüpft ist? Klar doch. Aber das ist längst nicht alles. Es gibt gewisse Sachen, die man nicht gerne aufgibt, und sei es nur wegen der bloßen Fadheit ihrer Gegner. Oscar Wilde könnte gesagt haben, man kann kein Gentleman sein, ohne nicht auch etwas von einem Anarchisten zu haben - ein notwendiges Paradox, dem »radikalen Aristokratismus« Nietzsches ähnlich.¶

Dies ist nicht nur spiritueller Dandyismus, sondern auch existentielles Streben nach einer ihm zu Grunde liegenden Spontaneität, nach einem philosophischen »Tao«. Trotz all seiner Energieverschwendung, ist der Anarchismus wegen seiner Formlosigkeit unter all den ISMEN der einzige, der dem Typus von Form nahekommt, der einzig uns heute noch interessieren kann, dieser seltsame Attraktor, die Gestalt des Chaos - die man (ein letztes Zitat) in sich selbst haben muß, wenn man einen tanzenden Stern gebären möchte.¶

Spring Equinox, 1989

Saurier, 0.28k



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