Ausstellung gegen Neofaschismus in Eschweiler
Vom 8. - 18. Juli 2002 wird die Ausstellung "Neofaschismus in der BRD" im Eschweiler Rathaus gezeigt. Zu sehen ist sie während der üblichen Öffnungszeiten im Rathaus-Foyer. Die Ausstellung der "VVN - Bund der Antifaschisten" wurde mit Unterstützung der Zeitschrift "Der Rechte Rand" und der IG Metall erstellt. Die aktuelle Ausstellung legt ihren Schwerpunkt auf die Darstellung der ldeologie des Neofaschismus, ausgehend vom Zentralelement der "Volksgemeinschaft". Es folgen kürzere Abschnitte über die Organisation, über Zusammenhänge und Hintergründe sowie über Gegenstrategien.
Jede der 27 Tafeln besteht aus einer kurzen Erklärung und ca. 8 aktuellen Dokumenten unterschiedlicher Art wie Fotos, CD Cover, Screenshots von Internet-Seiten, Aufklebern, Plakaten, Textauszügen, Kalender- und Katalog-Seiten usw. Im Zusammenhang ergeben die Dokumente ein erschreckendes Porträt des Neofaschismus in seiner ganzen Breite.
Ergänzend bieten Schautafeln den Besuchern die Möglichkeit, sich über die regionalen Aktivitäten der Neofaschisten zu informieren. Dieser lokale Teil der Ausstellung wurde von der VVN-BdA Aachen, dem Antifaprojekt an den Aachener Hochschulen und der Aachener Antifa-Gruppe S.P.U.N.K. erstellt.
Das "braune Haus" in Dürwiß steht zwar seit Ende 2000 leer, es gibt jedoch auch in Eschweiler keinen Grund zur Entwarnung: Jugendliche aus Eschweiler beteiligen sich an den Treffen und Aktionen der neofaschistischen 'Kameradschaft Aachener Land'. Der als Neofaschist bekannte Michael Schlee aus Eschweiler-Weisweiler betreibt seinen Copy-Shop neuerdings in der Grabenstraße. Gleichzeitig befürchten Weisweiler Bürger immer noch, ein neues "braunes Haus" könnte in ihrer Nachbarschaft entstehen. Herr Schlee soIl das bewaldete, schwer einsehbare, Grundstück gegenüber dem alten Bahnhof bereits im letzten Jahr angemietet und nicht, wie zuvor gemeldet, gekauft haben.
Am Dienstag, 16. Juli um 19.00 Uhr wird der Neonazi-Aussteiger Jörg Fischer im Eschweiler Rathaus über seine Erfahrungen referieren. Das ehemalige DVU-Mitglied Fischer ist inzwischen als freier Publizist tätig und engagiert sich seit Jahren im Kampf gegen den Neofaschismus.
(Quelle: Gemeinsam gegen Neonazis - Bürgerinitiative Eschweiler)
Eröffnungsrede von Ulrich Sander, Bundessprecher der VVN-BdA:
Die Grauzone wird immer breiter
Rechte aus der Mitte geben den Ton an
Unsere Ausstellung "Neofaschismus in der Bundesrepublik Deutschland" gibt ein erschreckendes Bild der Gefahr, mit der wir es zu tun haben, aber auch einen starken Eindruck von den Möglichkeiten, unsere Demokratie zu verteidigen. Von diesen Möglichkeiten machen Sie hier Gebrauch. Es zeigt sich dabei nicht zum ersten Mal: Eschweiler wehrt sich gegen rechts.
Gestatten Sie mir, einige Bemerkungen zu den Trägern der Ausstellung zu sagen. Denn die waren ja vor einem Jahr hier mächtig im Gespräch. Über die IG Metall muß ich nichts sagen, über die Zeitschrift "Der rechte Rand" nur, dass sie sehr verdienstvoll und inhaltsreich zu dem Thema, das uns hier beschäftigt, arbeitet. Die VVN-BdA, die ich hier als Bundessprecher vertrete, wird zumeist aus einer Position der Informationshoheit seitens des Bundesinnenministers, sprich Verfassungsschutz, geschildert. Dabei kommt sie nicht gut weg, mit den bekannten Folgen. Danach ist die VVN eine Organisation mit kommunistischer Dominanz. Man verlangt, dass wir uns von den Kommunisten distanzieren. Sich von ihnen zu distanzieren, bedeutet aber, sich vom deutschen Widerstand zu distanzieren. In ihm spielten die Arbeiterparteien eine große Rolle, darunter die Kommunisten. Ihre Verdienste zu schmälern, ist eine empörende Zumutung.
Unsere Ausstellung zeigt fast alle Facetten des Neonazismus. Glücklicherweise enthält diese Ausgabe der Ausstellung auch Informationen zum regionalen Neofaschismus, auch zu regionalen rechten, militaristischen Tendenzen. Eine Tafel der zentralen, bundesweiten Ausstellung ist der Grauzone, dem Scharnier zwischen Mitte und Rechtsaußen gewidmet. Ich möchte über diesen Aspekt unserer Ausstellung etwas mehr sagen als über die anderen, denn wir erleben sehr bedenkliche Entwicklungen auf diesem Gebiet.
Waren bisher schon häufig rechte Losungen bis in die Mitte vorgedrungen:
- ich nenne die Gestaltung des Asylrechtes nach den Formulierungsmustern der Reps,
- die Übernahme der T-Shirt-Losung der Neonazis "Ich bin stolz ein Deutscher zu sein" durch FDP- und CDU-Politiker,
- und dann die durchrasste und durchmischte Gesellschaft, die zeitweilig die Wortwahl eines heutigen Kanzlerkandidaten prägte,
so haben wir es heute mit der Enttabuierung des ultrarechten Gedankengutes aus der Mitte heraus zu tun, die quasi die Führung der Entwicklung nach rechts übernimmt:
- Da ist Möllemann Instrumentalisierung des Antisemitismus für den Wahlkampf, aber auch die Art der Distanzierung der FDP von Möllemann, die verdächtig spät kam und dann mit den Worten, man müsse doch auch die rechten Extremisten integrieren, ein Rezept lieferte, das auf die Übernahme der rechten Konzepte, nicht auf den Kampf gegen sie, hinausläuft.
- Da ist ferner Walsers Wiederbelebung des Bildes vom perfiden bösen Juden und seine Forderung nach Beendigung der Geschichtsdiskussion durch Abschaffung der "Auschwitzkeule", die angeblich die freie Diskussion behindere.
- Und da sind die nie ganz aufgearbeiteten Vorfälle des Rechtsextremismus in der Bundeswehr, die übrigens hier in der Ausstellung in diesem Rathaus mit regionalen Belegen und Beispielen überzeugend angeprangert werden, während ja ansonsten die Erörterung dieses Problems mit der letzten Bundestagswahl plötzlich abbrach. Die Bundeswehr wurde ja für den Krieg gebraucht, da durfte sie nicht länger kritisch betrachtet werden. Und dann fanden wir kurz nach dem Krieg gegen Jugoslawien Jahr in der "Information für die Truppe" in einem grundsätzlichen Aufsatz zur Geschichte der Wehrmacht, die empörende These: Vor 1941 hätte die Truppe doch nur die Auseinandersetzung mit dem Täter Stalin gekannt, erst danach habe es Auschwitz gegeben, davon habe man doch nichts wissen können – als wäre der Faschismus von 1933 bis 1941 irgendwie entschuldbar und die Kriegsvorbereitung und dann Kriegsführung Hitlers zudem die eines Verteidigungskrieges gegen den Kommunismus – gegen den ja alles erlaubt sei - gewesen.
Unsere Ausstellung – gestaltet von VVN-BdA, IG Metall und Rechtem Rand – geht über die letzte Phase des Aufstandes "der Anständigen" hinaus. Unser Aufstand geht weiter, denn Neonazismus ist keine vorübergehendes Problem und Phänomen.
Wir müssen weiter Mut machen. Wir müssen leider weiter wachsam bleiben. Und wir müssen solchen Zuständen wehren, wie wir sie erschüttert vorige Woche aus Monitor erfuhren: Da schreibt ein Mädchen aus Dortmund, das im Oktober 2000 erstmals im Leben an einer Demonstration gegen die Neonazis teilnahm und sogleich von Polizisten des Rechtsstaates verprügelt wurde, an den Ministerpräsidenten Wolfgang Clemens, um sich vertrauensvoll bei ihm über die "schlagenden Argumente" der Polizei zu beklagen. Und was tat der Ministerpräsident? Tröstete er das Mädchen, entschuldigte er sich für seine Polizei? Nein, er übergab den Brief an die Staatsanwaltschaft. Und nun ermittelt diese – nicht gegen die Polizei, sondern gegen die Schülerin.
Wir sind tief beunruhigt über dieses Verhalten von Politikern, von Polizei und Justiz. Sie tun nicht genug gegen die Rechten. Das ist noch vorsichtig ausgedrückt. Oder was soll man dazu sagen, dass all die schlimmen rechten Aussagen, die wir hier auf 27 Tafeln lesen können, vom Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe nur als "missliebige Meinungen" angesehen werden, die zu dulden seien, wenn Worch und seine Neonazi-Banditen durch unsere Städte ziehen. Wir meinen, der Faschismus ist keine nur missliebige Meinung.
Er ist überhaupt keine Meinung. Er ist ein Verbrechen. Es muß bekämpft werden. Dem – und der Wachsamkeit gegenüber den Rechtsaußensignalen aus der Mitte - soll unsere Ausstellung dienen, zu der ich Sie nun einladen möchte.
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