Viel blieb am Ende von dem Motto "Die Rechten gegen Schächten" nicht übrig, unter dem 30 Neonazis im nordrhein-westfälischen Stolberg am Sonnabend auf- marschierten. Sie nutzten eine Kundgebung vor dem Rathaus der Kleinstadt im Kreis Aachen, um gegen "Einwanderungsströme" und deren "barbarische Gebräu- che" zu hetzen. Während der anschließenden Demonstration nahm die Polizei einen Vertreter der "Kameradschaft Aachener Land" fest, der "Ruhm und Ehre der Waffen-SS" skandiert hatte. Daraufhin lösten die Sicherheitsbehörden den brau- nen Demonstrationszug auf.
Ursprünglich erwartet hatte der Anmelder der Aktion, der Ratsherr der Deutschen Volksunion (DVU) Willibert Kunkel, mindestens 150 "Mitglieder von DVU, NPD und anderen Gruppierungen". Seine eigene Partei hatte sich indes von dem Ratsmann distanziert. Laut DVU läuft derzeit gegen Kunkel ein Parteiausschlußverfahren, da der ehemalige Kreisvorsitzende mit weiteren Kreisverbänden geschlossen in die NPD eintreten wolle. Letztlich zogen am Samstag mittag an Kunkels Seite Skin- heads der "Kameradschaft Aachener Land" und Altvordere in Bundeswehrparkas durch die Stadt. Das Antifaprojekt an den Aachener Hochschulen bezeichnete das Grüppchen als "Dorftrottel", die VVN-BdA sprach von einem "elenden Haufen". Kunkel fabulierte dagegen von einem "echten Aufstand der Anständigen". Passanten würdigten den Zug mit Kopfschütteln und offener Belustigung.
Zu Protestkundgebungen gegen die Nazidemo hatten die PDS im Kreistag Aachen, örtliche Grünen-Politiker, die antifaschistische Gruppe Z und die Aachener Antifa aufgerufen. Bürgermeister Hans-Josef Siebertz (CDU) hatte sich von diesen Gegendemonstrationen distanziert und die Bürger via Regionalpresse aufgefordert: "Bleiben Sie den Veranstaltungen fern!" Ihn trieb die Sorge um, daß die Kupfer- stadt wegen "extremistischer Rivalitäten" in die Schlagzeilen geraten könnte. "Wir möchten Radikalen kein Forum bieten", so Siebertz in der Stolberger Zeitung. Dennoch beteiligten sich mehr als einhundert Menschen am Protest gegen die Rechtsextremen. Antifaschisten gelang es dabei wiederholt, den unter starkem Polizeischutz quer durch die Innenstadt führenden Aufmarsch kurz zu stoppen. Nach einer zwanzigminütigen Sitzblockade kam es wegen Verstößen gegen das Versammlungsgesetz zu 21 vorläufigen Festnahmen zwecks Identitäts- feststellung.
Der Protest der Rechtsextremisten richtete sich angeblich gegen das vom Bundesverfassungsgericht (BVerfG) in Karlsruhe Mitte Januar erlassene Schächt- Urteil. Daher sollte der Stolberger Aufmarsch ursprünglich auch durch einen Ortsteil mit hohem Immigrantenanteil führen, wo laut Kunkel die meisten Schächter leben. Bevor es dazu kommen konnte, hatte die Polizei die Nazidemo aufgelöst. Beim Schächten werden Rinder oder Schafe ohne Betäubung mit einem fachmännischen Schnitt getötet. Muslimische Metzger müssen dafür bei den Behörden eine Genehmigung einholen und begründen, warum das Schlachten nach islamischem Ritus "zwingend" notwendig für ihre Religionsausübung ist. Neonazis nutzen ihre "Kritik" am Schächten, um Ausländerhaß zu schüren.
(Michael Klarmann, junge Welt, 18. Februar 2002)
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