Quelle: UZ vom 8. September 2000 von Klaus Wagener


Bauhausausstellung in Essen
Weißwäscher


Da hängt Kandinskys "Im hellen Oval", sein weißer Punkt... Paul Klees monochromes "Stilleben mit Fragmenten", sein fragiles "Pferd und Mann"...

Bild: Dessauer Bauhaus

Die Gemälde aus den zwanziger Jahren im Zentrum des Eingangsbereiches verweisen programmatisch auf den bildnerisch-künstlerischen Aspekt der Essener Ausstellung. Bauhaus Dessau-Chicago-New York" möchte der Wirkungsgeschichte, den Lebenslinien des Bauhauses nachgehen. Die "Ablehnung und Akzeptanz des Bauhaus-Gedankens in Amerika" untersuchen. Ihren Einfluß z.B. im Werk von Rauschenberg oder Johnson zu entdecken.

Das Ergebnis ist in mehrfacher Hinsicht entäuschend. Die Ausstellung vermittelt nur sehr begrenzt einen Einblick in das, was man den "Bauhaus-Gedanken" nennen könnte. Zumal dieser Gedanke in den verschiedenen Phasen des Bauhauses ein höchst unterschiedlicher war. Auch die Breite und Form der Rezeption, die Gründe des Scheiterns, z. B. von New Bauhaus, sind in keiner Weise adäquat auch nur angerissen. Der zeitgeschichtliche Hintergrund ist ausgeblendet.
Weder vom Faschismus noch vom zweiten Weltkrieg ist irgentwie die Rede.

Die Unfähigkeit des herrschenden Kulturbetriebs zu einer soziologisch-inhaltlichen Kunstrezeption ist nun keine Neuigkeit, daran hat man sich gewöhnt. Aber eine Bauhausausstellung, die sich der Rezeptionsgeschichte des Bauhausgedenkens widmet, ohne das mit ihm zumindest phasenweise verbundene aufklärerisch-humanistische Projekt auch nur ansatzweise darzustellen, ist nicht mehr nur peinlich. Vor allem, da ja das Bauhaus gerade wegen dieses Projektes zum Objekt der politischen Kämpfe und Verfolgungen wurde, die zu Relegationen, Entlassungen und letztlich der Schließung des Hauses führten.


Progressive Ansätze abgewürgt

Schon 1924 hatte Weimar, als die Nationalkonservativen (die sich heute gern zu Verteidigern einer kanonisierten Bauhausruine aufwerfen) nach den thüringischen Wahlen endlich über die dazu erforderliche Mehrheit verfügten, das kulturbolschewistische Bauhaus "finanziell erdrosselt". Der Neubau im sozialdemokratischen Dessau erlebte unter Walter Gropius und Hannes Meyer die Hochphase seiner Geschichte. Aus Angst vor den Nazis entließ der Dessauer Stadtrat unter der ehrlosen denunziatorischen Assistenz von Kandinsky, Albers und Gropius am 1. August 1930 Hannes Meyer. Vorwand war sein politisches Engagement für die streikenden Mansfelder Kumpel und die Existenz einer kommunistischen Zelle am Bauhaus. Jetzt war man auf der schiefen Ebene, auf der es nur nach unten geht.

In bester Inquisitionsmanier verfolgten der Oberbürgermeister Hesse und der neue Direktor Ludwig Mies van der Rohe die Studierenden, die in der Studierendenzeitung gegen die Entlassung Meyers protestiert hatten. Alle Studierenden wurden entlassen, die Bauhaussatzung wurde geändert und alle mußten sich einer Neuaufnahme unterziehen. 26 verloren sofort ihren Studienplatz,
fünf ausländische Kommilitonen wurden binnen 24 Stunden ohne Begründung ausgewiesen. Von "Volksbedarf statt Luxusbedarf" (Meyer) war nun keine Rede mehr.

Mies´ Interesse galt dem reinen Kristalinen Kunstwerk. Er gestaltete harmonische, offene, glänzend proportionierte Räume und Objekte. Ausgesucht edle Materialien für eine zahlungskräftige Kundschaft. Politik war jetzt verpönt. Doch die Unterwerfungsgesten vor dem stärker werdenden Faschismus nutzten nichts. Am 22 August 1932 konnten die Dessauer Nazis bei Stimmenenthaltung der SPD (und gegen die Stimmen der KPD) die Auflösung des Bauhauses durchsetzen.

Der Epilog in Berlin war kurz. Die leerstehende Telefonfabrik in Steglitz war gerade bezogen, als die Gestapo am 12. April 1933 das Gebäude durchsuchte und natürlich "ihr" kommunistisches Material fand. Damit war das Ende besiegelt, der Protest Mies´ "daß die Schließung des Hauses fast nur national gesinnte Menschen traf" besiegelte nur den moralischen Tiefpunkt. Es blieb für jene, die es ermöglichen konnten die Emigration.

Dies alles interessiert die Essener Ausstellungsmacher herzlich wenig. Als seien alle Debatten um Neofaschismus, Zwangsarbeit und Judenvernichtung völlig an ihnen vorbei gegangen, beschränken sie sich mit bemerkenswerter Ignoranz auf die künstlerisch-formale Seite der Bauhausgeschichte.

Wes´ Brot ich ess`! Offenkundig greift dieses Prinzip auch bei den eher im fortschrittlich-demokratischen Spektrum vermuteten Folkwang-Leuten. So läßt uns denn ein Dr. Hans-Peter Keitel im Geleittext des Kataloges wissen, "die Bauhausausstellung stellt somit (...) auch ein Geschenk an uns selbst zum 125-jährigen Geburtstag dar". Gemeint ist mit "uns" die Firma Hochtief. Ausgerechnet einer der großen Profiteure des Faschismus, des Krieges und der Zwangsarbeit als Sponsor der Bauhaus-Ausstellung. In den USA ist gegen den Konzern eine 400-Millionen-Klage des Josef Tibor gegen den Konzern anhängig. Tibors Bruder George wurde auf der Baustelle einer Ölraffenerie in der Nähe von Ausschwitz 1944 von Hochtief-Angestellten erschlagen. Er war einer der unzähligen Arbeitssklaven auf deren Blut heute die Glitzerfassaden errichtet sind.

"Tue Gutes und rede darüber!" Die alte PR-Regel. Man macht sich und anderen Geschenke. Warum nicht einmal eine Ausstellung. Warum nicht Bauhaus, wo man doch ein Baukonzern ist. Alle freuen sich und sind nett miteinander. Da wird doch keiner mit so unfreundlichen Dingen wie Faschismus kommen wollen? Oder? Ob den Folkwang-Leuten eigentlich klar ist, auf welche makaber-verlogene Sache sie sich da eingelassen haben?

Klaus Wagener



Ausstellung: Bauhaus Dessau - Chikago - New York. Museum Folkwang, Essen. geöffnet bis 12.November 2000



Bild: Dessauer Bauhaus

Das Bauhaus
in Dessau,

Aufnahme von
Walter Gropius,
1925/1926