junge Welt Inland

17.11.1997
Bund der Antifaschisten blockte Diskussionen ab
Konferenz vermied Streit um Antifa-Workcamp in Buchenwald

Eigentlich war die Delegiertenkonferenz des Bundes der Antifaschisten (BdA) am vergangenen Sonnabend in der Berliner Humboldt-Universität zusammengekommen, um per »politischer Willenserklärung« ihrem Wunsch nach Zusammenschluß mit der Interessenvereinigung der Verfolgten des Naziregimes (IVVdN) zu dokumentieren. Eine Auseinandersetzung über das Wie und Wozu der Vereinigung der zwei großen antifaschistischen Verbände auf dem Boden der ehemaligen DDR war dabei ebenso wenig vorgesehen wie eine grundlegende Diskussion über Inhalte und Erfordernisse heutiger antifaschistischer Politik. Wie gering die Bereitschaft zu diesem nötigen Gedankenaustausch war, zeigte sich am Umgang mit dem Jugendverband R.O.T.K.Ä.P.C.H.E.N., der dem Bund der Antifaschisten (BdA) nahesteht.

Die Jugendlichen sind dabei, zusammen mit dem BdA Sachsen-Anhalt, ihr nächstes Antifa-Jugendworkcamp in der Gedenkstätte Buchenwald zu organisieren. Dabei werden ihnen jedoch zunehmend Steine in den Weg gelegt. Kamen die Angriffe bislang von der Gedenkstättenleitung, der Weimarer Stadtverwaltung und dem Staatsschutz, sieht sich der Jugendverband jetzt auch mit Anwürfen aus den eigenen Reihen konfrontiert. Teile des BdA-Landesvorstandes Thüringen um den Vorsitzenden Hans Koch haben ihrerseits ein eigenes Workcamp angemeldet und von der Gedenkstättenleitung auch just für den eigentlich von R.O.T.K.Ä.P.C.H.E.N. vorgesehenen Zeitraum bewilligt bekommen.

Wurde die dezente Erwähnung des skandalösen Sachverhalts durch R.O.T.K.Ä.P.C.H.E.N. von den Delegierten der Konferenz noch mit höflicher Nichtbeachtung quittiert, platzten einigen die Kragen, als ein BdA-Vertreter der Berliner Ortsgruppe Prenzlauer Berg die Angelegenheit in prononcierterer Form zur Sprache brachte. Er warf Teilen des Thüringer Landesvorstandes Sabotage antifaschistischer Jugendarbeit vor. Buchenwald sei nun nicht mehr nur eine Stätte, an der deutsche faschistische Geschichte dargestellt werde, in Buchenwald werde nunmehr auch Geschichte gemacht. Die wegen DKP-nähe erfolgte Entlassung von Ulrich Schneider als Leiter der zur zentralen BRD- Gedenkstätte auserkorenen Einrichtung zugunsten von Volkhard Knigge, das Arbeitsverbot für R.O.T.K.Ä.P.C.H.E.N. in der Gedenkstätte und die Gleichsetzung des nach dem Zweiten Weltkrieg eingerichteten sowjetischen Internierungslagers für deutsche Kriegsverbrecher auf dem Gelände der Gedenkstätte mit dem faschistischen Konzentrationslager seien Wendemarken der revisionistischen Umgestaltung Buchenwalds. Mit Verweis auf das Überschreiten der Redezeit wurde er unterbrochen und eine Diskussion zur Sache abgelehnt.

Ähnlich wurde mit einem Antrag verfahren, der die Jahre 1989/90 und das Ende der DDR weniger als vertane Chance für die Durchsetzung politischer Menschenrechte sah, sondern eher als Wendepunkt, der dem Ausbruch eines undemokratischen und antihumanistischen Ungeistes Vorschub leistete. Auch hier fand eine Auseinandersetzung nicht statt. Der Antrag wurde ohne Diskussion niedergestimmt.

Daß es den großen antifaschistischen Traditionsverbänden durchaus gut ansteht, wenn sie sich mit aktueller antifaschistischer Politik auseinandersetzen, zeigte Peter Gingold. Als Mitglied des westdeutschen Antifa-Verbandes, in dem alte und junge Antifaschisten zusammengeschlossen sind, plädierte er selbstverständlich für eine enge Zusammenarbeit zwischen allen drei großen Organisationen, durchaus mit der Perspektive auf eine einige, mächtige, bundesweite Antifa-Organisation, wie sie den Delegierten des Kongresses vorzuschweben scheint. Das hinderte ihn jedoch keineswegs, sich der Auseinandersetzung mit den aktuellen Erfordernissen an antifaschistische Politik zu stellen. In aller Kürze und Klarheit bestimmte Peter Gingold als ein gegenwärtiges Ziel der Herrschenden, bei der Bevölkerung der BRD eine deutsch-nationale Identität als ideologische Flankierung ihrer Standortpolitik des Sozialabbaus zu stiften. Die Antifa stehe dem im Weg und werde daher mit allen Mitteln zu diskreditieren versucht. Ein Ausdruck dieser Bemühungen sei, die Antifa mit Nazis auf eine Stufe zu stellen, wie dies mit dem Verbot von antifaschistischen Kundgebungen derzeit versucht werde.

Christoph Laubscher

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