Quelle: BdA - Die PrenzlbergerInnen/Prenzlberger Zündschnüre Oktober 1998

Sind AntifaschistInnen in der KZ- Gedenkstätte Buchenwald unerwünscht?

Bereits neun Jahre in Folge treffen sich antifaschistisch motivierte Leute, um in Weimar bzw. Buchenwald ein Antifa- Workcamp durchzuführen. Waren es anfangs nur etwa eine Hand voll, so machten in den letzten Jahren über 200 Antifas aus dem gesamten Bundesgebiet und dem benachbarten Ausland mit. Das Camp, inklusive aktuell- politischer Veranstaltungen, Konzerten, Führungen durch das KZ- Gelände sowie Unterbringung, Verpflegung und Wache wird eigenverantwortlich durch das Gesamtplenum organisiert.

Bild: Antifaschistische Jugendliche in Buchenwald unerwünscht?

Seit 1997 besteht in der KZ- Gedenkstätte Buchenwald ein Arbeitsverbot für TeilnehmerInnen der Antifa- Workcamps. Die von Gedenkstättenleiter Dr. Knigge verhängte Maßnahme bewirkt, daß antifaschistisch eingestellte Menschen von der Gedenkstätte ferngehalten werden und dringend erforderliche Arbeiten nicht erledigt werden können.
Wir, die TeilnehmerInnen des 10. Antifa- Workcamps Buchenwald, protestieren entschieden gegen das Verbot, auf dem Gedenkstättengelände tätig zu werden. Die Argumentation der Gedenkstättenleitung entbehrt jeder Grundlage.
1. Argument: Die große Zahl der WorkcampteilnehmerInnen ist "pädagogisch nicht sinnvoll zu betreuen".
Dazu ist zu sagen, daß die "pädagogische Betreuung" der Workcamps von Anfang an von den Camp- OrganisatorInnen selbst geleistet wurde. Alle TeilnehmerInnen nehmen an mehrstündigen Gedenkstättenführungen mit sachkundigen BegleiterInnen teil. Im Rahmenprogramm finden Veranstaltungen mit ehemaligen KZ- Häftlingen statt, grundsätzliche Probleme der deutschen Geschichte wie Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus werden behandelt. Von mangelnder Betreuung kann also nicht die Rede sein.
2. Argument: Die WorkcampteilnehmerInnen sind "nicht qualifiziert genug" für Ausgrabungen und Bauarbeiten. Unkraut hacken oder Müll sammeln ist dagegen "unter ihrer Würde" und deshalb ebenfalls verboten.
Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben gezeigt, daß alle Praxisprojekte der Workcamps sorgfältig und fachlich akzeptabel ausgeführt wurden. An den Camps nehmen ausgebildete HandwerkerInnen teil, die ihr Wissen weiter vermitteln.
CampteilnehmerInnen haben ohne Beanstandung am Bahnhof, im "Häftlingskrankenbau", im "kleinen Lager", am "Pferdestall" und an anderen Objekten Ausgrabungen und Sicherungsmaßnahmen durchgeführt, Fundstücke wurden gesammelt und dem Gedenkstättenpersonal übergeben. In diesem Jahr legten wir im Rahmen einer Geschichtsaktion der Stadt Weimar ca. 400 m des Bahndamms der Buchenwaldbahn frei. Dabei wurden Maschinen eingesetzt und Transporte selbst organisiert. Fehlende Qualifikation kann den Workcamps nicht vorgeworfen werden.
Ein Rundgang über das Gelände zeigt, daß es die Gedenkstättenleitung in puncto "Qualifikation" ansonsten nicht so genau nimmt. So lagern z.B. im Bereich der "Fleckfieberversuchsstation" seit Jahren unsachgemäß abgedeckte Barackenteile im Freien, verstreute Fundstücke bedecken den Boden. An der Latrine im "kleinen Lager" wurden zaghafte Maurerarbeiten durchgeführt, die notwendige Abdeckung der zerbrechenden Fundamentplatte unterblieb.
Das Angebot der Workcamp- TeilnehmerInnen, durch Unkrauthacken und Müllsammeln an der Erhaltung der Gedenkstätte mitzuwirken, wurde vom Plenum getroffen, nachdem alles andere verboten worden war.
Die "Würdelosigkeit" des Unkrauthackens zu proklamieren ist eine Frechheit gegenüber den ABM- Kräften, die in der Gedenkstätte Tag für Tag dieser Tätigkeitnachgehen.
3. Argument: Auf dem Gedenkstättengelände besteht "kein Bedarf" an Praxisprojekten des Workcamps.
Rundgang beweist es: das nordwestliche Hauptlager, das "kleine Lager" und der "Häftlingskrankenbau" verfallen....Im nördlichen Hauptlager brechen ungeschützte Barackenfundamente auseinander. Im "kleinen Lager" sind fast alle Fundamente überwachsen, Betonteile zerfallen ebenso wie Treppen und Straßen. Die erst vor wenigen Jahren freigelegte Latrine ist ohne Überdachung der Witterung Verfall des "kleinen Lagers" 1998 ausgesetzt. Der teilweise freigelegte und nun wieder abgedeckte "Kinderblock" zeigt die Konzeptionslosigkeit der Gedenkstättenleitung in diesem Bereich des ehemaligen Konzentrationslagers.
Trostlos auch der Zustand des "Häftlingskrankenbauses", wo Mauern brechen, Ziegel bröseln und "Gras über die Sache wächst".
Offenbar hat die Gedenkstättenleitung diesen Teil des Lagers aufgegeben. Wir sind der Meinung, daß durchaus Bedarf besteht, den Verfall aufzuhalten und seine Geschichte weiter zu erforschen. Hier hatte die illegale Lagerorganisation eine Basis, wurden Häftlinge versteckt und medizinisch versorgt; hier zeigte sich die Grausamkeit der deutschen "Herrenmenschen" am deutlichsten.

    Bild: Verfallene Lagerstr. in KZ Buchenwald

GEGEN DAS VERBOT !

Bei genauer Betrachtung entpuppt sich die Argumention der Gedenkstttenleitung als haltlos. Sie erklärt nicht, warum das Angebot von über 100 AntifaschistInnen, sich eine Woche lang selbstbestimmt auf dem Gelände einzubringen, angesichts von Mittelknappheit und Verfall abgelehnt wird. So müssen die Ursachen für das Arbeitsverbot woanders gesucht werden.

Es liegt nah zu vermuten, daß durch die Maßnahme antifaschistische KritikerInnen der Umgestaltung der KZ- Gedenkstätte vom Ort des Geschehens fern gehalten werden sollen. Mit dieser Umgestaltung, die von Organisationen der ehemaligen KZ- Häftlinge ebenso heftig kritisiert wird wie von den Antifa- Workcamps, soll Auschwitz relativiert und die neurechte These von den Deutschen als Opfer zweier Diktaturen etabliert werden. Seit Beginn der Kampagne hat sich in Buchenwald unter der Leitung von Direktor Dr. Knigge viel verändert: aus der neukonzipierten Hauptausstellung wurden Selbstbefreiung und die Aktivitäten der illegalen kommunistischen Häftlingsorganisation getilgt, auf dem Gedenkstättengelände entstand ein Friedhof für die unbekannten Opfer des "Speziallager II" und ein Museumsneubau, in dem das Andenken an deutsche Täter gepflegt wird.
In Planung ist eine Dauerausstellung zum Thema "2. Diktatur". Die Anti- DDR- Show wird im ehemaligen Toilettengebäude direkt neben der Hauptausstellung eingerichtet. Gleichzeitig wurden Wege, Toranlagen und andere SS- Gebäude in diesem östlichen Lagerbereich sorgfältig instandgesetzt. Zukünftige BesucherInnen könnten angesichts solch geballter Geschichtsrevision das eigentliche Konzentrationslager links liegen lassen und sich auf Dr. Knigges "2 Diktaturen- Rundgang" begeben, an dessen Schluß die Gräber deutscher Gefangener des alliierten Internierungslagers unter sowjetischer Verwaltung stehen. 80 % von ihnen waren Nazis.

Die wahren Opfer werden unsichtbar gemacht !

Als aktive AntifaschistInnen können wir, die TeilnehmerInnen des Antifa- Workcamps, diese Politik nur ablehnen. Unser Bezug zur Gedenkstätte Buchenwald sind Menschen aus der ganzen Welt, die von den Nazis hierher verschleppt und gequält wurden. Unser Interesse gilt den Orten, an denen sie Widerstand leisteten, lebten und starben.
Keine Gedenkstättenleitung kann Eigentümerin der kollektiven Erinnerung sein und sich im Alleinbesitz der Geschichte befinden. An einem Ort wie Buchenwald müssen AntifaschistInnen gehört werden.
Unser Vorschlag für ein Praxisprojekt liegt vor. Wir fordern die Gedenkstättenleitung auf, das Arbeitsverbot für das Antifa- Workcamp 1999 aufzuheben.

Oktober 1998

UnterstützerInnen bitten wir, schriftlich oder telefonisch bei der Gedenkstättenleitung gegen den Ausschluß des Workcamps vom Gedenkstättengelände zu protestieren.

Gedenkstätte Buchenwald
Direktor Dr. Knigge,
99 427 Weimar/ Buchenwald
Tel/ (Fax): 03643/ 4300 (430100)

Bild: Logo des Antifa Workcamps