|
Quelle: BdA - Die PrenzlbergerInnen/Prenzlberger Zündschnüre Oktober 1998
Demokratische Freiheit für Feinde der Demokratie?
Seit langem schützen Polizei und Justiz immer wieder rechtsextreme
Veranstaltungen vor Gegenaktionen von Antifaschisten. Das wird damit
begründet, da nicht verbotene Parteien, Bewegungen und Medien im Rahmen
der Demokratie Versammlungs-, Demonstrations- und Pressefreiheit haben
müßten. Das wirft erstens die Frage auf, warum deren
Machenschaften nicht verboten werden, obgleich sie gegen das Grundgesetz,
das Völkerrecht und die Prinzipien der Vereinten Nationen
verstoßen. Zweitens muß gefragt werden, was unter Demokratie
verstanden wird, die solche Verbote nicht zulasse. Die Beantwortung der
zweiten Frage erscheint um so wichtiger, als meines Erachtens Unklarheiten
über den Demokratiebegriff auch bei vielen Antifaschisten vorherrschen.
Eine breite Diskussion darüber ist erforderlich, denn wir Antifaschisten
Können nicht nur "anti" sein. Es reicht nicht aus, gegen
Ausländerfeindlichkeit, Rassismus, Nationalismus, Militarismus etc.
aufzutreten. All diese, aus dem Schoße der gegenwärtigen
Gesellschaft entspringenden "Ideologien", hängen mit der
Überzeugung zusammen, daß eine alternative, demokratische,
freiheitliche, humanistische Gesellschaftsordnung nicht erreichbar sei.
Diesen Zweifel müssen wir überwinden und zwar ohne irreale
Träumer oder Schönredner zu werden. Denn ohne die
Überzeugung, daß unser Wirken ein erstrebenswertes und
erreichbares Ziel hat, geht uns auf die Dauer die Kraft aus, die notwendig
ist, es zu erreichen. Was ist Demokratie? Wie ist sie mit den genannten
anderen Zielen des
Antifaschismus verbunden? Häufig wird unter Demokratie nur eine solche
Staatsform verstanden, die aus Parteienvielfalt, Gewaltenteilung,
Demonstrationsrecht, Schutz der persönlichen und Pressefreiheit usw.
besteht. All dies wird als Errungenschaft der Zivilisation bezeichnet - und
das ist unbestreitbar richtig. Die Demokratie entstand in der Entwicklung des
Kapitalismus. Diese Errungenschaft muß über den Kapitalismus hinaus
erhalten, erweitert und für die Mehrheit der Menschen nutzbar gemacht
werden. Demokratie ist kein einmal und schon überhaupt nicht in unserer
Gegenwart- vollendeter Zustand, sondern eine täglich zu erkämpfende
Bewegung.
Das Wort Demokratie ist aus den griechischen Wörtern demos (Volk) und
kratia (Herrschaft) abgeleitet. Eine vollständige Volksherrschaft kann
es nicht geben; denn wenn das ganze Volk herrschen würde, gäbe es
keine Beherrschten mehr. Aus der Herrschaft würde eine Selbstverwaltung
der Gesellschaft. Die Annäherung an dieses utopische Ziel hat die
Menschheit in verschiedenen Stufen zurückgelegt und dabei auch schwere
Rückschläge erlitten. Gegenüber den antiken
Ein-Mann-Diktaturen war die Demokratie der Sklavenhalter ein Fortschritt,
auch wenn die Mehrheit des Volkes weiter unterdrückt blieb.
Gegenüber den mittelalterlichen Monarchien war die Herrschaft der
Bourgeoisie in den bereits genannten Formen ein Fortschritt, wenn sie auch
weiterhin de facto die Herrschaft einer Minderheit über die Mehrheit
verwirklichte. Denn unter den Losungen: Freiheit, Gleichheit und
Brüderlichkeit vermehrt diese Politik den Reichtum einer immer kleiner
werdenden Minderheit gegenüber der Armut in einer immer größer
werdenden Mehrheit. Das ist die im Namen der Demokratie verschleierte
Unterdrückung. Die Alternative besteht darin, daß die Mehrheit die
Minderheit, die sich ihr widersetzt, unterdrückt. Es geht also letztendlich
um die Demokratisierung der Demokratie.
Eines der schwierigsten Probleme der Gegenwart besteht darin, ob die von der
Bourgeoisie geschaffenen Formen des Staates und der Gesellschaft
Möglichkeiten in sich bergen, die Herrschaft einer Minderheit in die
Herrschaft einer Mehrheit umzuwandeln. Das Monopolkapital befürchtet das
und bemüht sich daher, die bürgerlichen "Freiheiten", so relativ
sie auch sind, zu beschränken und zu unterlaufen. Das schließt die
Tendenz zu immer offeneren Formen einer Diktatur mit ein.
Wir als Antifaschisten müssen uns dagegen Bemühen, diese
"Freiheiten" zum Erreichen der Herrschaft der Mehrheit über die
Minderheit zu erweitern. Das impliziert naturgemäß die politische
Unterdrückung aller derjenigen ein, die sich diesem Prinzip widersetzen.
Für sie darf es keine "Freiheit" zur Unterdrückung des
Mehrheitswillens geben, kein Recht zur "öffentlichen Propagierung
von Ausländerfeindlichkeit, Rassismus, Völkerhass, Militarismus und
anderer demagogischer Lügen.
Demokratie und demokratische "Spielregeln" gelten nicht für Neonazis und
ihre offenen und heimlichen Sympathisanten. Wer meint, demokratische
Freiheiten auch denen gegenüber anwenden zu müssen, die diese durch
faschistische Strukturen abschaffen wollen, stellt sich objektiv an ihre
Seite.
PAUL
|