junge Welt Interview

26.10.1999
Entwickelt sich eine VVN-Jugend?
jW sprach mit Olaf Baier von der VVN-Jugend Ortenau

(Mitorganisator des 1. Antifaschistischen Bundeskongresses von VVN-Jugend und R.O.T.K.Ä.P.C.H.E.N)

F: Am kommenden Wochenende findet in Niederkaufungen der erste antifaschistische Bundeskongreß Jugendlicher in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) und von R.O.T.K.Ä.P.C.H.E.N. statt. Wie ist die Resonanz auf den Kongreß?

Erstaunlich groß. Wir gingen ursprünglich von 40 bis 50 Teilnehmern aus. Inzwischen sind es fast 70. Wir können keine weiteren Anmeldungen mehr annehmen, weil der Platz nicht ausreicht. Hauptsächlich haben sich Leute von der VVN-Jugend und von R.O.T.K.Ä.P.C.H.E.N. - also Jugendliche, die in und bei den Organisationen ehemaliger Widerstandskämpfer aus Ost und West arbeiten - angemeldet. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen über die VVN-Jugend flächendeckend aus dem Westen, ebenso über R.O.T.K.Ä.P.C.H.E.N. aus dem Osten.

F: Welche politischen Schwerpunkte wird es auf dem Kongreß geben?

Zum einen geht es um unsere bundesweite Vernetzung und Zusammenarbeit. Deshalb haben wir zu diesem Kongreß bewußt keine anderen Organisationen angesprochen und eingeladen. Es geht uns darum, daß sich Jugendliche in den Organisationen zusammenfinden, die in der Tradition des Schwures von Buchenwald stehen.

Auf dem Kongreß wird es ein Einleitungsreferat von Peter Gingold, Bundessprecher der VVN-BdA, geben. Er wird darauf eingehen, warum es wichtig ist, daß die Organisationen ehemaliger Widerstandskämpfer weiterarbeiten - auch wenn es einmal keine Überlebenden mehr geben wird.

Ein weitere Schwerpunkt wird der Frauenwiderstand sein. Dazu haben wir die Widerstandskämpferin Irmgard Konrad aus Berlin eingeladen. Als weiteren Gast werden wir zu dem Thema »Spanienkrieg - Zweiter Weltkrieg - Jugoslawien-Krieg ...« den Spanienkämpfer Helmut Huber auf dem Kongreß haben. Wir wollen außerdem auf dem Kongreß eine Resolution für Mumia Abu-Jamal verabschieden und werden den Kongreß nutzen, um für die Demonstration für Mumia am 13. November in Kaiserslautern zu mobilisieren.

F: Vor einiger Zeit hat es von der VVN-BdA als Organisation ehemaliger Widerstandskämpfer einen Appell an die Jugend gegeben, sich einzureihen in die VVN-BdA und ihren Kampf fortzuführen. Ist der Bundeskongreß auch ein Ergebnis dieses Appells?

Der Appell spielt sicherlich eine große Rolle. Er hat bei uns einiges ausgelöst und uns Mut gemacht, in seinem Sinne weiter an Jugendstrukturen innerhalb der VVN-BdA zu arbeiten. Aber die Idee, eine VVN-Jugend aufzubauen, ist schon älter. Hier, wo ich wohne, in Ortenau, gibt es seit 1994 eine Jugendgruppe in der VVN.

F: Warum meinen Sie, daß es notwendig ist, Jugendliche in den Reihen der antifaschistischen Widerstandskämpfer zu organisieren?

So wie es auch im Appell an die Jugend formuliert ist, sind die VVN und die Organisationen, die sich auf den Schwur von Buchenwald berufen, der organisierte Ausdruck des kollektiven Gedächtnisses an Widerstand und Verfolgung. Es ist sehr wichtig, daß Jugendliche den direkten Kontakt zu den Widerstandskämpfern haben, damit sie und ihre Erfahrungen niemals in Vergessenheit geraten.

F: Wo gibt es bisher Ansätze von Jugendlichen, in den Reihen der Organisationen ehemaliger Widerstandskämpfer mitzuarbeiten, und wie sind dort die Erfahrungen der Zusammenarbeit alter und junger Antifaschisten?

Genau das wollen wir auf dem Kongreß feststellen. Bisher gibt es vor allem einzelne Jugendliche, die in den Strukturen arbeiten. Aber es gibt wenig organisierte Jugendgruppen. Vor Ort sind die Bedingungen für Jugendliche oft nicht einfach. Die Leute in der VVN sind häufig sehr alt, treffen sich nicht überall regelmäßig. Ein paar Voraussetzungen müssen noch geschaffen werden, damit die Arbeit auch für Jugendliche attraktiv wird. Die älteren Mitglieder der VVN haben oft wenig Erfahrung mit Jugendarbeit. Einerseits wollen sie Kontakt zu Jugendlichen, andererseits - wenn dann Jugendliche da sind - haben sie immer ein bißchen Angst, etwas falsch zu machen. Die Jugendlichen haben oft ihre Probleme mit Umgangsformen in der VVN, mit der Sprache oder zum Beispiel mit der Anrede »Kameradinnen und Kameraden«. Das sind aber alles eher Formsachen, inhaltlich gibt es wenig Probleme.

F: Was sind Probleme bei der Organisation eures Kongresses?

Ein Hauptproblem ist die Finanzierung des Kongresses. Als VVN-Jugend haben wir noch keine Kasse. Wir sind deshalb auf Spenden angewiesen. Wir haben den Veranstaltungsort Kommune Niederkaufungen bewußt gewählt. Wir wollen mit diesem Ort weg von der Vereinzelung hin zu einem kollektiven und öffentlichen Handeln.

Interview: Wera Richter

*** VVN/BdA-Jugend, Konto Nr.: 543773600, Postbank Frankfurt/M, BLZ: 50010060, Stichwort: Jugendkongreß

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