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*** Italien wird 1968/69 mit einem in Westeuropa überwunden geglaubten
militanten Kampf der Arbeit gegen das Kapital konfrontiert: Er beginnt
mit Streiks und Straßenschlachten und endet mit Entführungen und
Bombenanschlägen. Dazwischen liegen Erfolge der Arbeiterklasse im
Kampf um Löhne und Rechte am Arbeitsplatz, Volksabstimmungen über
Ehescheidung und Abtreibung, internationale Aufmerksamkeit für
Berlinguers Eurokommunismus, die Wählerstimmen für die KPI stiegen auf
fast 34 Prozent (1976), sowie ein erdrutschartiger Machtverlust der
katholischen Kirche und des christdemokratischen Regimes.
Das ist der Hintergrund für die folgende Geschichte über die Gründung
der Roten Brigaden in Italien im August 1970. So wie die RAF in der
Bundesrepublik organisierten die Brigaden in Italien den bewaffneten
Kampf gegen das versteinerte kapitalistische Machtsystem. jW-Autor
Gerhard Feldbauer, der soeben bei PapyRossa sein jüngstes Buch
»Agenten, Bomben, Staatskomplott. Der Mord an Aldo Moro, Rote Brigaden
und CIA« vorgelegt hat, erinnert an den heißen Herbst und die
»bleiernen Jahre« in Italien. ***
Nicht ein paar Dutzend Kämpfer wie in Deutschland, sondern zwischen 7
000 und 11 000 Menschen haben in Italien in den siebziger Jahren den
bewaffneten Kampf praktiziert (Primo Moroni 1994, Die Beute). Nicht
wenige von ihnen kamen aus der IKP, waren Söhne und Enkel von
Kommunisten und Kämpfern der Resistenza. Im Gegensatz zur RAF
verfügten die Brigate Rosse und andere linksradikale Organisationen in
Italien über eine Basis bei den Industriearbeitern. Davon zeugt, daß
die zum linksradikalen Spektrum zählende Democrazia Proletaria, als
sie nach Einstellung des bewaffneten Kampfes 1976 sich an den
Parlamentswahlen beteiligte, 1,5 Prozent der Stimmen erreichte. Das
entspricht etwa einer halben Million Wähler.
Wie die Partisanen
Für den Namen Brigate Rosse entschieden sich die Initiatoren erst
einige Wochen nach der Gründungsversammlung in Pecorile im August
1970. Mit der Bezeichnung Brigaden wollten sie, wie Renato Curcio in
einem Interviewbuch von Mario Scialoja (»Mit offenem Blick«,
ID-Verlag, Berlin 1997) erklärt, an die Struktur der Partisanen
anknüpfen. Die Farbe »rot« entnahmen sie nicht, wie allgemein
angenommen, aus den Fahnen der Arbeiterklasse, sondern von der RAF.
Mara Cagol, Curcios Frau, begründete das damit, daß »die Befreiung von
Andreas Baader durch die Genossen der RAF, der Rote- Armee-Fraktion,
die erste Stadtguerillaaktion in Europa« gewesen sei. »Armee« hielt
man für »etwas übertrieben«, aber »Rote Brigaden« fand man in Ordnung.
Der fünfzackige Stern im Kreis bildete laut Curcio den »schiefen Stern
der Tupamaros« nach.
In bürgerlichen Darstellungen über die Brigate Rosse (BR) herrscht in
der Bundesrepublik eine eingeengte Sicht vor. Vor allem werden die
sozialen Wurzeln und die politischen Ursachen (neofaschistische Gefahr
und mit dieser liierte staatliche Repression) als Triebkräfte negiert.
Herausragend zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang das von den
Neofaschisten als Auftakt der sogenannten Spannungsstrategie im
Dezember 1969 in der Mailänder Landwirtschaftsbank auf der Piazza
Fentana angerichtete Blutbad (16 Tote, fast 100 Verletzte). Jahrelang
wurden unschuldige Anarchisten und andere Linke als angebliche Täter
verfolgt. Das provozierte maßgeblich den Widerstand gegen den
Repressionsapparat des herrschenden Regimes und eine Stimmung des »mit
gleicher Münze Heimzahlens«.
Soziale Motive
In Italien war die soziale Lage eine unvergleichlich stärker wirkende
Triebkraft des Linksradikalismus als nördlich der Alpen. Radikale
Forderungen fanden unter den von Krisenauswirkungen besonders
betroffenen Bevölkerungsschichten - Arbeitslose, Akademiker,
perspektivlose Jugendliche, Studenten - Anklang. Unter den zwei
Millionen Arbeitslosen der siebziger Jahre befanden sich 350 000 mit
Hochschulabschluß. Dennoch nahmen Zehntausende weiterhin ein Studium
auf. Die Universitäten wurden so zu »Parkplätzen« für Arbeitslose und
gleichzeitig auch zu Zentren linksradikaler Aktivitäten.
Bürgerliche Darstellungen differenzieren auch nicht zwischen der
politischen Linie der Brigate Rosse (BR) unter der Führung von Renato
Curcio und Alberto Franceschini bis 1974/75 und der folgenden unter
Mario Moretti. Mit den Gründerchefs Curcio und Franceschini an der
Spitze orientierten sich die BR in ihrer Anfangsphase auf die
Arbeiterbewegung. Sie artikulierten sich als eine radikale
Organisation, die Arbeiterinteressen wahrnehmen werde, und lehnten
politische Morde als Methode des bewaffneten Kampfes generell ab.
Das ändert sich schlagartig, als Moretti nach der Verhaftung Curcios
und Franceschinis die Führung der Brigaden übernimmt. Es beginnen die
»bleiernen Jahre«, die blutige Etappe der BR. Langjährige
Untersuchungen in Italien, unter anderem durch eine
Parlamentskommission, haben inzwischen bewiesen, daß V-Leute und
Agenten der Polizei und Geheimdienste im Rahmen der von der CIA
organisierten Spannungsstrategie die BR, wie andere linksradikale
Organisationen auch, infiltriert hatten und ihre bewaffneten Aktionen
systematisch anheizten.
Die programmatischen Grundsätze der BR entsprangen in der
Gründungsphase dem ungestümen Aufbegehren einer jungen Generation.
Diese stellte sich gegen den, als historischen Kompromiß bezeichneten,
reformistischen und auf eine Klassenzusammenarbeit mit der Bourgeoisie
ausgerichteten Kurs der IKP und beanspruchte für sich die Rolle der
Avantgarde der Arbeiterklasse. Indem die IKP klassenkämpferische
Positionen aufgab, um koalitionsfähig zu werden, begünstigte sie
linksradikale Tendenzen.
In der Anfangsphase der BR gab es marxistische Ansätze, die von
Antonio Gramsci ausgingen. Aber auch Ideen des Mitbegründers der IKP
(1921) Amadeo Bordiga, der zum Linkssektierertum neigte, beeinflußten
die Gründergeneration. Renato Curcio und Mauro Rostagno verfaßten 1968
als Studenten der Soziologischen Fakultät der Universität von Trentino
die Schrift »Fuori dei Denti« (Offen gesagt), in der sie sich
grundsätzlich zur Studentenbewegung und zur Strategie der neuen Linken
in Italien äußerten. Sie wiesen die Losung »Fascisti, Borghesi, ancora
pochi mesi« (Faschisten, Bourgeois, ihr habt nur noch wenige Monate)
entschieden zurück und wandten sich überhaupt gegen »Abenteurertum« in
jeglicher Form. »Das ist kein revolutionärer, sondern ein
vorrevolutionärer Moment. Daher muß gesagt werden, daß es
Abenteurertum entspricht, die Massen glauben zu machen, daß die
Machtübernahme eine leichte und schnelle Angelegenheit ist. Es muß im
Gegenteil betont werden: Es wird ein schwieriger und langwieriger
Prozeß sein.«
Die Gründungsentschließung des Politischen Großstadtkollektivs zielte
darauf, »die vielen sozialen Einpunktkämpfe in einen homogenen
sozialen Kampf zu transformieren«. Auf einem Kongreß in Chiayara bei
Genua im Dezember 1969 ging Curcio von Gramscis Begriff des
»Stellungskrieges« als einer langen Periode von Klassenkämpfen aus, in
der die Revolution nicht auf der Tagesordnung steht, und erklärte, es
gehe daher »nicht so sehr darum, sofort zu siegen und alles zu
erobern, sondern in einem lang dauernden Kampf zu wachsen und die
mächtigen Hindernisse, welche die Bewegung auf ihrem Weg antrifft,
dazu zu benutzen, den Sprung von einer spontanen Massenbewegung zu
einer organisierten, revolutionären Bewegung zu schaffen«.
Es gelang den Gruppen des Großstadtkollektivs, bei FIAT, Pirelli, Sit
Siemens und in weiteren Betrieben Zellen zu bilden und als Wortführer
des radikalsten Teils der Arbeiter aufzutreten. Versammlungen, welche
die Brigate Rosse in Arbeitervierteln von Mailand, Turin, Genua und
anderen Städten organisierten, fanden beträchtlichen Zulauf. Insgesamt
schafften es die BR jedoch nicht, ein dem Reifegrad und den
Kampfbedingungen der italienischen Arbeiterbewegung entsprechendes
revolutionäres Programm auszuarbeiten. Das war nicht unwesentlich auf
den damaligen Einfluß der von Mao Zedong geprägten Ideologie der KP
Chinas zurückzuführen und später vor allem auf den pseudorevolutionär
getarnten Einfluß von Geheimdienstagenten.
Spitzel verprügelt
Die Gründergeneration praktizierte die sogenannte bewaffnete
Propaganda. Das waren Aktionen zur Einschüchterung der Konzernmanager
und gleichzeitig zur Unterstützung der sozialen Kämpfe der Arbeiter,
vor allem ihrer Tarifforderungen. Es wurden Brandsätze geworfen und
Fahrzeuge angezündet; das Wirken der neofaschistischen, im Dienst der
Unternehmer stehenden Gewerkschaft CISNAL und ihrer Unternehmerspitzel
entlarvt und diese oft auch verprügelt. Die Brigate Rosse forderten
die Auflösung der privaten Werkspolizei, organisierten Sabotage im
Produktionsprozeß, verlangten die Aufhebung des mörderischen
Akkordtempos und führten viele ähnliche Aktionen durch. Später gingen
sie dazu über, Personen, auch aus dem Repressionsapparat der Justiz,
zu entführen, die sie in der Etappe unter Curcio und Franceschini nach
einiger Zeit wieder freiließen.
Die »bewaffnete Propaganda« tritt zum ersten Mal am 17. September 1970
aktiv in Erscheinung, als sie den Pkw des Siemens-Managers Giuseppe
Leoni in Mailand anzündet. Anschließend wird eine Liste mit Namen der
»Spitzel der Padroni« verteilt. Es folgen Brandanschläge auf die Autos
des Sicherheitschefs und des Personalchefs von Pirelli in Mailand und
auf acht Lkw des Konzerns. Am 3. März 1971 wird der verhaßte Direktor
für Arbeitsorganisation und Verantwortliche für die Geschwindigkeit
der Fließbänder, Idalgo Macchiarini, entführt. Er wird 20 Minuten
festgehalten und mit einem Schild auf der Brust fotografiert, auf dem
steht: »Zuschlagen und abhauen! Nichts wird ungestraft bleiben! Einen
treffen, um hundert zu erziehen!« Auf einem Flugblatt wird Macchiarini
der Kollaboration mit den Neofaschisten angeklagt. Die Entführung löst
bei den Pirelli-Arbeitern wahre Begeisterungsstürme aus, wird aber von
einer Repressionswelle begleitet.
Auf das Paktieren der Democrazia Cristiana mit der neofaschistischen
Sozialbewegung (MSI) und die blutige Niederschlagung von
Protestdemonstrationen gegen einen MSI-Parteitag im Januar 1973 in Rom
reagieren die BR am 12. Februar morgens in Turin mit der Entführung
des Provinzsekretärs der CISNAL Bruno Labate. Mittags ketten sie ihn
vor den Augen der FIAT-Belegschaft an einen Lichtmast am Werktor. Kein
Arbeiter rührt einen Finger, um ihn zu befreien. Erst die von der
Konzernleitung herbeigerufenen Carabinieri holen den Neofaschisten von
seinem Pranger. Auf einem um den Hals gehängten Schild wird die CISNAL
als Pseudogewerkschaft, Spalterorganisation, Streikbrecher und
Spitzeldienst der Unternehmer entlarvt.
Am 10. Dezember 1973 erfolgt mit der Geiselnahme des Personalchefs von
FIAT, Ettore Amerio, die erste regelrechte Entführung. Amerio wird
eine Woche lang festgehalten, für seine Freilassung werden erstmals
Bedingungen gestellt. Die BR verlangen, daß angekündigte Entlassungen
zurückgenommen und Aussagen von Amerio über Umstrukturierungsmaßnahmen
und das Spitzelsystem der CISNAL in der FIAT-Zeitung »La Stampa« sowie
im »Corriere della Sera« veröffentlicht werden. Diesen Forderungen
wird im wesentlichen entsprochen. Besonders die Rücknahme der
Entlassungen erhöht das Prestige der BR unter den Arbeitern des
Konzerns.
Agenten eingeschleust
Den Höhepunkt ihrer Aktionen erreicht die Gründergeneration im April
1974 mit der Entführung des Genueser Gerichtsvorsitzenden Mario Sossi.
Zu dieser Zeit sind bereits mehrere Agenten in die BR eingeschleust
worden. Einer von ihnen ist Francesco Marra. Als Fallschirmjäger in
einem NATO-Stützpunkt auf Sardinien hat er an einer Spezialausbildung
für Gladio-Angehörige in der Handhabung von Sprengstoff und des
»Schießens in die Beine« (eine später unter Moretti praktizierte
Methode) teilgenommen. Nachdem die BR mit ihrer Forderung nach
Freilassung von acht Häftlingen der Gruppe XXII. Oktober gescheitert
sind, versucht der Agent, unterstützt von Moretti, die Tötung der
Geisel durchzusetzen. Curcio und Franceschini lehnen das ab. Sossi
wird nach fünf Wochen freigelassen. In der Auseinandersetzung, die
nach der Sossi- Aktion in der BR-Leitung über die Linie des
bewaffneten Kampfes geführt wird, setzen sich Curcio und Franceschini
mit ihrem »moderaten« Kurs durch. Moretti, der für rücksichtslose
Tötungsaktionen eintritt, wird aus der Leitung ausgeschlossen.
Bis zum Frühjahr 1976 werden Curcio, Franceschini und weitere
Leitungsmitglieder durch eingeschleuste Agenten an die Geheimdienste
verraten und verhaftet. Mara Cagol ist im Juni 1975 in eine Falle der
Polizei geraten und auf der Flucht durch gezielte Schüsse getötet
worden, ohne daß dazu ein Anlaß bestand. Nachdem auf diese Weise der
historische Kern der Gründergeneration ausgeschaltet worden ist, kehrt
Moretti in die Brigadeleitung zurück und übernimmt die Führung. Unter
seiner Leitung beginnt die blutige Phase des bewaffneten Kampfes. Am
8. Juni 1976 startet die erste Tötungsaktion. Auf offener Straße
werden der Genueser Oberstaatsanwalt Francesco Coco, sein Fahrer und
ein weiterer Sicherheitsbeamter erschossen.
Sprunghaft steigen auch die blutigen Aktionen anderer linksextremer
Gruppen an, denen bis Ende 1978, die Anschläge der BR eingeschlossen,
fast 100 Tote und über 800 Verletzte angelastet werden. Höhepunkt
dieser »bleiernen Jahre« ist die Entführung und Ermordung des
christdemokratischen Parteivorsitzenden Aldo Moro im Frühjahr 1978,
mit der der »historische Kompromiß«, die Regierungszusammenarbeit mit
der IKP, zu Fall gebracht wird.
Im Rahmen ihrer Spannungsstrategie haben die CIA und die italienischen
Geheimdienste die blutigen Aktionen der extremen Linken systematisch
angeheizt. Franceschini schätzte ein, daß in den BR »andere Kräfte
mitmischten« und erklärte: »Die Brigate Rosse wurden
instrumentalisiert, nur ein Teil >unserer Aktionen< waren wirklich
unsere«. Der Gladio-Offizier Roberto Cavallaro bestätigte im Verlauf
der Untersuchung gegen die geheime NATO-Truppe, daß ein »guter Teil«
der linksextremen Anschläge »auf direkte Weisungen oder Einflußnahme
der Geheimdienste« zurückging.
Moretti wird von Curcio, Franceschini und weiteren Brigadisten der
Arbeit für die Geheimdienste beschuldigt. Dafür sprechen viele Fakten.
Schlüssige Beweise aber gibt es bis heute nicht. Moretti wurde wegen
der Entführung und Ermordung Moros zu einer langjährigen Haftstrafe
verurteilt. Bewiesen ist, daß er mit einem in der CIA- Zentrale für
Europa in Paris ansässigen Agenten namens Corrado Simioni eng
befreundet war und unter dessen Einfluß stand. Für RAF-Rechercheure
dürfte interessant sein zu wissen, daß die italienischen und
bundesdeutschen Geheimdienste bei der Infiltration linksextremer
Organisationen eng zusammenarbeiteten und regelmäßig Erfahrungen
austauschten.
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