junge Welt Ausland

4.8.2000
»Bewaffnete Propaganda« Kampf gegen Neofaschisten und Kapital: Vor 30 Jahren entstanden in Italien die Brigate Rosse.
Von Gerhard Feldbauer

*** Italien wird 1968/69 mit einem in Westeuropa überwunden geglaubten militanten Kampf der Arbeit gegen das Kapital konfrontiert: Er beginnt mit Streiks und Straßenschlachten und endet mit Entführungen und Bombenanschlägen. Dazwischen liegen Erfolge der Arbeiterklasse im Kampf um Löhne und Rechte am Arbeitsplatz, Volksabstimmungen über Ehescheidung und Abtreibung, internationale Aufmerksamkeit für Berlinguers Eurokommunismus, die Wählerstimmen für die KPI stiegen auf fast 34 Prozent (1976), sowie ein erdrutschartiger Machtverlust der katholischen Kirche und des christdemokratischen Regimes.

Das ist der Hintergrund für die folgende Geschichte über die Gründung der Roten Brigaden in Italien im August 1970. So wie die RAF in der Bundesrepublik organisierten die Brigaden in Italien den bewaffneten Kampf gegen das versteinerte kapitalistische Machtsystem. jW-Autor Gerhard Feldbauer, der soeben bei PapyRossa sein jüngstes Buch »Agenten, Bomben, Staatskomplott. Der Mord an Aldo Moro, Rote Brigaden und CIA« vorgelegt hat, erinnert an den heißen Herbst und die »bleiernen Jahre« in Italien. ***

Nicht ein paar Dutzend Kämpfer wie in Deutschland, sondern zwischen 7 000 und 11 000 Menschen haben in Italien in den siebziger Jahren den bewaffneten Kampf praktiziert (Primo Moroni 1994, Die Beute). Nicht wenige von ihnen kamen aus der IKP, waren Söhne und Enkel von Kommunisten und Kämpfern der Resistenza. Im Gegensatz zur RAF verfügten die Brigate Rosse und andere linksradikale Organisationen in Italien über eine Basis bei den Industriearbeitern. Davon zeugt, daß die zum linksradikalen Spektrum zählende Democrazia Proletaria, als sie nach Einstellung des bewaffneten Kampfes 1976 sich an den Parlamentswahlen beteiligte, 1,5 Prozent der Stimmen erreichte. Das entspricht etwa einer halben Million Wähler.

Wie die Partisanen

Für den Namen Brigate Rosse entschieden sich die Initiatoren erst einige Wochen nach der Gründungsversammlung in Pecorile im August 1970. Mit der Bezeichnung Brigaden wollten sie, wie Renato Curcio in einem Interviewbuch von Mario Scialoja (»Mit offenem Blick«, ID-Verlag, Berlin 1997) erklärt, an die Struktur der Partisanen anknüpfen. Die Farbe »rot« entnahmen sie nicht, wie allgemein angenommen, aus den Fahnen der Arbeiterklasse, sondern von der RAF. Mara Cagol, Curcios Frau, begründete das damit, daß »die Befreiung von Andreas Baader durch die Genossen der RAF, der Rote- Armee-Fraktion, die erste Stadtguerillaaktion in Europa« gewesen sei. »Armee« hielt man für »etwas übertrieben«, aber »Rote Brigaden« fand man in Ordnung. Der fünfzackige Stern im Kreis bildete laut Curcio den »schiefen Stern der Tupamaros« nach.

In bürgerlichen Darstellungen über die Brigate Rosse (BR) herrscht in der Bundesrepublik eine eingeengte Sicht vor. Vor allem werden die sozialen Wurzeln und die politischen Ursachen (neofaschistische Gefahr und mit dieser liierte staatliche Repression) als Triebkräfte negiert. Herausragend zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang das von den Neofaschisten als Auftakt der sogenannten Spannungsstrategie im Dezember 1969 in der Mailänder Landwirtschaftsbank auf der Piazza Fentana angerichtete Blutbad (16 Tote, fast 100 Verletzte). Jahrelang wurden unschuldige Anarchisten und andere Linke als angebliche Täter verfolgt. Das provozierte maßgeblich den Widerstand gegen den Repressionsapparat des herrschenden Regimes und eine Stimmung des »mit gleicher Münze Heimzahlens«. Soziale Motive In Italien war die soziale Lage eine unvergleichlich stärker wirkende Triebkraft des Linksradikalismus als nördlich der Alpen. Radikale Forderungen fanden unter den von Krisenauswirkungen besonders betroffenen Bevölkerungsschichten - Arbeitslose, Akademiker, perspektivlose Jugendliche, Studenten - Anklang. Unter den zwei Millionen Arbeitslosen der siebziger Jahre befanden sich 350 000 mit Hochschulabschluß. Dennoch nahmen Zehntausende weiterhin ein Studium auf. Die Universitäten wurden so zu »Parkplätzen« für Arbeitslose und gleichzeitig auch zu Zentren linksradikaler Aktivitäten.

Bürgerliche Darstellungen differenzieren auch nicht zwischen der politischen Linie der Brigate Rosse (BR) unter der Führung von Renato Curcio und Alberto Franceschini bis 1974/75 und der folgenden unter Mario Moretti. Mit den Gründerchefs Curcio und Franceschini an der Spitze orientierten sich die BR in ihrer Anfangsphase auf die Arbeiterbewegung. Sie artikulierten sich als eine radikale Organisation, die Arbeiterinteressen wahrnehmen werde, und lehnten politische Morde als Methode des bewaffneten Kampfes generell ab.

Das ändert sich schlagartig, als Moretti nach der Verhaftung Curcios und Franceschinis die Führung der Brigaden übernimmt. Es beginnen die »bleiernen Jahre«, die blutige Etappe der BR. Langjährige Untersuchungen in Italien, unter anderem durch eine Parlamentskommission, haben inzwischen bewiesen, daß V-Leute und Agenten der Polizei und Geheimdienste im Rahmen der von der CIA organisierten Spannungsstrategie die BR, wie andere linksradikale Organisationen auch, infiltriert hatten und ihre bewaffneten Aktionen systematisch anheizten.

Die programmatischen Grundsätze der BR entsprangen in der Gründungsphase dem ungestümen Aufbegehren einer jungen Generation. Diese stellte sich gegen den, als historischen Kompromiß bezeichneten, reformistischen und auf eine Klassenzusammenarbeit mit der Bourgeoisie ausgerichteten Kurs der IKP und beanspruchte für sich die Rolle der Avantgarde der Arbeiterklasse. Indem die IKP klassenkämpferische Positionen aufgab, um koalitionsfähig zu werden, begünstigte sie linksradikale Tendenzen.

In der Anfangsphase der BR gab es marxistische Ansätze, die von Antonio Gramsci ausgingen. Aber auch Ideen des Mitbegründers der IKP (1921) Amadeo Bordiga, der zum Linkssektierertum neigte, beeinflußten die Gründergeneration. Renato Curcio und Mauro Rostagno verfaßten 1968 als Studenten der Soziologischen Fakultät der Universität von Trentino die Schrift »Fuori dei Denti« (Offen gesagt), in der sie sich grundsätzlich zur Studentenbewegung und zur Strategie der neuen Linken in Italien äußerten. Sie wiesen die Losung »Fascisti, Borghesi, ancora pochi mesi« (Faschisten, Bourgeois, ihr habt nur noch wenige Monate) entschieden zurück und wandten sich überhaupt gegen »Abenteurertum« in jeglicher Form. »Das ist kein revolutionärer, sondern ein vorrevolutionärer Moment. Daher muß gesagt werden, daß es Abenteurertum entspricht, die Massen glauben zu machen, daß die Machtübernahme eine leichte und schnelle Angelegenheit ist. Es muß im Gegenteil betont werden: Es wird ein schwieriger und langwieriger Prozeß sein.«

Die Gründungsentschließung des Politischen Großstadtkollektivs zielte darauf, »die vielen sozialen Einpunktkämpfe in einen homogenen sozialen Kampf zu transformieren«. Auf einem Kongreß in Chiayara bei Genua im Dezember 1969 ging Curcio von Gramscis Begriff des »Stellungskrieges« als einer langen Periode von Klassenkämpfen aus, in der die Revolution nicht auf der Tagesordnung steht, und erklärte, es gehe daher »nicht so sehr darum, sofort zu siegen und alles zu erobern, sondern in einem lang dauernden Kampf zu wachsen und die mächtigen Hindernisse, welche die Bewegung auf ihrem Weg antrifft, dazu zu benutzen, den Sprung von einer spontanen Massenbewegung zu einer organisierten, revolutionären Bewegung zu schaffen«.

Es gelang den Gruppen des Großstadtkollektivs, bei FIAT, Pirelli, Sit Siemens und in weiteren Betrieben Zellen zu bilden und als Wortführer des radikalsten Teils der Arbeiter aufzutreten. Versammlungen, welche die Brigate Rosse in Arbeitervierteln von Mailand, Turin, Genua und anderen Städten organisierten, fanden beträchtlichen Zulauf. Insgesamt schafften es die BR jedoch nicht, ein dem Reifegrad und den Kampfbedingungen der italienischen Arbeiterbewegung entsprechendes revolutionäres Programm auszuarbeiten. Das war nicht unwesentlich auf den damaligen Einfluß der von Mao Zedong geprägten Ideologie der KP Chinas zurückzuführen und später vor allem auf den pseudorevolutionär getarnten Einfluß von Geheimdienstagenten.

Spitzel verprügelt

Die Gründergeneration praktizierte die sogenannte bewaffnete Propaganda. Das waren Aktionen zur Einschüchterung der Konzernmanager und gleichzeitig zur Unterstützung der sozialen Kämpfe der Arbeiter, vor allem ihrer Tarifforderungen. Es wurden Brandsätze geworfen und Fahrzeuge angezündet; das Wirken der neofaschistischen, im Dienst der Unternehmer stehenden Gewerkschaft CISNAL und ihrer Unternehmerspitzel entlarvt und diese oft auch verprügelt. Die Brigate Rosse forderten die Auflösung der privaten Werkspolizei, organisierten Sabotage im Produktionsprozeß, verlangten die Aufhebung des mörderischen Akkordtempos und führten viele ähnliche Aktionen durch. Später gingen sie dazu über, Personen, auch aus dem Repressionsapparat der Justiz, zu entführen, die sie in der Etappe unter Curcio und Franceschini nach einiger Zeit wieder freiließen.

Die »bewaffnete Propaganda« tritt zum ersten Mal am 17. September 1970 aktiv in Erscheinung, als sie den Pkw des Siemens-Managers Giuseppe Leoni in Mailand anzündet. Anschließend wird eine Liste mit Namen der »Spitzel der Padroni« verteilt. Es folgen Brandanschläge auf die Autos des Sicherheitschefs und des Personalchefs von Pirelli in Mailand und auf acht Lkw des Konzerns. Am 3. März 1971 wird der verhaßte Direktor für Arbeitsorganisation und Verantwortliche für die Geschwindigkeit der Fließbänder, Idalgo Macchiarini, entführt. Er wird 20 Minuten festgehalten und mit einem Schild auf der Brust fotografiert, auf dem steht: »Zuschlagen und abhauen! Nichts wird ungestraft bleiben! Einen treffen, um hundert zu erziehen!« Auf einem Flugblatt wird Macchiarini der Kollaboration mit den Neofaschisten angeklagt. Die Entführung löst bei den Pirelli-Arbeitern wahre Begeisterungsstürme aus, wird aber von einer Repressionswelle begleitet.

Auf das Paktieren der Democrazia Cristiana mit der neofaschistischen Sozialbewegung (MSI) und die blutige Niederschlagung von Protestdemonstrationen gegen einen MSI-Parteitag im Januar 1973 in Rom reagieren die BR am 12. Februar morgens in Turin mit der Entführung des Provinzsekretärs der CISNAL Bruno Labate. Mittags ketten sie ihn vor den Augen der FIAT-Belegschaft an einen Lichtmast am Werktor. Kein Arbeiter rührt einen Finger, um ihn zu befreien. Erst die von der Konzernleitung herbeigerufenen Carabinieri holen den Neofaschisten von seinem Pranger. Auf einem um den Hals gehängten Schild wird die CISNAL als Pseudogewerkschaft, Spalterorganisation, Streikbrecher und Spitzeldienst der Unternehmer entlarvt.

Am 10. Dezember 1973 erfolgt mit der Geiselnahme des Personalchefs von FIAT, Ettore Amerio, die erste regelrechte Entführung. Amerio wird eine Woche lang festgehalten, für seine Freilassung werden erstmals Bedingungen gestellt. Die BR verlangen, daß angekündigte Entlassungen zurückgenommen und Aussagen von Amerio über Umstrukturierungsmaßnahmen und das Spitzelsystem der CISNAL in der FIAT-Zeitung »La Stampa« sowie im »Corriere della Sera« veröffentlicht werden. Diesen Forderungen wird im wesentlichen entsprochen. Besonders die Rücknahme der Entlassungen erhöht das Prestige der BR unter den Arbeitern des Konzerns.

Agenten eingeschleust

Den Höhepunkt ihrer Aktionen erreicht die Gründergeneration im April 1974 mit der Entführung des Genueser Gerichtsvorsitzenden Mario Sossi. Zu dieser Zeit sind bereits mehrere Agenten in die BR eingeschleust worden. Einer von ihnen ist Francesco Marra. Als Fallschirmjäger in einem NATO-Stützpunkt auf Sardinien hat er an einer Spezialausbildung für Gladio-Angehörige in der Handhabung von Sprengstoff und des »Schießens in die Beine« (eine später unter Moretti praktizierte Methode) teilgenommen. Nachdem die BR mit ihrer Forderung nach Freilassung von acht Häftlingen der Gruppe XXII. Oktober gescheitert sind, versucht der Agent, unterstützt von Moretti, die Tötung der Geisel durchzusetzen. Curcio und Franceschini lehnen das ab. Sossi wird nach fünf Wochen freigelassen. In der Auseinandersetzung, die nach der Sossi- Aktion in der BR-Leitung über die Linie des bewaffneten Kampfes geführt wird, setzen sich Curcio und Franceschini mit ihrem »moderaten« Kurs durch. Moretti, der für rücksichtslose Tötungsaktionen eintritt, wird aus der Leitung ausgeschlossen.

Bis zum Frühjahr 1976 werden Curcio, Franceschini und weitere Leitungsmitglieder durch eingeschleuste Agenten an die Geheimdienste verraten und verhaftet. Mara Cagol ist im Juni 1975 in eine Falle der Polizei geraten und auf der Flucht durch gezielte Schüsse getötet worden, ohne daß dazu ein Anlaß bestand. Nachdem auf diese Weise der historische Kern der Gründergeneration ausgeschaltet worden ist, kehrt Moretti in die Brigadeleitung zurück und übernimmt die Führung. Unter seiner Leitung beginnt die blutige Phase des bewaffneten Kampfes. Am 8. Juni 1976 startet die erste Tötungsaktion. Auf offener Straße werden der Genueser Oberstaatsanwalt Francesco Coco, sein Fahrer und ein weiterer Sicherheitsbeamter erschossen.

Sprunghaft steigen auch die blutigen Aktionen anderer linksextremer Gruppen an, denen bis Ende 1978, die Anschläge der BR eingeschlossen, fast 100 Tote und über 800 Verletzte angelastet werden. Höhepunkt dieser »bleiernen Jahre« ist die Entführung und Ermordung des christdemokratischen Parteivorsitzenden Aldo Moro im Frühjahr 1978, mit der der »historische Kompromiß«, die Regierungszusammenarbeit mit der IKP, zu Fall gebracht wird.

Im Rahmen ihrer Spannungsstrategie haben die CIA und die italienischen Geheimdienste die blutigen Aktionen der extremen Linken systematisch angeheizt. Franceschini schätzte ein, daß in den BR »andere Kräfte mitmischten« und erklärte: »Die Brigate Rosse wurden instrumentalisiert, nur ein Teil >unserer Aktionen< waren wirklich unsere«. Der Gladio-Offizier Roberto Cavallaro bestätigte im Verlauf der Untersuchung gegen die geheime NATO-Truppe, daß ein »guter Teil« der linksextremen Anschläge »auf direkte Weisungen oder Einflußnahme der Geheimdienste« zurückging.

Moretti wird von Curcio, Franceschini und weiteren Brigadisten der Arbeit für die Geheimdienste beschuldigt. Dafür sprechen viele Fakten. Schlüssige Beweise aber gibt es bis heute nicht. Moretti wurde wegen der Entführung und Ermordung Moros zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Bewiesen ist, daß er mit einem in der CIA- Zentrale für Europa in Paris ansässigen Agenten namens Corrado Simioni eng befreundet war und unter dessen Einfluß stand. Für RAF-Rechercheure dürfte interessant sein zu wissen, daß die italienischen und bundesdeutschen Geheimdienste bei der Infiltration linksextremer Organisationen eng zusammenarbeiteten und regelmäßig Erfahrungen austauschten.

© junge Welt