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Quelle: Pressegruppe des 12. Antifa-Workcamps Donnerstag, den 27. 7. 2000
Demo FDJ und Rum
Gestern abend verschränkten sich gleich drei interessante Veranstaltungen und es gelang der
Org-Leitung nur mit einigem Jonglieren hinzukriegen, daß wenigstens nur zwei davon parallel
verliefen.
Die Veranstaltung von The VOICE zur Abschiebung von Alain Georges Dongmo, zur Situation von
Oppositionellen in Kamerun und vor allem zur Lage der Flüchtlinge in Deutschland, das mit
sehr klaren Worten als rassistisch und als Keimzelle eines neuen Faschismus bezeichnet wurde,
lockte deutlich weniger Leute (ca. 30) an als die Demo (ca. 150).
Im Anschluß an die informativen Referate der Freunde aus Kamerun und einer anschließenden
Diskussion traten gegen 23.00 Uhr die Agitproptruppen "Rote Trillerpfeifen" (FDJ)
und "Dynamo" gemeinsam im großen Zelt auf. Wegen der vorgerückten Stunde sahen wir
nur die Highlights aus ihrem Programm "Heute zwischen gestern und morgen II",
immer noch eine gute Stunde! Schade um jedes Stück und jedes Lied, das der Uhr geopfert
werden mußte. Das Thema Zeitreise beschäftigte auch die Münchner und Frankfurter
ProtagonistInnen. Hier sah die Reise allerdings so aus, wie man auch auf dem Programmheft
lesen kann (das es übrigens zu kaufen gibt - kleiner Tip: Es ist gelb!): "Zuerst die
DDR annektiert - dann Jugoslawien bombardiert!". Eine Zeitreise von 1990 bis heute. Da
traten sie dann auch alle auf die Bühne, die Lichterkettenleuchter, die Mörder, die Soldaten
und Generäle, die Nazis in Regierung, Kapital und auf der Straße, die Treuhändler, die
Revisionisten, die deutschen Gretchen und das ganze Gesindel. Sogar unser blutroter Kanzler
und unser olivgrüner Außenminister gaben sich ein sehr begeisterndes und deutlich positives
Stelldichein. Gerüchten zufolge sollen Leute vor Lachen vom Stuhl gekippt sein, kann aber
auch sein, daß es wirklich nur ein Gerücht ist. Manches Lachen blieb aber auch gründlich im
Halse stecken, z. B. angesichts einer die DDR würgenden und "Einigkeit und Recht und
Freiheit" markierenden BRD, oder der überall Deutsche machende BND. Der
agitprop-typische Einsatz von Requisiten ließ keinerlei Mißverständnisse aufkommen, wer hier
wen darstellt: Jacketts für die Kapitalisten, weiße Handschuhe für den Haifisch, der Zähne
hat, ein Riesenbauch, der aber noch Platz aufweist, für den Geldsack und Grablichter für die
braven Bürger, die um unser aller Ansehen im Ausland so besorgt sind. Für
Ernst-Busch-Kenner (und vor allem natürlich für die, die ihn nicht kennen und dadurch bisher
so einiges in ihrem Leben versäumt haben!!!) gab eine Münchner Genossin eine
A-Capella-Interpretation des Murmelliedes: erstmal kurz schlucken, dann kam der Applaus.
Einzelne Hervorhebungen spare ich mir aber jetzt wirklich! Doch, eine noch: ein wunderbar
lässiger "uns Joschka", dem man noch so richtig ansah, was für teuflisch wilde
Jahre die Siebziger für ihn waren. Und noch eine: Immer wieder ein absoluter Kalauer, auch
für die Veteranen der XIV. Weltfestspiele sowie der Ostermärsche und Antifa-Workcamps der
letzten Jahre, die dieses Stück kennen wie ihre Westentasche und immer wieder lachen, ist
die Interpretation der bananenschälenden BRD in dem Stück "Die Verlockung" durch
einen Genossen, dem ein paar Stücke weiter der Stahlhelm auf das Kinn rutschte (und da
gehört er nun wirklich nicht hin!).
Der letzte Teil des Programmes, der im Blauhemd vorgetragen wurde, war dann angesichts der
vielen DDR-Bürger im Publikum ein perfektes Zusammenspiel: Einheitsfrontlied, Sag mir wo du
stehst, Weltjugendlied wurden fast (aber nur fast!) ebenso laut auf die Bühne zurückgesungen
wie ins Publikum. Und weil alle anderen ReferentInnen von der Camp-Organisation ein kleines
Geschenk erhielten (Blümchen oder Camp-T-Shirts) erhielten auch die AgitproperInnen für
ihren Auftritt ein kleines Dankeschön: ´ne Flasche cubanischen Rum, der dann bis halb vier
Uhr früh zur Freude der umliegenden Zelte geleert wurde. Wir gingen erst dann ins Bett -
aber wirklich erst dann -, nicht als der Rum leer war (der hat nicht lange durchgehalten,
ganz un-cubanisch eigentlich!), sondern als uns allen keine Lieder mehr einfielen, die wir
nicht schon gesungen hatten. Dementsprechend konnte man heute morgen die üblichen
Verdächtigen mit roten Augen und heiser zum Frühstück und zu den Arbeitsprojektautos
schleichen sehen. Aber wie lernten wir gestern in einem gänzlich anderen Zusammenhang und
wissen es aus eigener Erfahrung mit C2H5OH: "Es kann ja nicht immer so bleiben!"
und gegen Mittag ist das Gröbste überstanden.
K. aus M.
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