junge Welt Inland

07.05.1998
Mit Enterprise durch die Geschichte?
Fragwürdiges Projekt für Jugendarbeit in Buchenwald

Ins 24. Jahrhundert fühlt man sich als Leser einer Pressemeldung des »AREA 1999 - Projektbüros« versetzt. »Planet Buchenwald - Deep Space Weimar« heißt ein Vorhaben, das Jugendliche an die Geschichte dieser Orte heranführen soll. Die Wortwahl löst - sicherlich gewollt - Assoziationen zur amerikanischen Science-Fiction-Serie »Star Trek« aus. Konsequent verfolgt das Projekt diese sprachliche Assoziation weiter. Die jugendlichen Besucher des Ortes sollen mit »space-scouts« auf die Suche nach »schwarzen Löchern« geschickt werden, in denen Geschichte verschwunden sei. Vielleicht findet man ja einen »Doorway« - hier fälschlich »Schneisen« genannt -, durch den man in vergangene Zeiten eintauchen kann. Was dann an Geschichtsbild herauskommt, könnte etwa folgendermaßen aussehen:

Hoch auf dem Berge, auf dem »Planet«, haben Klingonen (Synonym für die SS?) eine Kolonie errichtet, in der Humanoide (die Häftlingsgesellschaft?) gefangen gehalten werden. Unten im Tal, »Deep Space«, existiert ein Außenposten der Zivilisation. Den Austausch zwischen dem Planet und Deep Space stellen Ferengi her, die bekanntlich aus allem Profit schlagen wollen. Durch unbekannte Signale alarmiert (meint man damit etwa die Funkgeräte, die die Internationale Militärorganisation der Häftlinge gebaut hat?) schafft es die Besatzung des Föderations-Raumschiffes USS Enterprise (sind das die alliierten Truppen?), die schreckliche Herrschaft der Klingonen zu beenden und die hilflosen Humanoiden zu befreien. Die Welt ist wieder durch die Guten vor dem Untergang gerettet worden. Die Klingonen verschwinden daraufhin in den Weiten des Raumes und wurden nicht mehr gesehen. Und egal. wie kritisch die Situation auch war, jeder Fernsehzuschauer weiß, daß es - nach vielen Werbeunterbrechungen - am Ende einer Episode ein Happy-End geben wird. So etwa könnte man sich als erfahrener Trekky die Geschichte vorstellen, doch mit den realen historischen Verhältnissen in Buchenwald und Weimar hat das nichts zu tun.

Was also soll diese Adaption von Jugendkultur? Glaubt man etwa, auf solche Art junge Menschen besser ansprechen zu können? Jeder Gedenkstättenpädagoge weiß, daß für heutige Jugendliche die Geschehnisse von vor über 50 Jahren oft so weit weg sind wie historische Ereignisse des Mittelalters oder Altertums. Es käme also darauf an, aufzuzeigen, daß das Geschehen in Buchenwald tatsächlich etwas mit dem heutigen Leben der jungen Menschen zu tun hat. Sei es, indem man versucht, nachzuzeichnen, welche Konsequenzen die hier begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit hatten, sei es, daß man einen Bezug über Identifikationen z. B. mit Kindern und Jugendlichen, die ebenfalls in Buchenwald inhaftiert waren, herstellt.

Sicherlich erreicht man das nicht, wenn die Distanz von Jugendlichen zum historischen Ort durch Star-Trek- Assoziationen noch vergrößert und der reale Ort mit der Phantasiewelt vermischt wird. Wie weit junge Menschen damit »die Zukunft der Geschichte gestalten« können - so der anspruchsvolle Untertitel des Projekts -, ist mehr als zweifelhaft.

Aber vielleicht ist das auch eine zu weitgehende Interpretation. Der weitere Text der Pressemeldung vermittelt eher den Eindruck, als habe man einen »jugendgemäßen« Titel für ein Projekt gesucht, um Fördermittel des Bundesfamilienministeriums zu bekommen, um so den sichtbaren Mangel an pädagogischen Mitarbeitern in der Gedenkstätte Buchenwald zu kompensieren. Tatsache ist, daß die Gedenkstätte in den vergangenen Jahren eine deutliche Zunahme an Besuchern verzeichnete, jedoch durch die Personalsituation nicht in der Lage ist, den zahlreichen Nachfragen nach Führungen zu entsprechen. Damit dies im Zusammenhang mit dem Jahr 1999, wenn Weimar »Kulturstadt Europas« sein wird, kein zu offensichtliches Defizit wird, sollen 15 Freiwillige aus verschiedenen europäischen Ländern die pädagogische Abteilung unterstützen. Ihre Aufgabe soll es dabei sein, Schulklassen und andere Jugendgruppen in Buchenwald und Weimar als »Scouts« zu begleiten.

Zu begrüßen ist, daß hiermit bewußt eine Verbindung zwischen beiden Orten hergestellt wird. Denn es kann nicht angehen, daß sich Weimar als Hort deutscher Kultur präsentiert, jedoch die andere Seite deutscher historischer Realität, die faschistische Barbarei, außerhalb des Blickfeldes bleibt. Das KZ Buchenwald im Schiller-Museum zu präsentieren und Exponate des Goethe-Hauses auf dem Ettersberg zu zeigen, ist eine sinnvolle Verknüpfung, die den Widerspruch zwischen Kultur und faschistischer Unkultur, den »Zivilisationsbruch«, wie es im Projekt genannt wird, verdeutlichen kann.

Die ebenfalls geplante Freilegung einer Schneise zwischen dem Musenhof und dem KZ-Gelände dagegen scheint eher eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zu sein.

Es sei auf das 3. Jahrtausend hin unabdingbar, diesen Zivilisationsbruch zu verstehen, betonen die Initiatoren. Doch welches historisches Verständnis kann entstehen, wenn totalitarismustheoretische Vorgaben jeder Erkenntnis vorgeschaltet werden? So wird die Gedenkstätte gleichgewichtig als Ort des KZ und des Internierungslagers charakterisiert. War es in den abschließenden Empfehlungen der Historiker-Kommission noch unstrittig, daß das KZ das Hauptgewicht haben müsse, findet hier ein schleichender Nivellierungsprozeß statt, der mit dem ursprünglichen Ansatz, das Internierungslager als Folge der faschistischen Herrschaft zu erklären, immer mehr auseinandergeht.

Gleichzeitig sollen die Freiwilligen auf eine Interpretation eingeschworen werden, die die Arbeit der Gedenkstätte in früheren Jahrzehnten denunziert. Heute sei Buchenwald ein »offener Ort«, vor 1989 sei er dagegen »eingeschnürt in eine Deutung, die die DDR legitimieren sollte, aber den Menschen wenig zu sagen hatte«, heißt es in der Projektausschreibung.

Richtig ist, daß die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald dem antifaschistischen Selbsterweis der DDR diente. Doch erhob die DDR den antifaschistischen Anspruch - trotz aller heute diskutierbaren Einschränkungen - nicht durchaus zu Recht? Und in diesem Zusammenhang hatte die Gedenkstätte den Menschen - nicht nur in der DDR - viel zu sagen. Jährlich kamen mehrere hunderttausend Besucher auf den Ettersberg - mit innerer Anteilnahme und nicht nur »verordnet«, viele von ihnen auch aus dem Ausland.

Heute wolle man jungen Menschen keine »vorgefertigte Erzählung übermitteln«, sondern sich dem Besucher »für seine ihm eigenen Perspektiven« präsentieren. Offenheit mag richtig sein, aber welche Perspektiven haben junge Menschen auf Geschichte? Ist es aufgrund der historischen Distanz nicht vielmehr notwendig, ihnen Hilfestellungen zu geben, damit sie zu historischen Erkenntnissen gelangen? Ansatzpunkte gäbe es genug. Da wäre die dauerhafte personelle Absicherung der Jugendbegegnungsstätte über das Jahr 1999 hinaus oder die Unterstützung der ungeliebten Workcamps von R.O.T.K.Ä.P.C.H.E.N., an denen in den vergangenen Jahren viele engagierte Jugendliche teilnahmen. Es bedarf keiner krampfhaften »Star Trek«-Adaption, um junge Menschen anzusprechen. Es ist vielmehr eine Aufgabe zu zeigen, daß - um im Bild zu bleiben - es nicht reicht, mal eben mit der USS Enterprise durch Zeit und Raum zu jetten und dabei einen Abstecher auf den Ettersberg zu machen, um Geschichte zu begreifen.

Dr. Ulrich Schneider, Kassel

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