junge Welt Inland

18.12.1997
Anwerbeversuch gescheitert
Mischt der Verfassungsschutz bei kommunaler Jugendpolitik mit?

Im sächsischen Johanngeorgenstadt ist ein Anwerbeversuch des Verfassungsschutzes gescheitert. Am Montag nachmittag wurde der Antifaschist Thomas W., Freunde nennen ihn Lukas, von einem Mann mit undeutlich ausgesprochenem Namen, der sich als Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz in Dresden zu erkennen gab, angesprochen. Dem Dialekt nach könnte dieser Mann aus der Lausitzer Region stammen. Der Pkw, mit dem er nach dem Scheitern des Anwerbeversuchs davonfuhr, ein roter Mercedes, trug das Kennzeichen des Landkreises Aue- Schwarzenberg (ASZ), in dem Johanngeorgenstadt liegt. Außer ihm saß darin noch der Fahrer, der sich ansonsten zurückhielt. Nach W.s Angaben war der Werber an vertraulichen Gesprächen über die, wie er es nannte, linke Szene interessiert.

W. ist bei der politisch dem Bund der Antifaschisten (BdA) nahestehenden Jugendorganisation R.O.T.K.Ä.P.C.H.E.N aktiv. R.O.T.K.Ä.P.C.H.E.N organisiert jährlich verschiedene Antifa-Jugend-Workcamps in Gedenkstätten wie beispielsweise dem im ehemaligen KZ Buchenwald. Von Beruf Metallarbeiter, ist W. darüber hinaus im örtlichen städtisch getragenen Jugendclub engagiert. Für dessen Aktivitäten haben sich übergeordnete Stellen erst vor kurzem interessiert. Anläßlich des einjährigen Bestehens wollten die dort aktiven Jugendlichen unter Federführung von W. am 29. November ein Punkrock-Konzert mit mehreren Bands in der Sportstätte »Franz Mehring« veranstalten. Nachdem alles organisiert war und die Einhaltung sämtlicher Auflagen garantiert werden konnte, sprach die Stadtverwaltung des anerkannten Erholungsortes das Verbot mit der Begründung aus, der örtlichen Polizei lägen »Erkenntnisse« vor, wonach mit der Anreise einer unverhältnismäßigen Anzahl gewaltbereiter Gruppen zu rechnen sei. Zudem belaufe sich die zu erwartende Teilnehmerzahl nicht auf die angegebenen 300, sondern auf 1 000. Am Tag darauf, drei Tage vor dem Termin des geplanten Festes, kündigte Bürgermeister Wolfgang Kraus dem Jugendclub die Räume. Notgedrungen setzten die Jugendlichen ihre Bekanntenkreise davon in Kenntnis und daß man sich als Ersatz bei einem anderen Konzert in einem 30 Kilometer entfernten Ort treffen wolle. Dort verlief dann eine Veranstaltung mit 200 Punkern, Autonomen und sonstwie sich alternativ verstehenden Jugendlichen absolut friedlich, obwohl sich viele sicherlich eine andere Musik gewünscht hatten.

Die zuständige Pressestelle der Polizeidirektion Aue verwies auf Nachfrage von junge Welt nach dem Ursprung der Erkenntnisse an den Bürgermeister. Auf Nachfrage bei diesem, wer einen denn nun für dumm verkaufen wolle und was das für »Erkenntnisse« seien, gab der zu, als Bürgermeister gleichzeitig der Chef der örtlichen Polizeibehörde zu sein, gleichwohl die »Erkenntnisse« nicht aus erster Hand zu haben, auch nicht von Polizisten vor Ort und ebensowenig von der zuständigen Polizeidirektion. Von ganz oben also, und da bleiben, wie er gegenüber junge Welt bestätigte, nicht mehr viele Möglichkeiten. Ob die »Erkenntnisse« vom Landesamt für Verfassungsschutz stammten, woran man ja dann wohl denken müsse, dazu wollte er sich nicht äußern, nur, daß es »Erkenntnisse« aus zwei Bundesländern gäbe, aus Sachsen und aus Baden- Württemberg. Also zwei Landesämter?

Es spricht einiges dafür, das der Besucher des Antifaschisten W. aus Johanngeorgenstadt ein Mitarbeiter des Bundesamtes war. Ob er jemals wieder dienstlich in den Erholungsort im Fichtelgebirge mit dem Sessellift, auf den der Bürgermeister so stolz ist, geschickt wird, dürfte nunmehr fraglich sein. Daß das Amt im Hintergrund die Fäden gezogen hat und den Kommunalpolitiker, der sich für die Belange der Jugend seiner Stadt ansonsten nicht sonderlich interessiert, zu dem Veranstaltungsverbot bewogen hat, kann als sicher gelten. Das Konzert jedenfalls soll im März nachgeholt werden.

Christoph Laubscher

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