Im sächsischen Johanngeorgenstadt ist ein Anwerbeversuch
des Verfassungsschutzes gescheitert. Am Montag nachmittag
wurde der Antifaschist Thomas W., Freunde nennen ihn
Lukas, von einem Mann mit undeutlich ausgesprochenem
Namen, der sich als Mitarbeiter des Bundesamtes für
Verfassungsschutz in Dresden zu erkennen gab,
angesprochen. Dem Dialekt nach könnte dieser Mann aus der
Lausitzer Region stammen. Der Pkw, mit dem er nach dem
Scheitern des Anwerbeversuchs davonfuhr, ein roter
Mercedes, trug das Kennzeichen des Landkreises Aue-
Schwarzenberg (ASZ), in dem Johanngeorgenstadt liegt.
Außer ihm saß darin noch der Fahrer, der sich ansonsten
zurückhielt. Nach W.s Angaben war der Werber an
vertraulichen Gesprächen über die, wie er es nannte, linke
Szene interessiert.
W. ist bei der politisch dem Bund der Antifaschisten
(BdA) nahestehenden Jugendorganisation
R.O.T.K.Ä.P.C.H.E.N aktiv. R.O.T.K.Ä.P.C.H.E.N
organisiert jährlich verschiedene Antifa-Jugend-Workcamps
in Gedenkstätten wie beispielsweise dem im ehemaligen KZ
Buchenwald. Von Beruf Metallarbeiter, ist W. darüber
hinaus im örtlichen städtisch getragenen Jugendclub
engagiert. Für dessen Aktivitäten haben sich übergeordnete
Stellen erst vor kurzem interessiert. Anläßlich des
einjährigen Bestehens wollten die dort aktiven Jugendlichen
unter Federführung von W. am 29. November ein
Punkrock-Konzert mit mehreren Bands in der Sportstätte
»Franz Mehring« veranstalten. Nachdem alles organisiert war
und die Einhaltung sämtlicher Auflagen garantiert werden
konnte, sprach die Stadtverwaltung des anerkannten
Erholungsortes das Verbot mit der Begründung aus, der
örtlichen Polizei lägen »Erkenntnisse« vor, wonach mit der
Anreise einer unverhältnismäßigen Anzahl gewaltbereiter
Gruppen zu rechnen sei. Zudem belaufe sich die zu
erwartende Teilnehmerzahl nicht auf die angegebenen 300,
sondern auf 1 000. Am Tag darauf, drei Tage vor dem Termin
des geplanten Festes, kündigte Bürgermeister Wolfgang
Kraus dem Jugendclub die Räume. Notgedrungen setzten die
Jugendlichen ihre Bekanntenkreise davon in Kenntnis und
daß man sich als Ersatz bei einem anderen Konzert in einem
30 Kilometer entfernten Ort treffen wolle. Dort verlief dann
eine Veranstaltung mit 200 Punkern, Autonomen und
sonstwie sich alternativ verstehenden Jugendlichen absolut
friedlich, obwohl sich viele sicherlich eine andere Musik
gewünscht hatten.
Die zuständige Pressestelle der Polizeidirektion Aue
verwies auf Nachfrage von junge Welt nach dem Ursprung
der Erkenntnisse an den Bürgermeister. Auf Nachfrage bei
diesem, wer einen denn nun für dumm verkaufen wolle und
was das für »Erkenntnisse« seien, gab der zu, als
Bürgermeister gleichzeitig der Chef der örtlichen
Polizeibehörde zu sein, gleichwohl die »Erkenntnisse« nicht
aus erster Hand zu haben, auch nicht von Polizisten vor Ort
und ebensowenig von der zuständigen Polizeidirektion. Von
ganz oben also, und da bleiben, wie er gegenüber junge Welt
bestätigte, nicht mehr viele Möglichkeiten. Ob die
»Erkenntnisse« vom Landesamt für Verfassungsschutz
stammten, woran man ja dann wohl denken müsse, dazu
wollte er sich nicht äußern, nur, daß es »Erkenntnisse« aus
zwei Bundesländern gäbe, aus Sachsen und aus Baden-
Württemberg. Also zwei Landesämter?
Es spricht einiges dafür, das der Besucher des
Antifaschisten W. aus Johanngeorgenstadt ein Mitarbeiter
des Bundesamtes war. Ob er jemals wieder dienstlich in den
Erholungsort im Fichtelgebirge mit dem Sessellift, auf den
der Bürgermeister so stolz ist, geschickt wird, dürfte
nunmehr fraglich sein. Daß das Amt im Hintergrund die
Fäden gezogen hat und den Kommunalpolitiker, der sich für
die Belange der Jugend seiner Stadt ansonsten nicht
sonderlich interessiert, zu dem Veranstaltungsverbot
bewogen hat, kann als sicher gelten. Das Konzert jedenfalls
soll im März nachgeholt werden.