junge Welt Inland

21.04.1998
Neue Gedenkstätte für Nazi-Opfer eingeweiht
Polizei behinderte Workcamp zur Errichtung des Mahnmals

Gerade rechtzeitig zu den Feiern anläßlich des 53. Jahrestages der Befreiung des KZ Sachsenhausen durch die Rote Armee konnte am Montag ein Mahnmal für die Opfer des »Klinkerwerks«, einer Außenstelle des KZ- Sachsenhausen bei Oranienburg, eingeweiht werden.

Brandenburgs Kultur- und Wissenschaftsminister Steffen Reiche dankte allen, die dies ermöglichten. Neben der Firma, auf deren Grundstück sich das Gelände des künftigen sogenannten Geschichtsparkes befindet, und der Bundeswehr war das Antifa-Jugend-Workcamp von R.O.T.K.Ä.P.C.H.E.N am Aufbau des Mahnmals beteiligt. Dieser Zusammenschluß Jugendlicher aus Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Berlin veranstaltete vergangene Woche sein drittes Workcamp in Sachsenhausen.

Das Mahnmal besteht aus Klinkersteinen, die KZ- Häftlinge für den Bau der von Albert Speer konzipierten sogenannten Führerbauten einer neuen »Welthauptstadt Germania« in Berlin herstellen mußten. In der Form eines Dreiecks angelegt, dessen Oberfläche zu den beiden unteren Ecken hin unregelmäßig zerwürfelt ist, symbolisiert das Mahnmal die Markierungen, die die Häftlinge auf der Brust tragen mußten, aber auch das Ende der nationalsozialistischen Gigantomanie.

Joachim Müller, Mitglied des Beirats der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, erinnerte namens des Schwulen Museums Berlin an die lange verschwiegene Verfolgung Homosexueller durch die Nazis. Zusätzlich zu dieser Verfolgung durch die Nazis seien Schwule aber durch die alltägliche Schwulenfeindlichkeit der Gesellschaft diskriminert worden, die sich natürlich bis ins KZ fortgesetzt habe. »Wer draußen >schwule Sau< sagte, sagte das auch im KZ.« Kritisch zu bewerten sei der Opportunismus vieler Schwuler, der nicht wenige in die Nazi-Partei getrieben hat. Im aktiven Widerstand hätten sie sich dagegen selten engagiert. Und, so Müller weiter, 1945 habe die Diskriminierung nicht aufgehört. In der BRD habe die Gesetzgebung gegen Homosexuelle der Nazis »im Wortlaut« bis 1994 weiter gegolten.

In einem schriftlich am Rand der Gedenkveranstaltung verteilten Redebeitrag von R.O.T.K.Ä.P.C.H.E.N. werden schwere Vorwürfe gegen die Oranienburger Polizei erhoben. Die habe sich vorgenommen, das Workcamp massiv zu behindern, um es im nächsten Jahr vielleicht verbieten zu können. Die Polizei hatte ein Videogerät aus der Unterkunft der Workcamp-Teilnehmer als angeblich gestohlen beschlagnahmt, was sich jedoch als falsch erwies. Mit der Gedenkstättenleitung wolle man weiter zusammenarbeiten.

Am Sonntag waren in Germendorf bei Oranienburg die sterblichen Überreste von 26 KZ-Häftlingen beigesetzt worden. Sie waren in einer Kiesgrube auf einem Gelände der früheren Heinkel-Flugzeugwerke entdeckt worden. Dort hatten Häftlinge eines Außenlagers des KZ Sachsenhausen Zwangsarbeit verrichten müssen. Bei den Toten handelt es sich vermutlich um Osteuropäer und Franzosen.

Christoph Laubscher

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