R.O.T.K.Ä.P.C.H.E.N. Montag, den 24. 7. 2000

Lesung zu Schwulen im KZ



Bild: Jürgen Lemke

Am Montagnachmittag hatten wir die Gelegenheit, uns einem Thema mal nicht in Form einer trockenen Veranstaltung zu nähern. Zum Thema "Schwule im KZ" wurden Ausschnitte aus "Schlesisch Himmelreich", einem Stück von Jürgen Lemke, gelesen.

Jürgen Lemke hatte Anfang der 80er Interviews mit Erich Helwig geführt, der von 1934 bis 1945 in faschistischen Konzentrationslagern saß, weil er als Homosexueller verurteilt wurde. Er erzählte unter anderem von seiner Freundschaft mit Else, die er im dortigen Lagerbordell wiedergetroffen hatte. Im Stück verliebt sich Erich in einen jungen Rosa-Winkel-Träger, Bernie, der am liebsten die Überlebensregeln über Bord werfen und für eine kurze Zeit der Liebe sein Leben aufs Spiel setzen würde. Erich bremst ihn, weil er überleben will. Die Grundregel für einen Träger des Rosa Winkels lautete dabei, immer für sich zu bleiben. Da er dem Blockführer positiv aufgefallen ist, verordnet dieser ihm zweimal wöchentlich einen Bordellbesuch, um ihn "umzupolen". Jeden Dienstag und Donnerstag geht Erich also in den Block und trifft Else. In einem Gespräch zwischen dem Lagerarzt und dem Blockführer werden verschiedene Konzepte der Nazis für den Umgang mit Honosexuellen vorgestellt.

Die Ideen sind alle authentisch. So wollten die Nazis z. B. Schwule mit der Einpflanzung einer männlichen Sexualdrüse umpolen. Ziel war es, schon im Mutterleib die sexuelle Orientierung eines Menschen zu bestimmen. So sollte Homosexualität unter Deutschen ausgerottet werden und in den besetzten Gebieten gefordert werden, als Mittel der Bevölkerungspolitik. Für die Umerziehung im KZ gab es sogar die Möglichkeit einer "Abkehrprüfung", bei der die Träger des Rosa Winkels vor einer Kommission den Geschlechtsakt mit einer Frau vollziehen mußten. Diesen perversen Prozeß muß auch Erich vollziehen, begleitet von einer lächerlichen Bürokratie der Beamtennazis. Er besteht mit dem Kommentar seines Blockführers: "Ein Bombenfick, sozusagen..." Zum Glück hat Jürgen Lemke diese Szene ins Komödiantische gezogen, so daß es für die Zuschauer nicht all zu beklemmend wurde. Sehr nachdenklich wurde dann die Stimmung, als er in der Diskussion danach versicherte, daß er sich Sachen wie die "Abkehrprüfung" und andere Scheußlichkeiten nicht ausgedacht hatte.

Die oben erwähnte Einpflanzung männlicher Drüsen fand im KZ Buchenwald statt und danach wurden tatsächlich Krankenberichte mit dem Inhalt wie: "von 8 bis 9 Uhr Erektion" geführt.

Viel wurde auch über das Bordell, seine Rolle im Lageralltag und in der Geschichtsschreibung geredet. Aber dazu erwarten wir gespannt die Ergebnisse der Arbeitsgruppe , die sich mit diesem Thema befassen will.