Lesung zu Schwulen im KZ
Am Montagnachmittag hatten wir die Gelegenheit, uns einem Thema mal nicht in Form einer
trockenen Veranstaltung zu nähern. Zum Thema "Schwule im KZ" wurden Ausschnitte
aus "Schlesisch Himmelreich", einem Stück von Jürgen Lemke, gelesen.
Jürgen Lemke hatte Anfang der 80er Interviews mit Erich Helwig geführt, der von 1934 bis
1945 in faschistischen Konzentrationslagern saß, weil er als Homosexueller verurteilt
wurde. Er erzählte unter anderem von seiner Freundschaft mit Else, die er im dortigen
Lagerbordell wiedergetroffen hatte. Im Stück verliebt sich Erich in einen jungen
Rosa-Winkel-Träger, Bernie, der am liebsten die Überlebensregeln über Bord werfen und für
eine kurze Zeit der Liebe sein Leben aufs Spiel setzen würde. Erich bremst ihn, weil er
überleben will. Die Grundregel für einen Träger des Rosa Winkels lautete dabei, immer für
sich zu bleiben. Da er dem Blockführer positiv aufgefallen ist, verordnet dieser ihm
zweimal wöchentlich einen Bordellbesuch, um ihn "umzupolen". Jeden Dienstag und
Donnerstag geht Erich also in den Block und trifft Else. In einem Gespräch zwischen dem
Lagerarzt und dem Blockführer werden verschiedene Konzepte der Nazis für den Umgang mit
Honosexuellen vorgestellt.
Die Ideen sind alle authentisch. So wollten die Nazis z. B. Schwule mit der Einpflanzung
einer männlichen Sexualdrüse umpolen. Ziel war es, schon im Mutterleib die sexuelle
Orientierung eines Menschen zu bestimmen. So sollte Homosexualität unter Deutschen
ausgerottet werden und in den besetzten Gebieten gefordert werden, als Mittel der
Bevölkerungspolitik. Für die Umerziehung im KZ gab es sogar die Möglichkeit einer
"Abkehrprüfung", bei der die Träger des Rosa Winkels vor einer Kommission den
Geschlechtsakt mit einer Frau vollziehen mußten. Diesen perversen Prozeß muß auch Erich
vollziehen, begleitet von einer lächerlichen Bürokratie der Beamtennazis. Er besteht mit
dem Kommentar seines Blockführers: "Ein Bombenfick, sozusagen..." Zum Glück hat
Jürgen Lemke diese Szene ins Komödiantische gezogen, so daß es für die Zuschauer nicht all
zu beklemmend wurde. Sehr nachdenklich wurde dann die Stimmung, als er in der Diskussion
danach versicherte, daß er sich Sachen wie die "Abkehrprüfung" und andere
Scheußlichkeiten nicht ausgedacht hatte.
Die oben erwähnte Einpflanzung männlicher Drüsen fand im KZ Buchenwald statt und danach
wurden tatsächlich Krankenberichte mit dem Inhalt wie: "von 8 bis 9 Uhr
Erektion" geführt.
Viel wurde auch über das Bordell, seine Rolle im Lageralltag und in der Geschichtsschreibung
geredet. Aber dazu erwarten wir gespannt die Ergebnisse der Arbeitsgruppe , die sich mit
diesem Thema befassen will.
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