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4 Leute aus Erfurt
[04.08.2000]
Stellungnahme von 4 Leuten aus Erfurt
Stellungnahme zur Diskussion zu einem sexistischen Vorfall in Weimar und
den "Folgen" im Grenzcamp in Forst
Wir fühlen uns im Moment dazu genötigt, uns zwischen einer
antirassistischen und einer antisexistischen Position zu entscheiden. Es ist jedoch gegen
unsere politische Überzeugung, uns in einen antirassistischen und einen
antisexistischen Teil spalten zu lassen, da wir den Anspruch an emanzipatorische
Politik erheben, daß sie antisexistische und feministische genauso wie
antirassistische Positionen beinhaltet, nach außen hin vertritt und nach ihnen
handelt.
Deshalb möchten wir in diesem Papier unsere Position zu den Diskussionen
der letzten Tage aufschreiben und zur Diskussion stellen.
Zu Beginn möchten wir darauf eingehen, wie es unserer Meinung nach zu
einer solchen Situation kommen konnte. Wir möchten weiterhin Forderungen
aufstellen, wie sich weiterhin damit auseinandergesetzt werden kann und sollte.
Sexistische Übergriffe sind nicht das Problem von The VOICE, sondern von
allen Menschen, die in einer patriarchalen Gesellschaft leben, incl. The
VOICE.
Unsere Kritik an der E-Mail aus dem Workcamp (auf deren Erscheinen hin die
Auseinanersetzung begann; nachzulesen im Webjournal des Grenzcamps) ist,
daß nicht benannt wird, daß es sich um ein Problem aller handelt. Dadurch
konnte der Eindruck entstehen, The Voice sei allein für den Vorfall
verantwortlich.
Die Kritik am Deli-Plenum vom Montag ist, daß nach Kenntnisnahme der
e-Mail nicht alle, die beim Antifa-Workcamp waren, eingeladen wurden, sondern
eben nur The VOICE. Auch dies hat dazu beigetragen, daß der Eindruck entstehen
konnte, daß The Voice DIE Verantwortung für den Vorfall trägt.
Eine Forderungen von uns ist, daß sich das Antifa-Workcamp auf dem noch
anstehenden Nachbereitungstreffen und auch perspektivisch auf dem nächsten
Camp mit dem Vorfall auseinandersetzt und Handlungskonzepte entwirft, wie
solche Vorfälle in Zukunft vermieden bzw. behandelt werden können. Dort hat eine
inhaltliche Auseinandersetzung unseres Wissens nach bisher nur im direkten
Umfeld der Opfer stattgefunden.
Eine weitere Forderung an die Menschen im Grenzcamp hier in Forst ist, daß
feministische Forderungen von Frauen mehr respektiert, aufgegriffen und
unterstützt werden und nicht allein die Positionen der TäterInnen bzw. Personen
/ Gruppen, an die sich Forderungen von Frauen richten, eine zentrale Rolle
bei den Diskussionen spielen.
Zu den Diskussionen mit The VOICE hier im Camp möchten wir im Folgenden
Stellung nehmen.
In mehreren Plena zu diesem Thema wurde von verschiedenen Leuten darauf
hingewiesen, daß Sexismus alle angeht und in allen Strukturen vorhanden ist,
doch war es O. selbst, der die Verantwortung für den Vorfall im
Antifaworkcamp übernahm, indem er sich am Montag abend während der Vollversammlung für
den Vorfall im Namen von The VOICE entschuldigte und später in jeder
Diskussion Vorwürfe gegen The VOICE zurückwies, die dort gar nicht aufgestellt
wurden. So wurde zum Beispiel die Aussage, alle Flüchtlinge seien sexistischer
gegenüber The VOICE unseres Wissens nach im Grenzcamp nicht aufgestellt.
O. hat auf der Vollversammlung am Dienstag abend den TeilnehmerInnen des
Grenzcamps bzw. der Linken in Deutschland Rassismus vorgeworfen. Und das z.T.
aufgrund der Diskussionen um jenen Vorfall, für den er sich noch am vorigen
Abend in der gleichen Versammlung entschuldigt hatte. Die Vorwürfe waren
völlig undifferenziert. Es war den Leuten, die nicht an den verschiedenen
Diskussionen während des Tages teilgenommen hatten, nicht transparent, wie und
aus welchen Gründen sich dieser Positionswechsel vollzogen hatte.
Von O. wird das Vorhandensein einer Bewegung (an antisexist movement)
behauptet, die antirassistische Arbeit zerstören will und die rassistisch ist,
weil sie angeblich männliche Flüchtlinge generell als sexistische Täter
begreift und auch The VOICE und die Karawane angreift. Wir teilen die
Einschätzung, daß die Position, Flüchtlinge seien sexistischer, rassistisch ist. Nach
unserem Wissensstand wurden solche Behauptungen allerdings nie von linken
Gruppen - geschweige denn von einer Bewegung - aufgestellt und nach außen
vertreten. Sie sind natürlich in unserer Gesellschaft - und somit auch in linken
Zusammenhängen - vorhanden und jede/r muß sich mit ihnen kritisch
auseinandersetzen, sie hinterfragen und abbauen. Auch dies ist für uns eine wichtige
Forderung.
Unsere Befürchtung ist, daß sich The VOICE von uns zurückzieht, wenn wir
ihre Forderung nach einer Entschuldigung nicht erfüllen. Das ist absolut
nicht in unserem Interesse. Wir können und wollen uns aber nicht für eine e -
mail anderer Leute entschuldigen, die wir von Anfang an kritisierten. Außerdem
ist uns das Anliegen der Frauen wichtig auch wenn wir Kritik an der e-mail
haben und wir fordern auch von The VOICE dieses Anliegen ernst zu nehmen und
sich nicht als Opfer einer von FeministInnen organisierten
antirassistischen Verschwörung zu sehen / darzustellen.
Zum Schluß ein Vorschlag zur weiteren Vorgehensweise mit dem Thema:
Wir finden es wichtig, daß die Auseinandersetzung an dieser Stelle
weitergeführt wird, sehen uns aber unter dem beschriebenen Druck nicht dazu in der
Lage. Um eine solche Auseinandersetzung aller zu ermöglichen, muß der Druck
von den Diskutierenden genommen werden, der sich im Laufe der Diskussion
aufgebaut hat. Unter der Voraussetzung, daß The VOICE damit droht, daß
Grenzcamp zu verlassen und mit linken Gruppen in der BRD nicht mehr zusammen zu
arbeiten, bleibt die Diskussion unfruchtbar und solidarische Kritik ungehört.
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