Schritte im Kampf um die Köpfe der Menschen und um ihre eigenen
In der letzten EinSatz! haben wir uns mit der Entstehung der Revolutionären
Zellen beschäftigt. In dieser Ausgabe wollen wir die Entwicklung und die Geschichte
des Konzeptes RZ/ Rote Zora anhand einiger Aktionsfelder skizzieren. Eine vollständige
Chronologie der Aktionen, sowie eine Dokumentation der Veröffentlichungen der
RZ/Rote Zora findet sich in dem Buch „Die Früchte des Zorns“ erschienen im ID-Archiv.
Die RZ traten ’73 mit einem Anschlag auf den US-Konzern ITT
in Westberlin erstmals in Aktion, um die Beteiligung des Konzerns am Militärputsch
gegen Pinochet in Chile zu thematisieren. Ein Jahr später, im Rahmen der Kampagne
für die Abschaffung des § 218, agierten erstmals „Frauen der RZ“ mit einem Angriff
auf das Bundesverwaltungsgericht in Karlsruhe. Die Frauen der RZ organisierten
sich ab ’77 in der Roten Zora als eigenständige bewaffnet kämpfende Gruppe.
Die RZ versuchten in ihrer Zeitung „Revolutionärer Zorn“ die eigene Praxis zu
vermitteln und benannten dort ihre Aktionsfelder: „Antiimperialistische Aktionen“,
„Aktionen gegen die Filialen und Komplizen des Zionismus in der BRD“ und „Aktionen,
die den Kämpfen von Arbeitern, Jugendlichen und Frauen weiterhelfen sollen,
die ihre Feinde bestrafen und angreifen.“ Außer den „antizionistischen Aktionen“
wurden die Politikfelder zum Teil in modifizierter Form aufrechterhalten und
erweitert, z.B. durch die Teilbereichskämpfe in den 80ern, in die die RZ mit
bewaffneten Aktionen eingriffen. Die RZ/Rote Zora unterstützten die Anti-AKW-Bewegung
und den Kampf gegen die Startbahn West mit bewaffneten Aktionen. Auch eine Kampagne
gegen Fahrpreiserhöhungen in den 70ern wurde von den RZ mit militanten Aktionen
begleitet: ’75 wurden in fast allen Städten der BRD die Fahrpreise für öffentliche
Verkehrsmittel erhöht. Es kam zu Demonstrationen an denen sich Zehntausende
beteiligten. Die RZ beteiligten sich an diesem Kampf gegen Fahrpreiserhöhungen
mit dem Schwarzdruck von 120.000 Sammelfahrkarten im Wert von 360.000 DM. Diese
Karten verteilten sie in den ArbeiterInnenvierteln von Berlin zusammen mit einer
Erklärung. Die RZ hatten somit mehr Sammelkarten in Umlauf gebracht als die
Berliner Verkehrsgesellschaft selbst. In Köln, Frankfurt und zahlreichen weiteren
Städten der BRD sabotierten die RZ mit Anschlägen auf Fahrkartenautomaten die
Preispolitik des öffentlichen Nahverkehrs. Dies verdeutlicht, dass die RZ das
Anliegen der Linken, aber auch der Bevölkerung auf einer anderen Ebene ausdrücken
wollten, um diese weiter zu politisieren und zu radikalisieren.
Die 70er standen allerdings für die radikale Linke in der BRD in erster Linie
im Zeichen des Antiimperialismus mit antizionistischer Ausrichtung. Grund dafür
war die Annahme, dass Israel der Agent des westlichen Imperialismus in der arabischen
Welt sei. Deshalb solidarisierte sich die Linke im Westen mit dem palästinensischen
Befreiungskampf, mit dem die RZ schließlich zusammen arbeiteten. Deutlich wurde
dies ’75, als ein deutsch-palästinensisches Kommando unter der Leitung des bald
als „Top-Terrorist“ Carlos gesuchten Ilich Ramirez-Sanchez die OPEC-Konferenz
in Wien besetzte und Minister aus elf Ölstaaten als Geiseln nahm. Als das Gebäude
gestürmt wurde, wurden drei Sicherheitsbeamte erschossen und das damalige RZ-Mitglied
und heutiger Kronzeuge gegen die RZ, Hans-Joachim Klein schwer verletzt. Die
Geiseln wurden in Nordafrika freigelassen, das Kommando konnte sich absetzen.
Mit dieser Aktion wollten die RZ Druck auf die arabischen Staaten ausüben und
eine Positionierung gegen Israel erwirken.
Im Juni ’76 entführte ein Kommando bestehend aus zwei Palästinensern und den
RZ-Mitgliedern Brigitte Kuhlmann und Wilfried Böse eine Maschine der Air France
mit 257 Passagieren an Bord. Mit dieser Aktion sollten 50 Gefangene aus überwiegend
westdeutschen und israelischen Gefängnissen befreit werden. Da die Maschine
in Tel Aviv startete, befanden sich mehrere israelische Passagiere in der Maschine.
Von deren Geiselnahme versprach sich das Kommando Druck auf die israelische
Regierung ausüben zu können. Das Flugzeug musste nach erzwungener Landung auf
dem ugandischen Flughafen Entebbe stoppen. Hier wurde ein Teil der „nicht-jüdischen“
Geiseln freigelassen. Am 4. Juni ’76 stürmte eine Spezialeinheit der israelischen
Armee das Flugzeug. Alle Kommandomitglieder wurden getötet, die Aktion war gescheitert.
Der Misserfolg führte innerhalb der RZ zu Konflikten und endeten in einer faktischen
Spaltung. Teile der RZ stellten das sozialrevolutionäre Moment in den Vordergrund
und waren um dessen Vermittlung in der BRD bemüht. Diese traten auch in der
Folge weiter als RZ auf. Der andere Teil verstand es als Notwendigkeit den internationalistischen
und antiimperialistischen Kampf weiter als Schwerpunkt zu führen. Sie befürchteten
einen Fall in die Bedeutungslosigkeit, wenn sich die RZ nicht mehr auf Befreiungsbewegungen
im Trikont beziehen sollten und agierten schließlich nicht mehr unter dem Namen
RZ weiter.
’77 lief in der BRD der Film „Unternehmen Entebbe“ an, der die Entführung staatspropagandistisch
darstellte. Die RZ versuchten mit Brandanschlägen auf Kinos das Anlaufen des
Films zu verhindern. Bei diesen Aktionen wurde Gerd Albartus verhaftet und zu
einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Nach seiner Freilassung ging
er zurück in den Libanon und wurde ’87 dort aus bisher nicht geklärten Gründen
von einem Tribunal der dort mit ihm Organisierten zum Tode verurteilt und erschossen.
Sein Tod wurde ’91 von GenossInnen aus den RZ zum Anlass genommen, die eigene
antizionistische Politik zu reflektieren. „…Israelische Luftangriffe auf Flüchtlingslager,
das Massenelend in den besetzten Gebieten, das Regime des Schreckens, das die
Besatzungsmacht dort ausübte, …waren uns Grund genug und zugleich Vorwand, unser
Wissen über Auschwitz in den Hintergrund zu drängen. Wir machten uns die Losungen
des palästinensischen Befreiungskampfes zu eigen und setzten uns darüber hinweg,
dass unsere Geschichte eine vorbehaltlose Parteinahme ausschloss.“ (Gerd Albartus
ist tot, Dezember ’91)
Neben den erwähnten militanten Aktionen im Rahmen von Teilbereichsbewegungen,
initiierten die RZ Mitte der 80er die Kampagne „Erkämpft das freie Aufenthaltsrecht
für alle Flüchtlinge und ImmigrantInnen - Für freies Fluten“. Diese Kampagne
sollte den Kampf, der in den 70ern geführt wurde, mit neuer Qualität fortsetzen.
Antiimperialismus wurde nicht mehr nur als Unterstützung für Befreiungsbewegungen
verstanden, sondern konkret auch in der BRD als Unterstützung für Flüchtlinge
praktiziert. Diese Flüchtlingskampagne führte zur umfassendsten Anschlagsserie
der Roten Zora. Konzeptionell vertrat die Rote Zora den Ansatz der RZ, bezog
sich jedoch auf einen radikal feministischen Ansatz der Frauenbewegung. Die
Rote Zora beteiligte sich an Kampagnen der RZ, wie ’82 gegen den Nato-Gipfel.
Im Rahmen der Flüchtlingskampagne wurden in einer Nacht koordiniert neun Verkaufsfilialen
der Bekleidungsfirma Adler von der Roten Zora angegriffen. Adler produzierte
vorrangig in Südkorea und setzte auf die Ausbeutung von Frauenarbeit. In Südkorea
fanden Streiks statt, die mit den Anschlägen in der Metropole „BRD“ erfolgreich
unterstützt wurden.
Die Kampagne richtete sich auch gegen staatliche Abschiebepraxis und rassistische
Institutionen. Die RZ griffen polizeiliche oder sozialbehördliche Instanzen
an, um Flüchtlingen einen Raum zu schaffen, der sich den Kontrollmechanismen
des Staates entzieht. Parallel sollten konkrete Aktionen zur Unterstützung der
Flüchtlinge durchgeführt werden. Besonders die Situation der Flüchtlingsfrauen,
die sowohl von Rassismus, als auch von patriarchalen Strukturen betroffen sind,
stand im Mittelpunkt der Aktionen der RZ/ Rote Zora. Nach Einschätzung der RZ/Rote
Zora konnte diese Kampagne jedoch nicht den gesetzten Zielen gerecht werden
und blieb politisch isoliert. Ihr Misserfolg führte bei einigen dazu, den bewaffneten
Kampf aufzugeben. Die Kampagne stellte den Versuch dar, mit dem eigenen Konzept
in gewissen Punkten zu brechen. Sollten ihre Aktionen bisher als militanter
Ausdruck einer Bewegung verstanden werden, gab es während der Flüchtlingskampagne
keine Bewegung, die diese Aktionen aufgreifen konnte. Die RZ versuchten über
einen neuen Ansatz antiimperialistischer Praxis eine Teilbereichsbewegung zu
initiieren, mit der Hoffnung, dass aus dieser eine sozialrevolutionäre Kraft
würde. Diesem Ziel konnten die RZ nicht gerecht werden und beendeten ’91 die
Kampagne. In dem ’92 erschienenem Papier „Das Ende unserer Politik“ erklärten
Teile der RZ ihre Auflösung. Auch nach diesem vorläufigen Ende des Konzeptes
RZ fanden noch Anschläge unter dem Namen statt, jedoch konnten diese nicht darüber
hinwegtäuschen, dass die Aktionen isoliert und meist unvermittelt blieben, da
die Korrespondenz mit einer aktiven Bewegung, eines der Grundanliegen der RZ,
fehlte. Dies heisst jedoch nicht automatisch, dass ein Konzept, wie das der
RZ gescheitert sei, vielmehr bedarf es für dieses eine starke kämpfende Bewegung,
deren militante Speerspitze bewaffnet kämpfende Gruppen darstellen. Was den
RZ u.a. fehlte, war diese kämpfende Bewegung.