Wer kämpft für was am 1. Mai?
Weltweit. Vor über hundert Jahren legte die zweite Internationale den 1.
Mai als Kampftag der ArbeiterInnenklasse fest. Auch heute noch demonstrieren
jedes Jahr Millionen Menschen weltweit gegen Ausbeutung und Unterdrückung. In
der BRD hat der 1. Mai in seiner offiziellen Form seinen Charakter als Kampftag
jedoch schon lange verloren. Nicht Widerstand ist angesagt auf den Maifeiern
des DGB, sondern die Bekenntnis zur Verantwortung der Arbeiter zum „Standort
D“ und die höfliche Forderung, das Kapital möge sich doch dieser Verantwortung
auch stellen und die Löhne anheben. Und selbst für diese Zurückhaltung wird
sich in der Regel noch entschuldigt: selbstverständlich sind die höheren Löhne
nicht einfach nur Mittel für ein besseres Leben der ArbeiterInnen, sondern zur
Steigerung der Binnennachfrage gedacht.
Hintergrund für diese Buckelpolitik der Gewerkschaften ist der Korporatismus,
jene Zusammenarbeit von Arbeit und Kapital zum Zwecke der Förderung nationaler
Interessen. Und die Geburtsstunde des Korporatismus fällt zusammen mit dem Ende
der deutschen ArbeiterInnenbewegung als oppositioneller Kraft.
Der Nationalsozialismus und der „Tag der Arbeit“
Als den Faschisten ’33 die Macht in Deutschland übertragen wurde, wurde die
ArbeiterInnenbewegung erstes Opfer der Gleichschaltungspolitik. Die ArbeiterInnenparteien
wurden verboten, die Gewerkschaftshäuser gestürmt und verwüstet. Linke AktivistInnen
gehörten zu den ersten Menschen die von den Faschisten verfolgt, verschleppt
und ermordet wurden. Der 1. Mai jedoch wurde nicht abgeschafft, sondern in den
Stand eines gesetzlichen Feiertages erhoben. Vom Kampftag des Proletariats gegen
dessen Unterdrückung wurde er zum „Tag der Arbeit“. Jeglichen emanzipatorischen
Gehalts entkleidet war er nun Feiertag des deutschen Korporatismus. In der Ideologie
der Faschisten standen sich „nationales“ Kapital und „nationale“ Arbeit nicht
als Gegensätze gegenüber, sondern bildeten das „schaffende Kapital“, das den
Wohlstand der „Volksgemeinschaft“ schuf und gegen das „jüdische raffende (Finanz-)Kapital“
zu verteidigen war. Das Verhältnis zwischen Unternehmern und Beschäftigten wurde
daher gemäß dem Führerprinzip reorganisiert. Alle Arbeitskraft und alles Kapital
einzuspannen für die Interessen der Nation war Sinn des faschistischen Korporatismus.
Der 1. Mai sollte hierfür symbolisch stehen: Mit dem Bekenntnis zum Führer mussten
sich die ArbeiterInnen zum Dienst am Allgemeinwohl verpflichten, das keineswegs
identisch ist mit dem Wohl aller, sondern nur mit dem abstrakten Selbstzweck
Kapitals, sich zu verwerten und als Nation in der „Konkurrenz der Standorte“
zu bestehen.
Die BRD und der Klassenkompromiss
Die Befreiung Deutschlands vom Faschismus überlebte der 1. Mai als Staatsfeiertag
ebenso wie der Korporatismus, jetzt freilich nicht mehr nach den Maßgaben des
Führerprinzips, sondern nach denen des demokratischen Pluralismus organisiert.
Als formell gleichberechtigte Warenbesitzer sitzen sich jetzt die Agenturen
von ArbeiterInnenschaft und Kapital - also Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände
- am Verhandlungstisch gegenüber und handeln auf Vertragsbasis die Konditionen
für den Kaufpreis der Ware Arbeitskraft aus - flankiert von rechtlichen Garantien
des demokratischen Staates in bestimmten juristisch vorgegebenen Bahnen (Friedenspflicht,
Verbot wilder Streiks, etc.) ihre Konflikte austragen zu dürfen. Wer dies nicht
akzeptiert und den Frieden zwischen Kapital und Arbeit aufkündigen will, wird
- wie ’56 beim Verbot der KPD - Opfer der antikommunistischen Staatsdoktrin
und bekommt die ganze Härte der Staatsgewalt zu spüren.
Der Charakter des 1. Mai, der seit dem Ende des Faschismus vom neugegründeten
DGB in eigener Regie organisiert wird, ist entsprechend: Würstchenbuden, Bierstände
und vorneweg die Feuerwehrblaskapelle. Die Gewerkschaften der BRD sind keine
Kampforganisationen gegen den Kapitalismus, sondern lediglich die Vertretung
für Interessen, die sich auf Fragen von Lohnhöhe und Arbeitszeit beschränken.
Sie begehen den 1. Mai nicht als Kampftag gegen Ausbeutung und Unterdrückung,
sondern bewahren ihn in der Bedeutung, die er seit ’33 hat. Er drückt ihre Zugehörigkeit
zum Verwertungsprozess des Kapitals aus nicht ihre Opposition dazu. Dieses „Dazugehören“
freilich ist mit der Versicherung erkauft, stillzuhalten und jeden Weg mitzugehen,
den die Nation einzuschlagen gedenkt. Wenn es der Wettbewerb der Standorte verlangt,
Löhne zu senken und Sozialleistungen zu kürzen, sind die Institutionen der alten
ArbeiterInnenbewegung genauso dabei, wie wenn ein Krieg geführt werden muss,
um dem deutschen Imperialismus international Geltung zu verschaffen.
Auch wenn der Klassenkompromiss durch das Ende der fordistischen Massenkonsumära
der 60er und 70er Jahre den Menschen nicht einmal mehr die (relativen) Vorteile
bringt, die er zu Zeiten des Sozialstaats noch hatte, wird daran festgehalten.
Übriggeblieben ist damit vom Korporatismus nur noch das, wofür er ursprünglich
gedacht war: die Unterwerfung unter das Allgemeinwohl des bürgerlichen Staates.
No solution but revolution!
Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass diejenigen, die am 1. Mai jedes
Jahr ihre fundamentale Ablehnung gegen die herrschenden Verhältnisse zum Ausdruck
bringen wollen, mit der offiziellen ArbeiterInnenkultur der BRD nichts mehr
zu tun haben. Die revolutionären 1.-Mai-DemonstrantInnen gehen größtenteils
nicht als ArbeiterInnen auf die Straße, sondern einzig aufgrund ihrer Opposition
zum bürgerlich-kapitalistischen System. Nicht mehr so weitermachen zu wollen,
wie es dieses System für sie vorgesehen hat, ist ihr Antrieb und nicht ihre
ökonomische Stellung als Verkäufer von Arbeitskraft. Trotzdem - oder gerade
deshalb - gilt es am 1. Mai als Datum festzuhalten, an dem die revolutionäre
Veränderung der Gesellschaft als Notwendigkeit dargestellt wird. Sein Beispiel
zeigt, wohin die Aufgabe revolutionärer Politik zugunsten eines brav-demokratischen
Reformismus führt: Zur Anpassung an die Erfordernisse von Kapital und Nation.
Die revolutionäre Linke - nicht nur in der BRD - wird auch in diesem Jahr den
1. Mai nutzen, um ihren entschiedenen Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse
gegen jene ins Feld zu führen, die sich mit diesen Verhältnissen schon lange
arrangiert haben.