Sie werden immer schlimmer!
Deutschland. Geschlossene Heime für Kinder, „Einstiegsarrest“ für Jugendliche,
Erwachsenenstrafrecht für Heranwachsende, Abschiebung für AusländerInnen und
flächendeckende Videoüberwachung sowie verdachtsunabhängige Kontrollen für den
kläglichen Rest. So stellen sich die Konservativen der CDU/CSU „die Verhinderung
von Verbrechen durch soziale Prävention“ vor. Unter der Federführung Jürgen
Rüttgers (bisheriger CDU-Fraktionssprecher für Innen- und Rechtspolitik) entstand
ein 18-seitiges Positionspapier, mit dem sich die Union auf dem Sektor der „Inneren
Sicherheit“ neu positionieren will. Dies sei nötig, denn die Gesellschaft dürfe
nicht auseinanderbrechen in diejenigen, die sich schwarze Sheriffs leisten könnten
und diejenigen, die diese Möglichkeit nicht hätten, so Rüttgers.
Prävention & Repression heisst also das aktuelle Dreamteam der Law-and-Order-Kreuzritter
gegen die Verbreiterung der gesellschaftlichen Kluft zwischen Arm und Reich.
Angesichts des Forderungskataloges kann allerdings weder von Prävention noch
von neu die Rede sein. Vielmehr setzen Rüttgers und Co. wie eh und je auf verschärfte
Repression, so dass die Benennung ihres vermeintlichen Erfolgsrezeptes als Präferenz
der Repression dem Kern der Sache weitaus näher kommt.
Fehlende Werte und mangelnde Erziehung machen die Konservativen als Ursache
eines Anstieges der „Kinder- und Jugendkriminalität“ um 5,9% ’98 aus. Um „präventiv“
auf Kinder und Jugendliche einzuwirken, wird für die Stärkung der Erziehungsfähigkeit
der Familie plädiert. Die Familie, das meinungsbildende Stahlkorsett konservativer
Weltanschauung wird zügellos gefördert und hofiert, ohne die gesellschaftliche
Realität zu berücksichtigen.
Dabei ist die Ursachenforschung durch die Zielvorgaben bestimmt. Der Lösungsweg
als verortetes Ziel. Konsequenz konservativer Ideologie ist eine repressive
Überwachungspolitik, die jeden Ausfallschritt auf dem Marsch durch die Institutionen
von Kindesbeinen an quittiert. Belegt wird der vermeintliche „Kriminalitätsanstieg“
anhand der polizeilichen Kriminalstatistik des BKA. Die Aussagekraft dieser
Statistiken wird in der öffentlichen Diskussion jedoch nicht einmal thematisiert.
Zahlen werden unreflektiert hingenommen und als objektiv akzeptiert. Weder das
Zustandekommen, noch die Aussagekraft der Angaben wird hinterfragt. Und dies,
obwohl die Ergebnisse stark von dem Anzeigeverhalten der Bevölkerung, Fahndungs-
und Aufklärungserfolgen der Polizei, sowie nahezu willkürlich vorgenommenen
Deliktseinstufungen der Polizisten abhängig sind. Totschlagargumente mit pseudowissenschaftlicher
Fassade als Schützenhilfe des rechten Vormarsches.
Als Folge fordern die CDUler eine „Unterrichtsgarantie“ und „die Ausweitung
der Ganztagsangebote an allen Schulen“. Sog. Sicherheitspartnerschaften zwischen
Polizei, Verwaltungen, Schulen und Vereinen sollen ausgebaut werden. Im Endeffekt
geht es also darum, Kinder und Jugendliche tagsüber wegzuschließen und mit den
Werten und Normen ihrer Gesellschaft zu indoktrinieren, damit sie nicht auf
andere Gedanken kommen. Was sich hinter der Unterrichtsgarantie verbirgt, ist
in Bayern schon sichtbar. In München patrouillieren bereits Polizisten in Zivil,
um schwänzende Schüler zum Unterricht zu schleifen. Selbst Strafen für unentschuldigtes
Fernbleiben sind bereits in der Diskussion. Verordneter Zwang zur Gesellschaftsfähigkeit.
Na, vielen Dank! Und wenn strafunmündige Kinder dann doch mal straffällig werden,
soll die Internierung in geschlossene Heime wieder in den Mittelpunkt gerückt
werden, um nicht den Eindruck zu erwecken, Kinder hätten Narrenfreiheit.
Weiterhin sollen vermehrt Denkzettel-Strafen eingeführt werden. So soll Jugendlichen,
die eine Bewährungsstrafe erhalten haben, ein kleiner „Einstiegsarrest“ den
Ernst der Lage verdeutlichen. Schnupperangebote gratis! Bei Heranwachsenden
soll prinzipiell das Erwachsenenstrafrecht angewendet werden. Und wenn in Ausnahmefällen
doch einmal zum Jugendstrafrecht gegriffen wird, liegt nach dem Willen der Union
die Höchststrafe nicht bei zehn, sondern bei fünfzehn Jahren.
Ebenso ist bei einer Verurteilung von Nichtdeutschen zu einer Freiheitsstrafe
von einem Jahr (vorher drei Jahre) die zwingende Abschiebung vorgesehen. Weiter
geht’s dann mit dem großen Lauschangriff. Bei diesem Thema beharrt die Union
immer noch auf die Abschaffung der Ausnahmeregelungen. Selbst bei AnwältInnen,
ÄrztInnen oder JournalistInnen kann dann hemmungslos abgehört werden. Zusätzlich
wird die Möglichkeit zur Überwachung von Privatwohnungen mit Videokameras gefordert.
Und auch verdachtsunabhängige Kontrollen für das gesamte Bundesgebiet nach den
Vorbildern von Bayern und Baden-Württemberg stehen auf dem Wunschzettel der
1984er. Volle Kontrolle…
Das heiß diskutierte Herzstück des CDU-Papiers bildet jedoch die Überwachung
von öffentlichen Straßen und Plätzen per Videokamera. Demnach sollen in ganz
Deutschland sog. Kriminalitätsbrennpunkte durch ständige Überwachung entschärft
werden. Die Aufnahmen, auf die die Passanten ausdrücklich hingewiesen werden,
sollen spätestens nach 24 Stunden gelöscht werden, vorausgesetzt es geht keine
Strafanzeige ein. Die totale Überwachung. Rund um die Uhr. Die christdemokratische
Variante der „Kriminalitätsvorbeugung“. Die Gretchenfrage der Konservativen,
wie „Menschen in Zukunft sicher leben können“ soll mit Kameraaugen gelöst
werden.
Nach einer ersten Ted-Umfrage des RTL-Mittagsjournals „Punkt 12“ vom 14. März
2000 stößt der Vorschlag zur Videoüberwachung auf große Zustimmung. Nur 22,5%
der 31.581 beteiligten ZuschauerInnen sprachen sich gegen die totale Überwachung
aus. Zwar dürfte die Umfrage nicht gerade repräsentativ sein (wer guckt mittags
schon fern und dann noch RTL?), dennoch verdeutlicht sie eine Grundtendenz:
Nichts ist verdächtiger, als der jeweils andere. Wer nichts zu verbergen hat,
muss auch nichts befürchten bzw. der Umkehrschluss: Wer die Überwachung fürchtet,
hat auch etwas zu verbergen. Es geschieht nur zu unserer Sicherheit, dass wir
alle als potentielle Gefahr eingestuft werden und unter Generalverdacht stehen.
Vorausgegangen ist die jahrelange Beackerung der Thematik „Innere Sicherheit“.
Immer und immer wieder wurde der Bevölkerung eingetrichtert, welche Ausmaße
die „Kriminalität“ angenommen hat. JedeR Einzelne muss nicht nur um das wohlverdiente
Eigentum, sondern gar um Leib und Leben fürchten. Jetzt ist es Zeit, die Früchte
der harten Arbeit auch zu ernten und das aufgeputschte Sicherheitsbedürfnis
zu bedienen.
Zugegeben, das ist in der Tat eine präventive Herangehensweise. Präventiv, um
alles im Keim zu ersticken, was nicht ins Konzept passt. Als Argument halten
die üblichen Verdächtigen her: Menschen, die durch das soziale Raster fallen,
oder zum public enemy no. 1 stilisiert werden: Drogenabhängige, Obdachlose,
AsylbewerberInnen, TerroristInnen, die radikale Linke oder die „organisierte
Kriminalität“. Durch die ständige Beobachtung und Bespitzelung werden die Grenzen
unmerklich verschoben. Letztendlich gibt es keine Privatssphäre mehr. Durchsichtig
und durchschaubar wird jede Dolchstoßklinge entschärft sein. Horizontale Beobachtung
von oben gegen unten. Bewacher gegen Bewachte. Die systemsichernde Intention
dieser Stoßrichtung ist zu offensichtlich.
In der BRD hat auch ohne eine bundesweite Regelung die Überwachung mit Videokameras
schon längst begonnen. In München, Regensburg, und Leipzig laufen die Vorbereitungen
für das ungebremste Filmen und Registrieren bereits auf Hochtouren. Dass die
aufgezeichneten Informationen wirklich gelöscht und nur „bestimmungsgemäß“ gebraucht
werden, kann niemand garantieren. Wer sollte unerkannte Bewacher daran hindern,
Daten zu sammeln und auszuwerten? Die Bewachten werden dazu kaum in der Lage
sein. Ist es, um uns zu beschützen? Vor wem? Vor uns selbst? Und wer beschützt
uns vor den „Beschützern“? Hochsicherheitstrakt Deutschland.