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Die Gefahr aus dem Osten

Im Osten macht sich indessen jeder seinen eigenen Reim darauf, was es mit der deutschen Identität auf sich hat, nur ein bißchen anders, ein bißchen schnörkelloser und mit Sinn für das Praktische. Für die Rechtsradikalen ergibt Identität nur dann einen Sinn, wenn sie Ausländer jagen und totschlagen, was sie bis auf Ausnahmen auch dürfen, denn in der Regel verhalten sich die Strafverfolgungsbehörden im Osten merkwürdig passiv, wenn sie rechtsradikale Übergriffe aufklären sollen, und oft muß die Polizei erst durch übergeordnete Instanzen dazu gezwungen werden. Nicht unbegründet war schon der Verdacht, daß von staatlicher Seite die Einwände gegen die rechtsradikale Interpretation von Identität gar nicht so groß waren, wurde er später mit der Asylgesetzgebung der Regierung endgültig bestätigt. Mit viel Verständnis können daher die rechtsradikalen Schlägerbanden rechnen, weil ihre Vorstellungen von Identität als Absonderung und Ausrottung des Anderen, für sie Fremden, nach Überzeugung von Politikern und Sozialarbeitern doch nur die Sorgen und Ängste vor Überfremdung und Arbeitslosigkeit zum Ausdruck bringen, tatsächlich aber nur die Konsequenz ihres endlosen Geredes darüber sind.

Die ostdeutsche Identität, die hinter der westlichen Entwicklung weit zurückliegt, hatte ihre Sternstunde in Rostock und Hoyerswerda, als die Ossis der rechtsradikalen Avantgarde hilfreich zur Hand ging. Seither haben sie sich jedoch schmollend zurückgezogen. Der ehemalige Bürgerrechtler und spätere Umweltminister von Sachsen Arnold Vaatz vermutet hinter diesem störrischen Verhalten, daß »unsere Identität derzeit nicht geklärt [ist]. Identität eines Volkes umfaßt das Wissen darum, woher man kommt und wohin man geht. Da wir Deutschen unserer Identität nicht mehr sicher sind, sind wir in wichtigen Fragen ohne Orientierung.«

Zuhause strafen die Ostdeutschen die Westparteien mit Verachtung, d.h. sie wählen die PDS, deren Vorläufer immerhin der angebliche Grund war, weshalb sie den Anschluß an die BRD drohend forderten. Die unvorstellbare Summe von 600 Milliarden wurde nach Angaben von Finanzminister Waigel für die deutsche Einheit verpulvert (laut Robert Kurz liegt die Zahl noch weit höher). Das psychologische Befinden hat sich dadurch nicht verbessert. Noch immer gehen die Ostdeutschen davon aus, daß die Lasten der Einheit allein von ihnen getragen werden, und statt dankbar zu sein, fühlen sie sich als Bürger 2. Klasse, die von den Westdeutschen kolonisiert und unterdrückt werden, weshalb - wie das ZDF-HeuteJournal am 15.7.94 mitteilte - »die Minderheitsregierung in Sachsen-Anhalt mit SPD und Grünen die Identität der Ostdeutschen besonders berücksichtigen will«. Je mehr sich der Westen jedoch um die Ostdeutschen sorgt, je größer die Zugeständnisse und Streicheleinheiten, desto bockiger werden sie, weshalb ihre Identität der eines Zurückgebliebenen ähnelt, der soziale oder moralische Kategorien nicht kennt oder aus Dummheit (vielleicht auch Kalkül, das läßt sich so einfach nicht sagen) durcheinanderbringt. So gab Elfriede Brüning, Mitglied des proletarischen DDR-Schriftstellerverbandes, in einem Vortrag zu verstehen, daß die Nazis nur die Bücher der Juden verbrannt hätten, nach der Wiedervereinigung aber das Kulturgut einer ganzen Schriftstellergeneration vernichtet worden sei. Wenn es denn so gewesen wäre, man hätte dem Lauf der Welt endlich einmal zujubeln können.

Die im Sommer '94 von ostdeutschen Intellektuellen geführte Diskussion in der Jungen Welt über ostdeutsche Identität blieb auf merkwürdige Weise blaß und farblos. Man war sich nicht schlüssig, wer man als Ostdeutscher eigentlich sei, in Abgrenzung zu den westdeutschen Unholden hingegen wurden alle Vorurteile, die man sich über die Ossis so machen kann, folgsam rapportiert. Die in der sogenannten friedlichen Revolution sehnlichst herbeigewünschte Marktwirtschaft heißt im Ostjargon Kolonialisierung, und die Wünsche und Bedürfnisse der Ostdeutschen werden von den westlichen Kolonialherren mit Füßen getreten. »Dafür, daß unsere besondere Identität aufrechterhalten bleibt, sorgt jetzt die Siegerjustiz, sorgen Alteigentümer mit ihren Ansprüchen, auch Westimport-Nieten, die sich hier gesundstoßen ... War Honeckers Fristenregelung etwa nichts? War es nichts, daß in keinem Familienetat die Miete eine nennenswerte Rolle spielte? Daß es keine Obdachlosen gab, auch keine Zuhälter, keine Rauschgifthändler und dergleichen?« lamentiert Wolfgang Harich, der sich als bevorzugtes Opfer von Rauschgifthändlern und Zuhältern imaginiert. Aber Harich hat ein großes Herz. Nach der »nationalen« Aussöhnung der Ostdeutschen (zwischen den 17 Millionen Spitzeln mit den 17 Millionen Bespitzelten) »verzeihen [wir] den Westdeutschen, was sie uns wieder und wieder angetan haben«. Zu Tränen gerührt, die Westdeutschen, die sich fragen werden, womit sie das verdient haben.

Wie sich die Identität zukünftig entwickeln wird, läßt sich noch nicht bestimmt sagen, weil unklar ist, ob die unterschiedlichen Vorstellungen von Identität wieder zusammenfinden werden oder ob sie sich gegenseitig neutralisieren, ob die »auf Granit gebaute« Identität, die sich aus den kleinen alltäglichen Niederlagen speist, sich als kollektives Ressentiment aktivieren läßt und welche Faktoren dazu notwendig sind. Fest steht nur, daß bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge nichts Gutes von den Ostdeutschen zu erwarten ist, die die besten Voraussetzungen mitbringen, daß aus ihrer Überzeugung, betrogen worden zu sein, mehr als nur nostalgische Gefühle entstehen. Immer weniger aus dem Osten fühlen sich als Deutsche, sondern besinnen sich wieder auf ihre spezifisch ostdeutsche Identität. 35% fühlten im Januar 1993 ostdeutsch, 60% waren es bereits im Juli 1994. Weil sich die Ressentiments bisher noch gegen die aus dem Westen richten, bleibt die gesamtdeutsche Identität als kollektiver Wahn blockiert, und weil man sich die Hand nicht zu beißen traut, die einen füttert, veranstaltet man Pogrome gegen jene, die man für noch schwächer als sich selbst hält, und testet im kleinen, was im großen noch nicht möglich ist.

Die Frage ist, ob die depressive Stimmung aus dem Osten nicht auch mal auf die Westdeutschen übergreift. Die Asylbewerber, die inzwischen kaum mehr über die deutsche Grenze kommen, reichen als innerer Feind auf die Dauer für eine gemeinsame Identitätsbildung nicht aus, und ein äußerer Feind ist noch nicht in Sicht, der die Deutschen in die Depression stürzen könnte, nicht von allen auf der Welt geliebt zu werden. Der wirtschaftliche Niedergang ist in jedem Fall ein bewährter Vorgang, der die nationale Identität belebt, und auch der Fall der D-Mark ist ein verläßliches Identitätsbarometer. Vielleicht erleidet sie auch, wie nach der Wiedervereinigung, einen erneuten Rückschlag, bevor sie zu sich selbst finden und stabilisieren kann. Eine Konstante, mit der zu rechnen ist, bleibt sie immer, und es ist nur die Frage, wann sie virulent wird. Zur Gefahr für andere wird die deutsche Identität mit Sicherheit dann, wenn alle von der Übellaunigkeit befallen werden, unter der bislang hauptsächlich die Ostdeutschen leiden. Die häufige Hundehaltung in Berlin ist ein kleines Indiz für diese chronisch schlechte Laune, denn kaum jemand wird hemmungsloser, lauter und aggressiver angebrüllt, zugerichtet und verdroschen wie der eigene Köter. Wenn dann jemand die Bereitschaft der unzufriedenen Massen auszunutzen versteht, indem er ihnen statt eines Köters, auf dem herumzuhacken auf Dauer keine erhebenden Gefühle verschafft, einen Verantwortlichen präsentiert, auf den sich aller Haß und alle Vorurteile projizieren lassen, dann jedenfalls werden die Folgen der Identität ebenso unberechenbar und unerklärlich sein wie schon einmal, als die Deutschen halb Europa in Schutt und Asche legten.



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