Zum Tod von Martin Seckendorf
19. Oktober 2020

Vor ein paar Tagen erreichte uns die traurige Nachricht, dass Dr. Martin Seckendorf mit 82 Jahren gestorben ist.

Martin Seckendorf war ein Historiker, der sein berufliches und politisches Leben der Erforschung der Verbrechen des deutschen Faschismus, der deutschen Eroberungs- und Vernichtungspolitik während des Zweiten Weltkriegs gewidmet hat. Seine Veröffentlichungen zu ”Hellas unterm Hakenkreuz”, über die Massaker an der Zivilbevölkerung, über die Shoah in Griechenland sowie den Raubzug der deutschen Besatzungsmacht waren immer eine wichtige Quelle unserer Arbeit. Auf vielen Veranstaltungen und Tagungen haben wir uns gemeinsam mit Martin Seckendorf für die Entschädigung der griechischen NS-Opfer eingesetzt sowie Reparationszahlungen an Griechenland gefordert. Wir haben Martin Seckendorf als einen engagierten und kämpferischen Antifaschisten kennen gelernt, als einen überaus kompetenten und sympathischen Wissenschaftler ohne Eitelkeiten. Die Zusammenarbeit mit ihm war eine große Freude. Wir werden an unserem gemeinsamen Ziel weiterarbeiten, gegen den in Europa wieder aufkommenden Faschismus und Rassismus, für eine solidarische Gesellschaft.

Martin Seckendorf wird fehlen.

Grußwort des AK Distomo zur Online-Veranstaltung anlässlich des

Gedenktages des Massakers vom 14. September 1943
in Viannos auf Kreta

Für den Arbeitskreis Distomo überbringe ich auch in diesem Jahr herzliche und solidarische Grüße aus Hamburg. Einige unserer Freundinnen und Freunde sind auf Kreta, um mit euch des Massakers vom 14. September 1943 zu gedenken, für das keiner der deutschen Mörder der 22. Infanterie-Division je zur Verantwortung gezogen und für das keines der Opfer und deren Familien je entschädigt wurde.

Der AK Distomo engagiert sich seit vielen Jahren für die Entschädigung der Opfer der Naziverbrechen in Griechenland. Wir unterstützen ebenfalls die Forderung nach Reparationen und Rückzahlung der Zwangsanleihe, die Nazideutschland dem griechischen Staat während der deutschen Besatzung abgepresst hatte. Viele schöne Worte der Trauer und der Scham hat es in den letzten Jahren von den offiziellen Vertretern Deutschlands gegeben. Aber diese Worte bleiben so lange reine Rhetorik, wie so gut wie nichts an Griechenland und seine Opfer für die deutschen Verbrechen gezahlt wird.

Mit großer Sorge beobachten wir, dass heute wieder europaweit Unmenschlichkeit Grundlage der Politik wird. Gegenstand dieser Unmenschlichkeit sind Männer, Frauen und Kinder, die vor Krieg und Bürgerkrieg geflohen sind und Schutz in Europa suchen. Tausendfach sind Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken. 20.000 haben in Moria in einem Lager vegetiert, das für 2.800 Menschen gebaut worden war. Wir sind erschüttert von den Bildern des brennenden Flüchtlingslagers und dem Leid der Menschen, denen ihre Würde genommen wird, indem sie nicht als Menschen, sondern als Mittel einer europäischen Abschreckungspolitik präsentiert werden.

Der Umgang mit den Leidtragenden der Kriege der heutigen Tage ist eine neue Form der Barbarei, die Nationalismus, Rassismus, Hass und faschistische Ideologien fördert und Hilfsbedürftige ihrem Schicksal überlässt.

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Widerstandskämpfer Manolis Glezos im Alter von 97 Jahren verstorben

31. März 2020

Seine konsequente antifaschistische Haltung, sein aktiver Widerstand gegen die Nazibesatzung, sein Kampf gegen die Mititärjunta und das gemeinsame Eintreten für die Entschädigung von NS-Opfern sind für uns auch in Zukunft Orientierung für unserer Handeln und Motivation nicht nachzulassen im Kampf für seine Ziele.

Es war eine große Ehre für uns mit Manolis für die Entschädigung griechischer NS-Opfer vor der Akropolis zu demonstrieren, von der Manolis mit seinem Freund Apostolis Santas im Mai 1941 die Hakenkreuzfahne herunterholte.

Wir trauern mit allen Antifaschist*innen weltweit um Manolis Glezos.
Nirgends auf der Welt darf eine Nazi-Fahne wehen!

Nachruf der Internationale Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) als Pdf-Dokument

Antifaschistische Solidarität
in Zeiten der sogenannten Flüchtlingskrise

Aufruf des AK Distomo
17. März 2020

Wir haben einen Aufruf verfasst, der von möglichst vielen Menschen und/oder Gruppen in Griechenland und Deutschland unterstützt werden sollte. Bitte teilt uns mit, ob wir eure Namen darunter setzen können. Wir werden dann den Aufruf verbreiten und bitten euch dies auch zu tun.

Antifaschistische Solidarität in Zeiten der sogenannten Flüchtlingskrise

Antifaschistinnen und Antifaschisten aus Deutschland und Griechenland fordern: Die Gewalt gegen Geflüchtete auf griechischen Inseln wie Lesbos, aber auch an der griechisch/türkischen Landgrenze muss aufhören. Geflüchtete brauchen Schutz und Solidarität. Dies ist nicht zuletzt die Lehre aus der faschistischen Barbarei Nazideutschlands.

Seit vielen Jahren engagieren wir, Menschen aus Deutschland und Griechenland, uns gemeinsam für Gerechtigkeit gegenüber den Opfern der Naziverbrechen im besetzten Griechenland. Wir fordern die Entschädigung der Opfer sowie Reparationsleistungen Deutschlands an den griechischen Staat. Die Bundesrepublik Deutschland ist bis heute nicht bereit, die Verantwortung für die Verbrechen Nazideutschlands an der griechischen Bevölkerung zu übernehmen. Doch wir sagen: Die Verbrechen Nazideutschlands dürfen nicht ungesühnt bleiben, sonst droht eine Wiederholung.

Schon seit Jahren leben Geflüchtete auf der Insel Lesbos und anderen griechischen Inseln unter erschreckenden Bedingungen. Völlig überfüllte Lager, ohne festes Dach über dem Kopf, ohne ausreichende Ernährung oder medizinische Versorgung. Als wäre dies nicht schon schlimm genug, hat sich die Lage in den letzten Wochen zugespitzt. Uns erreichten Bilder und Nachrichten von der Insel Lesbos, die wir in Europa nicht für möglich gehalten hätten. Faschistische Milizen haben Teile der Insel übernommen, patrouillieren dort und greifen Geflüchtete an. Sie attackieren aber auch Mitarbeiter von NGOs und andere Unterstützerinnen, zuletzt auch Journalisten, die über diese Zustände berichten. Schutzeinrichtungen für Geflüchtete wurden in Brand gesetzt. Die Polizei greift nicht ein, die Sicherheitskräfte lassen die Faschisten gewähren. Das Leben der Geflüchteten ist in akuter Gefahr.

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Ekklisi sta EL... (Pdf)

Griechenland unter deutscher Besatzung
(1941-1944)

Massaker - Ausplünderung - Holocaust

Für heutige Touristen ist Griechenland vor allem ein schönes Urlaubsziel, bestimmt durch Sonne, Tavernen und die Überreste der griechischen Antike - Akropolis, Delphi oder Olympia. Von der jüngeren Geschichte, insbesondere der deutschen Besatzung Griechenlands während des zweiten Weltkriegs, wissen die meisten nur wenig. Griechische Ortsnamen wie Distomo, Kalavryta und Kommeno standen jahrelang in keinem Reiseführer. Sie stehen jedoch beispielhaft für die nationalsozialistischen Verbrechen an der griechischen Zivilbevölkerung und die Erinnerung an das erfahrene Leid. Am 10. Juni 2004 jährt sich das Massaker von Distomo zum 60. mal, mit einer Gedenkfeier wird auch dieses Jahr den 218 Menschen gedacht werden, die 1944 von einer SS-Einheit ermordetet wurden.

Am 6. April 1941 überfiel die deutsche Wehrmacht Griechenland. Die militärische Besatzung dauerte bis zum 3. November 1944 an. Kennzeichen war ein allgegenwärtiger Terror gegen die griechische Zivilbevölkerung, die Vernichtung des größten Teils der jüdischen Bevölkerung und die ökonomische Ausplünderung des Landes unter Inkaufnahme tausendfachen Hungertodes. Ca. 15 % der griechischen Bevölkerung kam während dieser Zeit ums Leben. Auf den Partisanenkrieg des griechischen Widerstands reagierten die Deutschen mit wahllosen Greueltaten. Mindestens 30.000 griechische Zivilisten fielen sogenannten Vergeltungsaktionen der deutschen Besatzungstruppen zum Opfer, hunderte von Dörfern wurden zerstört, Tausende starben in Gefängnissen und Konzentrationslagern. Die jüdische Bevölkerung Griechenlands wurde systematisch erfasst, in die Vernichtungslager deportiert und dort ermordet. 58.000 Jüdinnen und Juden, ca. 83 % der griechischen Juden wurden ermordet, die große jüdische Gemeinde in Thessaloniki fast vollständig vernichtet, ihr Vermögen geraubt.

Die Verbrechen während der deutschen Besatzung Griechenlands sind in der Bundesrepublik Deutschland ohne jede rechtliche Konsequenz geblieben. Vor deutschen Gerichten wurde bis heute nicht einer der Täter verurteilt, die meisten Opfer wurden niemals entschädigt. Die bundesdeutschen Nachkriegsregierungen taten alles, um die Kriegsverbrecher vor strafrechtlicher Verfolgung zu schützen, denn die ehemaligen Wehrmachtsoldaten wurden zum Aufbau der Bundeswehr gebraucht. Gleichzeitig widersetzte man sich den griechischen Forderungen nach Entschädigungsleistungen. Bis heute behauptet die Bundesregierung, mit einer einmaligen Zahlung von DM 115 Mio. im Jahr 1961 sei alles erledigt. Dieser Betrag deckte aber noch nicht einmal im Ansatz die Schulden der BRD gegenüber Griechenland ab.

Die griechischen Opfer der Massaker von Wehrmacht und SS wie auch die meisten Überlebenden des Holocausts haben bis heute keine Entschädigungsleistungen erhalten. Sie fordern von der deutschen Regierung die Anerkennung der Verbrechen und eine angemessene Entschädigungsleistung. Von der gegenwärtigen Bundesregierung wird zwar ”Trauer und Scham” bekundet (Bundespräsident Rau in Kalavryta), an der Haltung der Bundesregierung zur Entschädigungsfrage hat sich indes bis heute nichts geändert. Aus Berlin kommt stets dieselbe monotone Antwort: Es wird nicht gezahlt!

Deutschland ist verpflichtet, allen Opfern der nationalsozialistischen Verbrechen eine angemessene Entschädigung zu zahlen. Die Weigerung der Bundesregierung stellt eine permanente Demütigung der Opfer und eine Nichtanerkennung der Verbrechen dar. Nach über 70 Jahre nach dem Ende der deutschen Besatzung muss den Überlebenden und Hinterbliebenen endlich Gerechtigkeit widerfahren.

Diese kategorische Weigerung auch nur in Verhandlungen einzutreten, führte zu einer Welle von Klagen gegen die Bundesrepublik Deutschland, vor allem vor griechischen Gerichten. Im Fall Distomo gelang dabei ein spektakulärer Erfolg. Deutschland wurde im April 2000 vom obersten griechischen Gerichtshof (Areopag) rechtskräftig zur Zahlung von ca. 28 Mio. verurteilt, dennoch hat Berlin bis heute keinen Cent gezahlt. Mit politisch-diplomatischem Druck wurde die griechische Regierung erfolgreich genötigt, die Vollstreckung gegen Deutschland aus dem Distomo-Urteil zu unterbinden.

Eine Durchsetzung des Urteils in Griechenland wurde somit unmöglich. Die Kläger aus Distomo wandten sich nach Italien und beantragten vor italienischen Gerichten die Vollstreckung der griechischen Urteile. Sämtliche italienischen Gerichte bis hin zum Kassationsgerichtshof in Rom bestätigten die Vollstreckbarkeit der griechischen Urteile. Der Immunitätseinwand Deutschlands wurde zurückgewiesen, da dieser auf Verbrechen gegen die Menschheit nicht anwendbar ist.

Doch Deutschland wollte sich den italienischen Urteilen noch immer nicht beugen und erhob am 23.12.2008 Klage gegen Italien vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Bei einem Gipfeltreffen im Herbst 2008 in Triest hatten die deutsche und die italienische Regierung (Merkel/Berlusconi) einvernehmlich die Einleitung des Verfahrens vor dem IGH beschlossen, um die Durchsetzung der berechtigten Entschädigungsansprüche von NS-Opfern gegenüber Deutschland auf diese Weise zu vereiteln.

Am 3.2.2012 verkündete der Internationale Gerichtshof in Den Haag seine Entscheidung im Fall Deutschland ./. Italien. Er gab der Klage Deutschlands statt und gewährte der Bundesrepublik Immunität gegenüber Klagen von NS-Opfern in Italien. Mit diesem Urteil wurde der Klageweg für NS-Opfer in deren Herkunftsländern versperrt und bedeutet eine Kapitulation des Rechts vor der Macht. Das Ergebnis ist eine faktische Beseitigung des Individualrechtsschutzes für die Opfer von Kriegs- und Menschheitsverbrechen. Selbst schwerste Staatsverbrechen sollen keine Ausnahme mehr vom Prinzip der Staatenimmunität erlauben.

In Italien wurde das Urteil des IGH in italienische Gesetze umgewandelt, nach denen Klagen gegen deutsche Verbrechen während des II. Weltkriegs abzuweisen sind. Allerdings widerspricht dieses Gesetz dem in Italien verbürgten Grundrecht auf Zugang zu den Gerichten. Folglich erklärte am 22.10.2014 das italienische Verfassungsgericht dieses Gesetz für verfassungswidrig!
Die Prozesse von italienischen NS-Opfern gegen Deutschland vor italienischen Gerichten werden weiter geführt. Rechtskräftige Urteile wie im Fall Distomo können von der Bundesrepublik nicht mehr angefochten werden, sondern müssen umgesetzt werden.

Für die sofortige Entschädigung aller griechischen Opfer des Nationalsozialismus!